Nahende Überarbeitungen

9. August 2010

Weder die Bibelübersetzung nach Martin Luther noch die evangelische Predigttext-Perikopenordnung sind sakrosankt. Zumindest nicht, was ihre konkrete Ausgestaltung angeht.

Der Wortlaut der Lutherbibel soll pünktlich vor dem großen Reformations-Jubiläum 2017 vorsichtig modernisiert werden (wobei allerdings auch neue wissenschaftliche Textfunde eine Rolle spielen sollen). Und für die Umgestaltung des evangelischen Kanons gottesdienstlicher Predigttexter – das letzte Mal umfassend geschah das 1958 – liegen mittlerweile gleich zwei Konzepte vor: »Gottesdienst von Monat zu Monat« – Projektname: »Elementares Kirchenjahr«, erarbeitet von der Liturgischen Konferenz der EKD – sowie »Die ganze Bibel zu Wort kommen lassen« – verantwortet von der Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden.

Hochinteressant, welche Schwerpunkte die beiden Entwürfe setzen! Beiden kann ich viel abgewinnen…derweil mein zwischenzeitliches Fazit nach knapp zwei Jahren im Pfarramt Vikariat in etwa folgendermaßen lautet: Eine Perikopenordnung ist grundsätzlich prima. Unser aktuelles Modell bringt aber diverse Schwierigkeiten mit sich.

Beispiele?

  • Gewöhnlich wird Woche für Woche ein komplett neuer Bibeltext geboten. Für den Erhalt der bibelkundlichen Grundbildung theologischer Profis mag das nicht schlecht sein. Aber gilt für »normale« Gemeindeglieder dasselbe? Wäre es nicht angebracht(er), mal ein Kapitel, ein Buch über mehrere Wochen hinweg zu lesen?
  • Was ist mit den alttestamentlichen Texten? Mit den berühmten Erzählungen? Josef? Kommt aktuell nur einmal alle sechs Jahre vor – mit dem Schlussfazit Genesis 50,15-21. Elia? Immerhin zwei Treffer – 1. Könige 17,7-16 und 1. Könige 19,1-8. Auch noch nicht so üppig. Vom Buch Leviticus wollen wir gar nicht erst reden…
  • Das Verhältnis zwischen sonntäglichem Gesamtthema und einzelnem Predigttext ist mitunter…nun ja…spannungsreich. Am 8. Sonntag nach Trinitatis zum Beispiel geht es um »Früchte des Geistes«. Was genau das mit dem diesjährigen Predigttext Epheser 5,8b-14 (Predigtreihe II) zu tun hat, bleibt dahingestellt.
  • Gott sei Dank herrscht evangelische Freiheit. Letztlich kann man schon jetzt Nachbesserungen vornehmen, wo Gemeinde und/oder Prediger(in) das für sinnvoll halten. Und trotzdem: Eine gemeinsame Neuorientierung wäre kein schlechtes Signal, glaube ich.

     

    2 Kommentare zu “Nahende Überarbeitungen”

    1. Sven meint:

      Die Lectio continua war von den Reformatoren für die Morgen- und Abendgottesdienste in der Woche vorgesehen (wo diese komplett wegfallen sind, so auch das Predigen über komplette Bücher).

      Aber die heutige Perikopenordnung besteht ja nicht nur aus den Sonntagsreihen an sich, sondern stellt die ganze Woche unter ein Thema. Ergänzend dazu gibt es die Kirchenjahresbibellese, die für jeden Morgen- und Abend eine Bibelperikope bietet, die sich an Sonntagsevangelium, -motto oder Wochenspruch orientiert und als “Lektionar für alle Tage” erschienen ist. Diese Bibellese findet sich auch im Pfarramtskalender (neben der Ökumenischen Bibellese, einer Lectio continua), und völlig verstümmelt in den Losungen (ebenfalls neben der Ök. Bibellese, aber nur mit einer Lesung und damit leider fast unbrauchbar). Siehe auch http://bit.ly/bmFDqt

      Damit wird das Kirchenjahr auch in der Woche lebendig und begleitet einen nicht nur von Sonntag zu Sonntag. Und über fortlaufende Bücher zu Predigen kann man dann für Vespern innerhalb der Woche einplanen.

    2. birgit meint:

      Ich bin grade etwas leidgeprüft, weil ja Episteljahr ist: Paulus über Paulus! Sonntag für Sonntag letztlich Damaskus. Das ist ja sicher wichtig und richtig. Aber es gibt ja neben Damaskus auch noch andere für unsere Tradition wichtige Erfahrungen: der Exodus, das Exil, das Kreuz, wie Markus es interpretiert etc.etc. Etwas mehr Durchmischung wäre schon schön. Mehr Hebräische Bibel auf jeden Fall! Es gibt immer noch viel zu viele, die meinen, Christentum sei ohne das “dunkle AT mit seinem Rächergott” doch viel erfreulicher.
      Und mehr Frauentexte bitte! Ruth, sog. Preisgabe der Ahnfrauen, Esther, Tamar – alles jahrhundertelang totgeschwiegen und/oder abschätzig weggelächelt!

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