Das Schubladen-Problem

13. Februar 2009

Es gibt diverse Bücher, die ich regelmäßig lese…und in manchen finde ich jedes Mal etwas Neues. (Die Bibel gehört in die erste, aber nicht in die zweite Kategorie – ist das nun positiv oder bedenklich?) Mein unangefochtener Lieblingsautor Adrian Plass ist Meister im Verfassen von Passagen, die ich Jahr für Jahr locker überfliege…um sie dann plötzlich in ihrer eigentlichen Tiefe zu durchblicken. Beispiel gefällig?

»Es gab drei Postboten«, stellt Plass im Aufsatzband »O Herr, laß mich (k)ein Kohlkopf sein!« fest…und was für welche:

Der erste, der auch am regelmäßigsten kam, war ein großväterlicher, älterer Mann mit freundlichen Augen und einer zwanglosen, wohlwollenden Aura. Er schob auf seiner »Runde«, wie es, glaube ich, genannt wird, einen Rollwagen vor sich her und schien niemals in Eile zu sein. Stets war Verlaß darauf, daß dieser vorzügliche Postbote dicke Schecks, warmherzige Briefe von alten, lieben Freunden und Einladungen zum Abendessen bei angenehmen Menschen brachte. Wie ein Weihnachtsmann des Postwesens hatte er nichts als Leckereien in seinem Sack.
Der Mann, der regelmäßig die zweite Post brachte, war von völlig anderer Art. Zum einen war er sehr viel jünger, nicht älter als neunzehn oder zwanzig, und sein Benehmen war von einer Achtlosigkeit, die an Leichtfertigkeit grenzte. Oft sah ich von meinem Posten am oberen Fenster, wenn die Zeit der zweiten Postauslieferung nahte, seine leichtgewichtige junge Gestalt am Ende unserer Straße auf seinem Fahrrad um die Kurve schwingen und beobachtete, wie er sodann freihändig und mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen die gerade Strecke entlangradelte. Ich wäre jede Wette eingegangen, daß er in einer von wenig musikalischem Können, aber höchstem Ehrgeiz beflügelten Rockband mitspielte.
Die Post, die er brachte, war erbärmlich – voraussehbar. Er brachte Gutscheine, für die man zehn Pence Rabatt auf bekannte Waschmittelmarken bekam; große, eindrucksvoll aussehende Umschläge mit riesigen Aufdrucken, die einem entgegenschrien, daß man wahrscheinlich fünfzigtausend Pfund gewonnen hätte, nur daß man natürlich wußte, daß es nicht so war; unverschlossene braune Umschläge mit dem vierteljährlichen Mitteilungsblättchen der Ruheständlervereinigung, adressiert an den vorletzten Bewohner unseres Hauses. Er gab sich einfach keine Mühe. Er war nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man Postboten macht.
Der dritte war der schlimmste von allen! Er half aus, wenn der ältere Mann krank oder im Urlaub war, und mir graute vor seinem Kommen. Klein, dünn, von entsetzlich korrekter und erbarmungslos strenger Haltung, war er, wie wir zufällig wußten, Mitglied einer kleinen, aber sehr strengen religiösen Gemeinschaft, die sich jeden Sonntag in einer kleinen, verrosteten Blechbaracke am anderen Ende der Stadt versammelte.
Während der Wochen, in denen er uns die Post brachte, schien unsere Versorgung mit dicken Schecks und warmherzigen Briefen schlicht zu versiegen. Ich weiß auch, warum – sie wären nicht gut für uns gewesen. Stattdessen brachte er uns scharfkantige Umschläge mit wutschäumenden Rechnungen, Postkarten von der Stadtbibliothek, die uns zur Rückgabe ausgeliehener Bücher aufforderten, Briefe von der Bank, die uns fünfzehn Pfund für die Information berechneten, daß wir kein Geld hatten, und geifernde Mitteilungen von Mitgliedern obskurer Sekten, die mich, nachdem sie eines meiner Bücher gelesen und mißbilligt hatten, darauf hinweisen wollten, daß ich eine Ewigkeit voller Qualen bei Satan verbringen würde, falls ich nicht ein Leben lang voller Qualen bei ihnen verbrachte.
Er war ein schrecklicher Postbote!

Und warum erzähle ich das alles? Nun, es ist eigentlich ganz einfach. Ich habe mich über die drei Postboten geirrt. Es war alles nur Einbildung. Sie brachten alle dieselbe Auswahl an Post, weil sie alle bei derselben Firma angestellt waren. So sehr ich es mir auch anders gewünscht haben mochte, ihr Charakter und ihr Temperament waren vollkommen bedeutungslos für die Sendungen, die sie ablieferten.
Manchmal bin ich versucht, Botschaften zu ignorieren, wenn sie mir durch eine Person oder eine Gemeinde vermittelt werden, die nicht nach meinem Geschmack sind, in meinem Fall besonders, wenn es jemand ist, der mich gut kennt und oft mit mir zu tun hat.
Hüten wir uns davor! Gott ist der Absender der Botschaften und der Chef des gesamten Auslieferungsdienstes. Wir anderen sind nur Postboten.

Welche Jesus-Postboten sollte ich in Zukunft kritischer sehen? Welche stärker wertschätzen?

 

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