Un-wahrscheinlich ver-rückt

5. Juni 2010

…ein paar Einblicke in mein Seminar beim Stuttgarter Jugend-Christustag vorgestern. (Nebenbei: Referieren ganz ohne Konzept, nur mit Präsentation…die Premiere ist gelungen. :-) ) Mausklick vergrößert jeweils.

»Es gibt wahrscheinlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott.« Am Mittwoch, den 10. Juni 2009 machte die deutsche »Buskampagne«Ursprung: England – auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz Halt.

»Es gibt wahrscheinlich keinen Gott.« Was ist unsere erste, ganz spontane Reaktion auf diesen Satz?

…hier nur einige Beispiel-Vorschläge. Ganz unterschiedliche Antworten – mit einer Gemeinsamkeit:

All diese Sätze formulieren einen – mehr oder weniger konfrontativen – Widerspruch. Sie platzieren eine Gegen-These. Der theologische Fachbegriff für diese Art der Argumentation: »Apologetik«.

Apologetik hat sicherlich ihre Berechtigung. Aber – und darauf wollte ich raus im Referat – eben auch gewichtige Nachteile:

  • Sie kann stets nur reagieren – ist immer einen Schritt hinterher. (Besonders deutlich wird das an literarischen Auseinandersetzungen: Richard Dawkins’ »The God Delusion« – deutsch: »Der Gotteswahn« – musste natürlich erst erscheinen, bevor Alister McGrath mit »The Dawkins Delusion« – deutsch: »Der DawkinsAtheismuswahn« – entgegnen konnte.)
  • Apologetik akzeptiert zwangsläufig die eingangs präsentierten Diskussionsgrundlagen. (Bezogen aufs Bus-Beispiel: Dass die Frage nach der Existenz Gottes überhaupt mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsurteilen bearbeitet werden kann, wird mehr oder weniger unbewusst hingenommen.)
  • …aus genau diesem Grund jedoch kämpft Apologetik nur für den Theismus – also die allgemeine Überzeugung, dass es einen Gott gibt. Welcher Gott das ist, bleibt aber völlig außen vor. Hat der christliche Glaube damit irgendwas gewonnen? Christoph Schwöbel zu Folge nicht: »Gott ist nicht erst Gott, – um dann noch ein bisschen trinitarisch zu sein. Er ist von Anfang an durchweg nur Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist.«
  • Und: Christlicher Glaube, der auf Apologetik gründet, kann (!) ganz schön verkrampft daherkommen… Denn: Wer sagt mir eigentlich, dass ich nicht irgendein Argument gegen meinen Glauben übersehen habe?

    Darüber hinaus widersetzt sich christlicher Glaube letztlich allen logisch-rationalen Argumentationen: Er ist un-wahrscheinlich ver-rückt.

    Das beginnt mit der Krippe (Platon muss im Grab rotiert haben, bei so viel göttlicher Leiblichkeit)…

    …und mit dem Kreuz (»Was für eine Riesendummheit!« bestätigte schon Paulus ganz offen) endet es noch nicht mal.

    Ein paar – wenige – Blicke in die Theologiegeschichte:

    Nach Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, ISBN: 978-3-579-07119-0) verschwindet am Kreuz der Gott, der eigentlich logisch wäre. Aber gerade auf diese Weise ist Gott nicht aus dem Spiel.

    Christus am Kreuz sprengt die Grenze zwischen An- und Abwesenheit Gottes, – so drückte es Eberhard Jüngel später aus. Er selbst sah in der Theologie des späten Bonhoeffer die »Heimholung« der (ursprünglich zutiefst christlichen!) Rede vom »Tod Gottes« in die Theologie – und bezeichnete Theismus und Atheismus als (gleichermaßen unbefriedigende, weil menschlicher Logik verhaftete) Zwillingsbrüder.

    Alexander Garth attestiert (und zwar völlig ohne Ironie): »Atheismus entstand aus der konsequenten Reflexion dieser Wirklichkeit.« Anders ausgedrückt: Atheismus ist zutiefst logisch.

    Christlicher Glaube dagegen ist un-logisch, sprengt jede Realität. Deswegen drängt sich auch die eine Frage auf:

    …ich jedenfalls nicht. Meine eigene Privat-Religion wäre um einiges logischer ausgefallen. (Von der Bibel ganz zu schweigen.)

