Glücklich?!

10. November 2015

Vor gut einem halben Jahr sind meine Familie und ich hierher gezogen — nach Murr, ins Bottwartal, in den Landkreis Ludwigsburg. Vorher hatten wir in Stuttgart gewohnt.

Was denken Sie – was war die größte Umstellung für uns? Was war besonders ungewohnt?

… es waren nicht die Einkaufsmöglichkeiten. Da muss Murr sich ja nicht verstecken.

… es war nicht der öffentliche Nahverkehr. Zwei Busse die Stunde sind ja gar nicht so schlecht.

… es war auch nicht der Garten ums Haus herum. An den hatten wir uns rasch gewöhnt.

… die größte Umstellung hatte zwei Namen: »Flach« und »Rund«. Diese beiden Kategorien haben uns völlig durcheinandergebracht. Dass man Müll plötzlich nicht mehr nach dem Material sortiert, sondern nach der Form, das war ganz und gar neu für uns. Wochenlang haben wir noch den Altglascontainer gesucht im Ort. Bis wir erfahren haben, dass auch die leeren Gurkengläser im »Rund« landen …

Plötzlich gilt etwas ganz und gar Neues. Die gewohnten Kategorien werden auf den Kopf gestellt. Das erwartet uns auch im Predigttext für den Reformationstag heute. Wenn wir gedanklich umziehen in die Bergpredigt Jesu. Aus dem Matthäusevangelium, aus Kapitel 5, hören wir die Verse 1 bis 10:

Als […] [Jesus] aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.

Plötzlich gilt etwas ganz und gar Neues. Die gewohnten Kategorien werden auf den Kopf gestellt.

Wir alle haben unsere Vorstellungen vom Glück. Was ein glücklicher Mensch ist und hat und kann, das haben wir alle mehr oder weniger vor Augen.

… auch Jesus erzählt da in seiner Bergpredigt, wer glücklich ist. Oder: »selig«. Aber wen zählt Jesus da alles auf?

… »die da Leid tragen«.

… »die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit«.

… »die […] verfolgt werden«.

… solche Menschen lässt er vorbeiziehen vor unseren inneren Augen. Die Frau, die ihren Mann verloren hat, viel zu früh. Die syrische Familie, der man das Haus genommen hat und die Heimat. Der Christ in Nordkorea, den man gefangen nimmt und foltert.

… Menschen, die auf der Strecke bleiben. Die am Boden sind, abgehängt.

… und Jesus nennt sie glücklich, »selig«. Wie bitte? Soll das ein Witz sein? Oder ist das zynisch gemeint? Das ist doch verrückt!

… und noch nicht genug. Zwischen diese Zeilen malt Jesus noch eine zweite Gruppe von Menschen:

… »die Sanftmütigen«.

… »die Barmherzigen«.

… »die reinen Herzens sind«.

… »die Friedfertigen«.

… der Hausbewohner, der die Streitigkeiten in der Nachbarschaft geduldig erträgt und nicht weiter Öl ins Feuer gießt. Die Tochter, die ihren Eltern die Erziehungs-Fehler nicht nachträgt. Der Schüler, der ein Gespür dafür hat, wenn Jugendliche auf dem Schulhof fertiggemacht werden.

… auch damit kann man schnell auf der Strecke bleiben. Unter die Räder kommen. »[U]m der Gerechtigkeit willen« kann man »verfolgt werden«! Meistens gilt ja das Recht des Stärkeren. »Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.«

… aber auch diese Menschen nennt Jesus glücklich, »selig«.

Die gewohnten Kategorien — Jesus stellt sie auf den Kopf. Die Bergpredigt hebelt unsere Logik aus. Sie vollzieht die „»Umwertung« aller Wertvorstellungen.

Friedrich Nietzsche hat das so formuliert. Und Nietzsche hat gleich noch hinzugefügt, was er von dieser »Umwertung« persönlich hält. Er schreibt:

Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt. Was ist Glück? — Das Gefühl davon, dass die Macht wächst […] Die Schwachen und Missratenen sollten zugrunde gehen […] Was ist schändlicher als irgendein Laster? — Das Mitleiden […] mit allen Missratenen und Schwachen. — Das Christentum“ [Der Antichrist, Nr. 2].

… für Nietzsche ist es geradezu abstoßend, wie Jesus seine Bergpredigt beginnt. Und auch seine Zuhörer damals vor Ort hatten wohl ihre Schwierigkeiten: Am Schluss der Bergpredigt heißt es, »dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre« [Matthäus 7,28].

Die, die auf der Strecke bleiben, die Schwachen sind glücklich. Sie werden nicht erst glücklich — sie sind es schon! Ausgerechnet die!

Wie kann das sein? Wie geht das?

Es geht nur über den Bergprediger. Es geht nur über Jesus selbst. Ohne den Bergprediger wäre die Bergpredigt nichts als Nonsens. Oder noch Schlimmeres.

… aber in der Bergpredigt redet eben Jesus. Und Jesus, der blieb ja selbst auf der Strecke.

Jesus war selbst »[s]anftmütig[]«, »[b]armherzig[]«, »reinen Herzens«, »[f]riedfertig[]«. Er hat seine göttliche Macht nicht festgehalten. Er hat seine Liebe losgelassen für die Menschen.

