Vorhersagbar

28. Juli 2010

Gestern Nachmittag, im Auto. Nach vielen Jahren höre ich mal wieder Deutschlandfunk. Und bin durchaus angetan von der informativen Mischung.

Dann die Nachrichten. In Stuttgart ist die Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu Ende gegangen. Und, ach ja: Man hat zum Schluss nochmal ein paar Dinge kundgetan. Die Delegierten sind für Frieden und Gerechtigkeit, gegen Hunger, AIDS und Klimawandel (ungefähr in dieser Reihenfolge – wenn die denn eine Rolle spielt). Und ich frage mich spontan: Für diesen Konsens musste man eine Woche lang tagen?

Natürlich ist in Stuttgart wesentlich mehr passiert – allein letzten Donnerstag habe ich einiges davon gespürt. Natürlich ist man sich umfassend begegnet. Natürlich hat man differenziert(er) diskutiert – und sich dabei auch über dogmatische Grundlegungen verständigt. Aber gerade dann gilt eben: Was um alles in der Welt sollen dann diese nichtssagend-vorhersagbaren Worthülsen? Warum überhaupt die unerträgliche Ethik-Schräglage, die den genannten wichtigen Themen eben gerade nicht gerecht wird? Warum stellen wir nicht deutlich(er) klar, dass am Anfang das heilende Handeln Gottes steht, …und dass wir allein so befähigt werden, Gottes Reich in der Welt zu bauen (nämlich in der Tat, indem wir für Frieden und Gerechtigkeit sind, gegen Hunger, AIDS und Klimawandel!)? Oder denken wir etwa, dieser Zusammenhang lasse sich der weltlichen Öffentlichkeit nicht erklären?

Die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion dachte sich jedenfalls ihren Teil. Ergänzend stellte sie fest: »Während seiner Tagung beschäftigte sich der Lutherische Weltbund auch mit innerkirchlichen Themen.« Na dann…

 

11 Kommentare zu “Vorhersagbar”

  1. Tobias Lampert meint:

    So in etwa hatte ich die abschließende Botschaft auch erwartet, kennt man ja von diversen Kirchentagen etc. Als ich sie dann im Wortlaut gehört habe, war ich trotzdem fast schon wieder schockiert. So gibt man sich als Kirche (!) auf. Und ich grüble nach wie vor, woran das liegt: Glaubensverlust? Angst vor einem klaren Bekenntnis zu Christus? Wie auch immer – wenn das alles ist, was man zu sagen hat, dann ist man in der Politik oder in einer der vielen NGOs besser aufgehoben, auch dort werden gute Leute gebraucht.

  2. Tobi meint:

    Das ist doch ein prinzipielles Problem, dass “Kirche” oftmals nicht mehr herausbekommt als irgendwelche gesellschaftlichen Forderungen o.ä. Theologie wird leider nicht kommuniziert. Dass aber genau das die Aufgabe wäre und letztlich die Relevanz von “Kirche” ausmacht, geht dabei unter. Daher auch kein Wunder, dass “Kirche” gesellschaftlich gesehen irrelevanter wird …

  3. Tobi meint:

    (Oops, sorry, gewisse Doppelung. Hatte den Tab schon im Hintergrund offen, da war die erste Antwort noch nicht da.)

  4. Daniel meint:

    Das Blöde ist, dass ich mir diese Art der kircheninternen Kritik eigentlich verboten habe. An christliche Ethik ohne jeden Glauben glaube ich einfach nicht. :-) Aber wenn man dann diese Statements hört, geht der alte Pessimist mit einem durch…

  5. birgit meint:

    Leute, ehrlich: Seid Ihr HIV positiv? Steht Eure Schwester 12 Stunden am Tag für 50 Cent in einer Fabrik? Ist an der Bushaltestelle, an der Ihr morgens wartet, schon mal ne Bombe hochgegangen? Nein?
    Dann seid mal für einen Moment still und respektiert das, was u.a. Menschen, die täglich mit Obigem konfrontiert sind, zu sagen haben.
    Und wenn Ihr einen theologischen Vorspann braucht, dann lest die Erklärung unserer Landessynode:http://www.elk-wue.de/landeskirche/landessynode/sommertagung-2010/
    Ihr werdet damit sicher in einem erlauchten kleinen Kreis sein – die biblische Grundlegung ist nämlich so ausführlich geraten, dass garantiert kein Mensch außerhalb des Inner Circles die Erklärung lesen wird.
    So, erster scharfer Kommentar.
    Ein milderer folgt später – versprochen!

  6. Daniel meint:

    Na – die Aufgabe, das Verhältnis von vertikaler und horizontaler Theologie ausgesprochen knapp und verständlich zu formulieren, bleibt natürlich. Aber das haben wir doch hoffentlich gelernt?!

    Erster Versuch: “Wie Gott mir, so ich dir! Christliche Liebe fließt über. Lasst uns dieses Wunder entdecken. Im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit, gegen Hunger, AIDS und Klimawandel. Zum Beispiel.”