    Dann aber ist der Seminar-Titel zu präzisieren:

    Ein paar Ergänzungen noch zum Begriff der »Offenbarung« – also zur Vorstellung, dass uns Dinge von Gott preisgegeben werden (die wir deswegen nicht selbst beweisen können):

  • Offenbarung macht den christlichen Glauben nicht unlogisch. (Schwöbel sieht sogar Strukturanalogien zwischen einem Menschen, der zum Glauben kommt, und einem Mathematiker, der einen unverhofften Beweis findet.)
  • Man kann umfassend über den Glauben nachdenken – aber es geht eben darum, ihm nach-zu-denken.
  • Der Anfang passiert im Passiv – so wie bei der Liebe übrigens auch.
  • Ein letzter Blick in die Bibel: Die Geschichte von den beiden Emmaus-Jüngern ist alles andere als perfekt zelebrierte Apologetik.

    In Jerusalem beginnt man von der Auferstehung zu reden. Aber zwei (ehemaligen) Jesus-Anhängern wird die Sache zu viel. Sie ergreifen die Flucht – und trotten missmutig ins unbedeutende Kaff Emmaus. Plötzlich läuft da noch einer mit. Der Bibeltext verrät sofort, dass es Jesus ist. Der zeigt sich den Jüngern aber nicht konfrontativ – und wird auf diese Weise auch nicht gleich erkannt… Stück für Stück öffnet er den beiden Jüngern die Schrift (das Alte Testament), dann die Herzen, dann die Augen. (Der Künstler Karl Schmidt-Rottluff hat diesen Moment in seinem Holzschnitt ein klein wenig nach vorne verlegt.) Mitten beim Essen merken es die beiden. Beziehung und persönliche Nähe sind hier entscheidend – nicht etwa eine intellektuelle Diskussion. (Und die beiden rennen noch in derselben Nacht den ganzen Weg zurück…)

    Der »Atheisten-Bus« damals hatte einen Begleiter. Eine Gruppe von Christen organisierte ein eigenes Gefährt. Mir persönlich war diese Aktion ein klein wenig zu direkt, zu konfrontativ, zu apologetisch, …

    …aber der präsentierte Satz hatte Potenzial: »Und wenn es ihn doch gibt…« – das war kein Gegen-Spruch im klassisch-apologetischen Sinn. Sondern ein Zu-Spruch. »Wenn es ihn doch gibt…« – das ist ein zuversichtlicher Konjunktiv, der auch den Atheismus akzeptieren und respektieren kann, …und zugleich um den eigenen Mehr-Wert weiß. Darauf lässt sich aufbauen, finde ich.

     

    10 Kommentare zu “Un-wahrscheinlich ver-rückt”

    1. Ulrich Schmidt meint:

      Hallo Daniel,
      zu der Sache gibt’s noch ein hilfreiches Buch von Alister MacGrath, der Atheismus-Wahn, Asslar 2007: eine schöne Demontage von Dawkins Ideen.

    2. Ulrich Schmidt meint:

      Sorry, Daniel, das Buch hast du ja selbst erwähnt … Das Problem des scrollenden Internet-Lesers. Schöne Grüße!

    3. Daniel meint:

      Stimmt – das Buch ist drin. Und zwar zusammen mit der These, dass es mit einer direkten »Demontage« atheistischer Gedankengänge eben gerade nicht getan ist (so »richtig« sich das auch anfühlen mag)… Muss ich das vielleicht noch deutlicher machen?