… und deshalb hat er »Leid [ge]tragen«, hat »[ge]hungert und [ge]dürstet«, ist »um der Gerechtigkeit willen verfolgt« worden. Seine Konsequenz hat den Leuten nicht gepasst.

… bis zum Schluss geht Jesus diesen Weg weiter: »Steck’ dein Schwert weg!«, sagt er dem Jünger, der ihn verteidigen will [vgl. Matthäus 26,51f.] … Je enger es um ihn wird, desto bereitwilliger lässt er los.

Das heißt doch: Die, die auf der Strecke bleiben, … die gehen also denselben Weg, den Jesus auch geht. Die sind ganz nah dran an diesem Jesus. Jesus verbindet sich mit allen, die auf der Strecke bleiben. Er geht denselben Weg wie sie.

… und weil das derselbe Weg ist, deswegen werden die Schwachen »Gott schauen« auf diesem Weg. «[S]ie sollen getröstet werden« auf dieser Strecke.

Noch mehr: »[I]hrer ist das Himmelreich.« Ihnen gehört das Reich Gottes, in dem eben nicht das Recht des Stärkeren gilt. In dem man weiterkommt, indem man alle Machtansprüche loslässt.

… sogar »Gottes Kinder heißen« werden die Schwachen. Und das ist eine politische Provokation in der Bergpredigt. Als »Gottes Kinder« galten damals die Obersten der Oberen. Also ägyptische Könige, ein Alexander, ein Augustus. Die wurden verehrt als »Gottes Kinder«. Aber bei Jesus werden eben ganz andere zu Gottes Kindern. Die, die bei uns nicht mal ins Palast-Vorzimmer kommen, gehören nun ganz eng zu Gott.

Am 31. Oktober, heute am Reformationstag, feiern wir die große Entdeckung Martin Luthers. Martin Luther hat lange Zeit gedacht, Gottes Welt funktioniere nach derselben Logik wie unsere Welt. Und er hat versucht, sich das Himmelreich zu verdienen. Mit immer neuen frommen Höchstleistungen. Mit dem Eintritt ins Kloster. Mit beflissenem Bibelstudium. Aber was er auch getan hat — es war nie genug. Er hatte nie das Gefühl: Jetzt reicht es Gott …

… bis er entdeckt hat in der Bibel: Wenn ich »geistlich arm« bin, wenn ich mein Unvermögen gegenüber Gott eingestehe, … dann ist das keine Panne. Im Gegenteil: Es ist der Sinn der Sache! Wenn ich »geistlich arm« bin, wenn ich nichts mehr in der Hand habe, dann bin ich ganz nah dran an diesem Jesus. Dann wird mir das Himmelreich geschenkt. Dann ist das Himmelreich schon angebrochen. »Da fühlte ich«, schreibt Luther, »dass ich ganz und gar neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war.«

»Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.«

Weltweit sind derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, vor allem vor Krieg, Terror und Not. […] Als Christen können wir gar nicht anders, als uns der Hilfesuchenden anzunehmen.

So schreiben es die Vorsitzenden der Evangelischen Kirchenbezirke und der Katholischen Kirche im Landkreis Ludwigsburg in einer aktuellen Resolution. Für diese klare Haltung werden die Kirchen ja oft als »naiv« und »dumm« hingestellt. Als Versammlung von Traumtänzern, [Zitat] »die sich mit ihrem "Gutmenschengerede" ihr eigenes Grab schaufeln« — so eine Leserbrief-Schreiberin dramatisch heute in der Marbacher Zeitung. Und zunächst mal kann ich diese Sorge nachvollziehen. Die Logik im Himmelreich, die leuchtet eben nicht sofort ein. Die ist schwer zu begreifen! Unser Gott kommt zum Ziel mit seiner Liebe, wenn wir unsere Macht loslassen! Auch unsere kulturelle Macht. Und wenn das heißt, dass die christlichen Kirchen zahlenmäßig an Bedeutung verlieren! Das „christliche Abendland“ (wenn es das so überhaupt gibt [Klammer zu]) erweist sich nur dann als wahr, wenn wir es nicht krampfhaft als Besitz verteidigen! Wir gewinnen nur, was wir verlieren! Diese Logik des Himmelreichs, die ist völlig verrückt! Wie die Bergpredigt eben! Die ist schwer zu begreifen, gar keine Frage.

… so wie ich ja bis heute manchmal ratlos in der Küche stehe. Und mich frage, wo das leere Gurkenglas jetzt nochmal hingehört. Wenn’s doch keinen Altglascontainer gibt …

Es kostet Zeit und Übung, sich die neuen Kategorien einzuprägen. Die neue Logik im Himmelreich zu verstehen. Dass ausgerechnet glücklich ist, wer auf der Strecke bleibt … Bleiben wir also ganz nah beim Bergprediger, Tag für Tag. Und folgen wir ihm auf seinem Weg.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Samstag, 31. Oktober 2015 – Reformationstag – in der Peterskirche Murr.

 

17 Kommentare zu “Glücklich?!”

  1. Christoph meint:

    Hallo Daniel,

    wie immer ausgezeichnet, Dein Predigttext.

    Viele Grüße,
    Christoph

  2. Daniel meint:

    Der Predigttext sowieso. :-)

  3. Steffen meint:

    👍

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