    Übrigens: Könnte es sein, dass zahlreiche Christinnen und Christen außereuropäischer Kulturkreise niemals auf die Idee kämen, ihren sozialen Einsatz und ihren tiefen, mitunter verzweifelten Glauben voneinander zu trennen, gar nicht auf die Idee kommen, das könnte uns in Europa passieren…und allein deswegen die (selbstverständlich vorausgesetzte) Dogmatik weglassen? Nur so ’ne Idee…

  7. Tobi meint:

    Der Punkt, die “(selbstverständlich vorausgesetzte) Dogmatik” zu erwähnen, ist enorm wichtig. Diese Annahme würde ich so unterstreichen. Denn natürlich fließt das ebenfalls enorm wichtige Engagement aus dem Glauben. Der Punkt ist doch aber, das diese Verbindung zumindest in unserer Gesellschaft kaum mehr im Wissen verankert ist. Daher ist es meiner Meinung nach durchaus bedenklich, wenn “Kirche” nicht mehr mit dezidiert theologischen Aussagen verbunden wird. Hätten wir noch die klassische volkskirchliche Gesellschaft (gut, ob die jemals wirklich so existiert hat, ist nochmals eine andere Frage), würde ich die Sache sicherlich anders sehen. So jedoch wird “Kirche” als Institution vermittelt, die wie eine Art Gesellschaftsgewerkschaft daher kommt. Das ist natürlich nicht falsch, sondern komplett richtig – meiner Meinung nach ist es jedoch einen Tick zu wenig.
    Ebenso negativ würde ich es übrigens wahrnehmen, wenn nur dezidiert theologische Äußerungen daher kommen würden. Da wäre der Sturz auf der anderen Seit vom Pferd vorprogrammiert.

  8. birgit meint:

    Ich hab an sich auch ein Problem mit diesen Verlautbarungen – ein etwas anderes als das von Euch (zugegebenermaßen zu recht angeprangerte) – ich legs mal hier dazu:
    Mein Problem ist: KEIN SCHWEIN LIEST DAS ODER INTERESSIERT SICH AUCH NUR DAFÜR!
    Ich fürchte, wir werden in dieser Mediengesellschaft nur gehört, wenn einzelne charismatische Personen sehr deutliche, klar verständliche Sätze sagen (z.B. das berühmte “Nichts ist gut in Afghanistan”), zu denen man sich verhalten kann.
    Aber solche Persönlichkeiten haben wir im Moment nicht zu bieten (außer Desmond Tutu vielleicht) – Demokratie und Charisma finden sich halt nur schwer zusammen.

  9. Tobias Lampert meint:

    @Tobi: Meine Zustimmung!

    @birgit: Um “Gutes zu tun” braucht man keinen expliziten theologischen Vorspann, da hast Du recht. Aber “Evangelium” ist nicht einfach ein Synonym für “Ethik” – und wenn das nicht mehr vermittelt wird (und der Vermittlung dient so eine abschließende Botschaft ja nun einmal), muß man sich nicht wundern, wenn Kirche zunehemend nur noch als Moralinstitution wahr- und nach dem ein oder anderen Skandälchen dann auch nicht mehr ernstgenommen wird. Von diesen grundsätzlichen Feststellungen einmal abgesehen: es gibt eine Menge Christen, die tagtäglich mit AIDS, Ausbeutung etc. zu tun haben und denen eine beinahe rein ethische Verlautbarung im Anschluß an eine kirchliche Zentralversammlung dennoch nicht genug ist, die in dieser Gewichtung sogar (um es einmal mit Jüngel zu sagen) eine fatale Verwechslung der ‘Indikative der Gnade’ mit den ‘Imperativen der Freiheit’ zu erkennen glauben.

  10. Tobias Lampert meint:

    Ergänzung:

    Nichts gegen charismatische Persönlichkeiten – die brauchen wir in der Tat auch. Aber wenn wir das Charisma des Evangeliums nicht mehr wahrnehmen und kommunizieren können, helfen auch charismatische Persönlichkeiten nicht weiter – das führt bestenfalls zu einem harmlosen, aber ebenso nutzlosen Personenkult. Der ersetzt nach und nach die Inhalte – und deshalb interessiert sich dann auch kein Schwein mehr für solche Verlautbarungen.

  11. Tobi meint:

    Dass kirchliche PR zumeist ein reines Desaster ist, steht wohl außer Frage.
    Was kirchliche Arbeit betrifft, würde ich es begrüßen, wenn die “Laien” wieder mehr gestärkt werden würden. Würden wichtige kirchliche Inhalte der Basis anständig vermittelt werden (können) und würde man die Basis motivieren können, sich zu engagieren, wäre es nicht mehr notwendig, dass kirchenleitende Personen (= charismatische Persönlichkeiten, die gesucht werden) für Schlagzeilen sorgen, sondern das breite gesellschaftliche Engagement, das entstehen würde, wäre selbst schon eine Nachricht bzw. Schlagzeile wert. Ich weiß, dass dies sehr idealistisch gedacht ist und ebenso äußerst utopisch. In einer abgespeckten Variante würde dies jedoch auch bedeuten, dass man Christen, die bereits mehr oder minder in der Öffentlichkeit stehen (Politiker, Sportler, Musiker, …) ermutigen würde (da diese ebenso Laien sind), sind entsprechend einzubringen und zu äußern. Lange Rede, kurzer Sinn: Mich stört die Fixierung auf die Kirchenleitung, die momentan nach meinem Empfinden immer stärker wird. Wenn es so weitergeht, sind wir wieder eine reine Klerikerkirche.
    Gut, für die ökumenischen Bemühungen wäre es natürlich ein wichtiger Schritt :D

Deine Meinung?!