Eine neue Krankheit: »Unterwegs«…

7. Februar 2009

Einfach köstlich (und mit sehr komplexen Bezügen zum »Fluch der Flexibilität«…) – Ursula Otts Kolumne in der aktuellen »chrismon«…bewusst ungekürzt:

Alle sind jetzt immerzu unterwegs. Der Seminarleiter stellt sich mit den Worten vor, er sei seit einiger Zeit »im Buddhismus unterwegs«. Der befreundete Architekt, den man um einen Tipp für die Wohnung fragt, lässt per E-Mail wissen, er sei derzeit leider nicht »gutachterlich unterwegs«. Und der alte Mitschüler deutet beim Klassentreffen an, er sei im letzten Jahr, uiuiui, viel »in Liebesdingen unterwegs« gewesen.
Da wird’s einem grad schwindlig als mehr oder weniger sesshafte und monogame Redakteurin, evangelische Christin und Lebensgefährtin. Klar, klingt schon aufregend, wenn man immer on the road ist, so zwischen Jack Kerouac, Hape Kerkeling und Hartmut Mehdorn. Aber irgendwann muss man doch auch mal ankommen, oder? Warum zum Beispiel soll man ein Seminar bei jenem Referenten buchen, der seine Firma »Unterwegs in Sachen Ethik, Sinn und Werte« nennt? Der soll doch erst mal sagen, wohin die Reise geht. Und was das für Sachen sind mit dem Sinn und den Werten und so. Die christlichen vielleicht? Aber die Christenmenschen wollen sich auch nicht festlegen und nennen ein Religionsbuch für die Berufsschule »Unterwegs in Sachen Religion«. Na, dann mal gute Reise, der eine oder die andere hat sich ja schon aus dem Staub gemacht.
Der Generation »Neon« mag man verzeihen, dass sie mal »in Sachen Deutschland« und mal »in Sachen Liebe« unterwegs ist. Wer von einem Praktikum ins andere quer durch die Republik gehetzt wird, der ist wirklich »unterwegs«. Aber muss der 70-jährige Klaus Staeck, der sympathischerweise sein ganzes Berufsleben in Heidelberg verbracht hat – muss der auf seine Homepage schreiben, er sei »unterwegs in Sachen Kunst und Politik«? Macht ihn das jünger, hipper, dreitagebartmäßig interessanter? Natürlich nicht.
Die gute Nachricht: Der Trend wird sich von selber erledigen. Je mehr die Krise tobt, desto mehr sucht der Mensch nach Halt. Und dann ist das unverbindliche Unterwegs-Geschwurbel hofentlich – in Richtung Papierkorb unterwegs.

 

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