    4. Tobi meint:

      Ich finde die Apologetik dennoch wichtig, z.B. wenn es um die prinzipielle Legitimation der Theologie geht: Wenn bewiesen ist oder es wahrscheinlich erscheint, dass es _einen_ Gott gibt und dies auch von Atheisten zugestanden wird/werden muss, ist es auch legitim, Theologie bzw. Dogmatik zu treiben. Ansonsten kommt hier gerne mal das Problem der Rechtfertigung der eigenen Tätigkeit auf. Auch im Sinne eines Gesprächs erscheint es mir sinnvoll, auf Einwände gegen den Glauben zu reagieren, und dies nicht nur aus der Sicht und auf dem Fundament des Glaubens, sondern auch auf dem Boden der Vorwürfe. Und da man über Glaube nach-denken kann, ist man hier auch gesprächsfähig.
      Dein Ansatz hier ist auch fein. Jedoch richtet er sich an eine andere Zielgruppe. Ich würde spontan annehmen, dass du mit dieser Argumentation in einem Gespräch mit einem Atheisten nicht weit kommen würdest. Wenn es jedoch um (verunsicherte) Gläubige geht, ist der Ansatz ganz fein. Und zugleich kann es auch hier gut sein, die Argumente auch mal genauer anzuschauen und Argumente auszutauschen.
      Letztlich bist du mit deinem Referat ja aber auch ganz auf der Linie Barths: Die beste Apologetik ist eine gute Dogmatik ;-)

    5. Tobi meint:

      Ich müsste vlt. noch ergänzen: Eine apologetische Auseinandersetzung scheint nur sinnvoll bei fundierten “Angriffen” auf den Glauben. Wenn einer nachbrabbelt “es gibt eh keinen Gott”, jedoch keine Argumente dahinter stehen, muss man auch nicht gegen die theoretisch implziten Argumente vorgehen. Gerade hier kann ein eher emotionaler Zugang (“wenn es ihn doch gibt …?”) mehr austragen, da bei einer Gegenargumentation sonst häufig eine Abwehrhaltung anzutreffen ist.
      Bei reflektierten Positionen gegen Glaube/Theologie usw. ist eine rational-reflektierte Diskussion jedoch nicht zu verachten, wie ich meine.

    6. Daniel meint:

      Yep – das mit den zwei unterschiedlichen Zielgruppen könnte es treffen… John Lennox, Josh McDowell usw. stehen auch in meinem Bücherregal – und ihre Argumente habe ich auch beim Emmaus-Kurs eingebracht. Und doch würde ich den Gesamtwert intellektueller Debatten auf der Metaebene eher gering ansetzen. Vielleicht auch aus der Innenperspektive des Glaubens heraus – und weil es schon Zeiten in meinem Leben gab, in denen ich mich stark unter Druck gesetzt habe, was die apologetische Verteidigung des Christentums angeht.

    7. Daniel meint:

      …noch als Ergänzung: Neulich bin ich dem Begriff »Apologetik« erstmals im Kontext Postmoderne begegnet (ausgerechnet in einem Artikel von Alister E. McGrath ;-) ) – und da wurde er ganz selbstverständlich-positiv verwendet (unter dem Blickwinkel raquo;Neue Chancen für die Apologetik durch die Postmoderne«). Apologetik muss also offenbar keine rationalistische Verengung bedeuten…

    8. Werner meint:

      Es gibt ein Buch von Dr. Lütz der sich mit vielen Philosophien und dem lange unmodernen Atheismus auseinandersetzt: “Gott – eine kleine Geschichte des Allmächtigen”. Hier kann ich mich mit verschiedenen Strömungen und Werdegängen auseinandersetzen, ohne daß ich jeden einzelnen Philosophen lesen muß!
      Lesenswert!

      Achtung: Ich lese diese Seite – nur wegen der Auseinandersetzung – sehr selten!

    9. Werner meint:

      Hat mit eurer theologischen Auseinandersetzung schon 1 Mensch zum Glauben gefunden????????

    10. Daniel meint:

      Lieber Werner, ich finde deine Frage arg pauschal…und habe so meine Zweifel, ob du überhaupt an einer Antwort interessiert bist, ehrlich gesagt…

      So viel mal jetzt: Es gab Zeiten in meinem Leben, da hätte ich mich ähnlich polemisch zu solchen Debatten geäußert. Aber ich bin mehr und mehr überzeugt: Wir brauchen auch gute Theologie für unseren Glauben…weil Gott auch mit dem Verstand geliebt werden will. (Natürlich gibt es auch spitzfindig-sinnlose Debatten – aber das hat mit Theologie nicht viel zu tun.) Nicht zuletzt für meinen eigenen Glauben (ich war früher selbst Atheist!) ist die oben beschriebene Auseinandersetzung sehr, sehr wichtig gewesen. Und ja – ich kenne mehrere Menschen (nicht nur einen!), die auf dem Weg der Theologie zum Glauben gefunden haben.

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