Falsche Differenz

20. Oktober 2007

Während es vorne schon wieder weitergeht (nach einer Morgenandacht von Matthias Bartels erlebt das Symposium mit Vorträgen von Darell Guder und Michael Herbst vermutlich gleich zwei abschließende Höhepunkte), beginne ich eine kleine Mini-Serie mit Einsichten, die mir in diesen Tagen besonders wichtig geworden sind.

Unzählige Male ist es schon passiert: Eine angeregte Diskussion über die »Kirche«. Irgendwann fällt er meistens, der triumphierende Keulenschlag: »Die Kirche geht sowieso den Bach runter – das zeigen doch schon die vielen Kirchenaustritte!« Im Normalfall verweise ich schüchtern-defensiv auf die Tatsache, dass die Zahl der jährlichen Kirchenaustritte EKD-weit seit einigen Jahren einigermaßen signifikant sinkt. In besonders hellen Augenblicken kommt mir ein weiteres Argument in den Sinn: Die Zahl der jährlichen Kircheneintritte steigt seit etwa zehn Jahren. Mittlerweile finden rund 50.000 Deutsche pro Jahr in die (Landes-)Kirchen zurück.

Unter dem Strich verbleibt dann trotzdem ein hässliches Minus, das zwar allmählich kleiner werden mag, tief in mir drinnen aber trotzdem dem vagen Gefühl Vorschub leistet, an der Uni eher zum kirchlichen Nachlassverwalter ausgebildet zu werden denn zum missionarisch erfolgreichen Pfarrer. (Auch wenn die »kirchliche Praxis« ja selten gezielt Thema ist in Seminaren, Vorlesungen usw.)

Ist ja auch vollkommen logisch, dass man von den Kirchenaustritten die Kircheneintritte abzieht und die Differenz bildet. Oder nicht?! »Nein!«, sagt der Berliner Religions- und Missionswissenschaftler Andreas Feldtkeller. Die beiden Phänomene »Kirchenaustritt« und »Kircheneintritt« lassen sich überhaupt nicht miteinander vergleichen, also auch nicht gegeneinander aufrechnen:

  • Im ersten Fall wird eine Haltung sichtbar (also lediglich dokumentiert), die in der Regel schon jahrelang vorher gegeben war, nämlich die faktische Beziehungslosigkeit der Kirche. Unter diesen Umständen könnte die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland eigentlich noch sehr viel höher sein…
  • Im zweiten Fall geht es um die persönliche aktive Entscheidung einzelner Menschen, die bewusst (wieder) zur Kirche gehören wollen. Solche Schritte sind qualitativ ganz anders (nämlich entschieden höher!) zu bewerten.
  • Mir kommt das berühmte Diktum in den Sinn (weiß jemand, von wem es ist?!): »Die Menschen, die wir in Scharen verloren haben, müssen wir jetzt einzelnen wieder gewinnen.« Anscheinend passiert genau das wirklich. Auch in Deutschland. Sogar in Ostdeutschland, wo das Symposium stattfinden darf.

    Bin sehr dankbar über diesen Perspektivwechsel – und werde in Zukunft dankbarer sein, was die (lange so ungeliebten) Kirchenmitgliedschafts-Statistiken angeht.

     

    4 Kommentare zu “Falsche Differenz”

    1. Alex meint:

      Also, wenn du wieder vom Symposium nach TÜ zurückgekehrt bist, bist du endgültig für ein Kaffetrinken im Theologicum fällig!

    2. Daniel meint:

      …gerne – melde dich einfach nächstes Wochenende nochmal, OK?!

    3. martin meint:

      …eine rhetorische zusatzfrage: wieviel der (wieder)kircheneintritte geschehen aus soziologischem belangen heraus? – ich kenne eine, die ist ausgetreten und dann wieder eingetreten, um einen job bei der diakonie antreten zu können.
      ich frag mich manchmal, welchen sinn kirche überhaupt noch macht. starr und unbeweglich scheint sie geworden zu sein. auf der anderen seite: was wäre ohne diesen apparat? – lebendige hauskreise, jugendkirchen, lifestyle churches etc.?

    4. Daniel meint:

      Hmm…aber das ist doch eher die Minderheit, oder?! Stimmt – da müsste man mal nachhaken.

      Hab auch meine Vorbehalte gegenüber einem “Apparat Kirche”, keine Frage – aber unnütz sind Strukturen auf keinen Fall. Wer weiß, ob viele einzelne Hauskreise, Jugendkirchen, lifestyle churches etc. mal ihre gemeinsame Mitte verlieren würden, wenn es nicht auch strukturell Gemeinsamkeiten gäbe…

    Deine Meinung?!