Indirekt glauben

26. August 2014

Johannes zweifelt. Ausgerechnet Johannes der Täufer. Der berühmte Prediger aus der Wüste. Ein entschlossener, glaubensstarker Mann mit Kamelhaar-Gewand und Leder-Gürtel. Eben noch hat er vor Menschenmengen bekannt: »In diesem Jesus kommt Gott zu uns!« Aber jetzt hockt er einsam im Gefängnis. Und lässt Jesus fragen:

Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? (Matthäus 11,3)

… so erzählt es der Predigttext für den Dritten Sonntag im Advent, an dem ich jetzt schon mal saß, Matthäus 11,2-6.

Was mir aufgefallen ist: Nicht nur die Begegnung zwischen Johannes und Jesus geschieht indirekt (nämlich über die Johannes-Jünger). Auch die Erwiderung Jesu ist eine arg indirekte Angelegenheit. Er antwortet nämlich nicht klar mit »Ja« oder »Nein«. Sondern so:

Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt (Matthäus 11,4b-5)

… Verheißungen aus dem Alten Testament – Zeichen, die Gottes Kommen ankündigen. Für diese Verheißungen gilt aber:

  • Wenn »Blinde sehen und Lahme gehen, …«, dann wird da nicht etwa unsere Wirklichkeit gesprengt. Sondern die Welt, Gottes Schöpfung, wird wiederhergestellt. Die Welt kommt wieder zu ihrem eigentlichen Ziel. Das kann ganz unspektakulär sein. Man kann es leicht übergehen. Vielleicht ist unsere Welt bis heute voller Wunder, die wir nicht mehr wahrnehmen …
  • »Blinde sehen und Lahme gehen, …« – Johannes bekomt das nur erzählt, kann es selbst nicht miterleben. Auch unser Glaube lebt von persönlichen Berichten, vom Weitersagen, vom Vertrauen. Und dann bleibt immer eine letzte Unsicherheit. »Stimmt das überhaupt? Hat Jesus das wirklich getan?«
  • »Blinde sehen und Lahme gehen, …« – in dieser langen Aufzählung aus dem Jesajabuch (unter anderem Jesaja 61,1) lässt Jesus ausgerechnet eine Sache weg. Nämlich die Verheißung: »Gefangene und Gebundene werden frei« (vgl. Jesaja 61,1bβ). Und genau das hätte Johannes doch konkret gebraucht! So aber bleibt er im Gefängnis. Und wird wenig später sogar umgebracht. Auch das kann uns passieren. Menschen erleben, wie Gott heilend an ihnen handelt, … nur wir spüren nichts.
  • Glauben und Zweifeln, auch bei Johannes dem Täufer gehört das untrennbar zusammen. Anders – nämlich direkt und eindeutig – war Glaube noch nie zu haben. Das ist nicht unbedingt schön. Was auch Jesus geahnt zu haben scheint:

    … und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Matthäus 11,6)

     

    7 Kommentare zu “Indirekt glauben”

    1. Steffen meint:

      Warum kann Jesus die Verheißung über die Freilassung der Gefangenen hier weglassen?
      Weil Johannes durch Jesus bereits frei ist. (Zweifel hin oder her)
      Ihm (und uns!) verheißt Jesus also viel mehr: “Tote stehen auf…”
      (Matth. 11, 5)
      Kein Gefängnis kann uns mehr gefangen nehmen und kein Tod uns bedrohen.

      Wenn das keine gute Nachricht ist…???!!!

      Was heißt das für uns als Kirche?
      Mutiger diese gute Nachricht weitergeben!
      Tun wir es nicht, so sagte uns Luther bereits voraus: ” Darum bist du selbst die Ursache, dass deine Kirche verlassen wird.”

    2. Daniel meint:

      … aber was soll dann Vers 6?

      Dass die Nachricht gut bleibt – keine Frage!

    3. Steffen meint:

      Selig!!!
      ist ja Johannes, ebenso wie wir Kleingläubigen (das beruhigt mich übrigens, denn Johannes wird ja gerne als “Glaubensheld” missbraucht) NOCH nicht.
      Wer aber ALLES (vgl. auch Aufzählung in Röm. 8) in Geduld erträgt, der IST “selig”.
      Die Verheißung aus Vers 5 steht aber fest!
      Das zählt, egal ob schon “selig” oder nicht.
      So verstehe ich es als Laie;-)

    4. Daniel meint:

      … dass die Verheißung bleibt, glaube ich auch. Aber es macht doch einen Unterschied, ob man die Zweifel gleich wieder wegwischt – oder sie durchringt. Und Letzteres ist hier gefordert, glaube ich.

    5. Steffen meint:

      Und auch müssen die Zweifel des Johannes andere gewesen sein, denn er zweifelte VOR Kreuz und Auferstehung.
      Das Menschen immer zweifeln ist klar, doch das wir es NACH Gottes eindeutigem Handeln noch tun, das unterscheidet uns dann doch von Johannes und allen die VORHER zweifelten.
      Er konnte – im Unterschied zu uns – nicht auf das Kreuz und das leere Grab schauen.
      Also auch eine Frage der Qualität des Zweifels?

    6. Daniel meint:

      Hmm, sind Kreuz und Auferstehung eindeutig? Ja, im Blick auf Gottes Handeln. Nein, was unseren Glauben angeht. Denn wir waren nicht mit dabei …

    7. Steffen meint:

      Und doch gibt es (wenige) Menschen die zum Glauben erwählt werden.
      Gott selbst wirkt das Wunder des Glaubens. Keine Tradition oder Religion etc…
      “Der Glaube ist Wunder oder er ist nicht Glaube.” (Barth)
      Nur so kann der Mensch alles hinter sich lassen und Zeuge des Glaubens werden: Aus der Begegnung mit dem lebendigen Gott heraus.
      Das ist, denke ich, eindeutig.
      Unser Glaube resultiert aus einer Begegnung mit dem lebendigen Gott.
      Niemals aus einer Tradition oder Religion heraus.
      Jesus begegnet (erwählt) auch heute Menschen (ähnlich wie er Paulus begegnete). Denen sagt niemand, dass sie nicht direkt zu Jesus – und nur so zu Gott – gehören;-)
      Gibt es eine(n) Gläubigen in der Bibel, dem der lebendige Gott nicht begegnet ist? Gibt es eine(n), der sagen würde: Ich war nicht dabei?

    Deine Meinung?!