Gläserner Bauch?

7. April 2014

Woche 4+1: Petra ahnt etwas. Heute, am 29. Tag. Soll sie Norbert schon was sagen? Ach, lieber noch nicht. Sie haben ja schon mal intensiv gehofft. Und dann getrauert.

Woche 4+3: »Übermorgen haben wir noch einen Termin frei. Könnten Sie auch da, Frau Dellinger?« — »Ja, auch in Ordnung“, antwortet Petra in den Telefonhörer. Natürlich, Folsäure-Tabletten nimmt sie schon. Seit Monaten …

Woche 4+5: Petra und Norbert stoßen an. Alkoholfrei. Er hatte es schon geahnt. Aber sich nicht getraut, zu fragen. Seine Hand fühlt sich warm an auf ihrem Bauch. Ob man das schon spürt da drinnen?

Woche 6+1: Petras nächste Kontrolle bei der Frauenärztin. Die erzählt von den Untersuchungen die nächsten Wochen über. »Toll, was man da heute alles macht«, erzählt Petra zu Hause. »Und wie präzise die Geräte messen!« — »Aber die Extra-Ultraschalluntersuchungen, kriegen wir die wirklich kostenlos?«, fragt Norbert. — »Ja. Ich hab’ extra nochmal nachgehakt. Da sind wir wirklich in guten Händen!«

Woche 7+5: Heute ist Norbert mal mitgekommen. Wenn alles gut gegangen ist, dann sehen sie heute das Herz schlagen. Erst mal klopft nur ihnen das Herz. Aber dann ist es soweit. Und sie sehen es. Ein neuer Mensch, ihr Kind. »Herzlichen Glückwunsch«, sagt die Ärztin. »Alles in Ordnung.«

Woche 7+6: Zu Hause schauen sich die beiden den neuen Mutterpass in Ruhe an. »Schau’ mal«, meint Norbert plötzlich, »da ist "Risikoschwangerschaft" angekreuzt! Warum denn das?« — »Keine Ahnung. Bei mir ist doch alles in Ordnung! Gesagt haben sie nichts … Da muss ich am Montag gleich anrufen.«

Woche 8+1: Eine Sprechstundenhilfe kann Petra beruhigen: »Oh, das liegt nur an Ihrer Blutgruppe. Ihr Rhesusfaktor ist negativ. Aber das ist heute gar kein Problem mehr. Da machen wir eine Prophylaxe. Das Kreuz im Mutterpass ist halt gesetzlich vorgeschrieben. Machen Sie sich keine Sorgen.«

Woche 10+4: Petras Bauch wächst schon. Und die Vorfreude. »Jetzt beginnt die schönste Zeit für dich«, meint eine Freundin mit Erfahrung. »Fahrt doch nochmal gemeinsam weg, ganz in Ruhe! Und freut euch auf die Zeit zu dritt!«

Woche 11+5: »Wir könnten Ihnen noch eine Nackentransparenzmessung anbieten, Frau Dellinger. Sie sind zwar noch nicht über 30, aber es könnte trotzdem sinnvoll sein. Ihre Kasse zahlt das allerdings nicht.« — »Ganz schön frech«, meint Norbert zu Hause. »Dass das nicht mit drin ist! Da ist man schon "risikoschwanger", und trotzdem …« — „Das ist doch was ganz anderes! Bei mir gibt es kein besonderes Risiko!« — »Ja. Trotzdem sind 165 Euro ganz schön happig …« — »Aber es geht doch um unser Baby«, meint Petra. »Und um seine Gesundheit. Das ist es uns doch wert! Und dann haben wir Gewissheit! Ich hab’ mich auch gleich angemeldet. Für Montag.«

Woche 12+0: Die Eltern sind da, zum Kaffeetrinken. Petras Vater wirkt nachdenklich. »Irgendwie bin ich froh, dass man das damals bei uns noch nicht gemacht hat — und bei dir, damals vor …« — er überlegt kurz — »… 27einhalb Jahren. Was macht ihr, wenn irgendwas rauskommt? Die meisten Sachen kann man doch gar nicht behandeln, auch heute nicht!« — »Was machen wir, wenn irgendwas rauskommt?«, fragt Petra ihren Mann, später, am Abend. — »Ach, da wird schon nichts sein«, meint der. »Jetzt schlaf’ gut, Schatz.« Aber daraus wird nichts diese Nacht.

Woche 12+1: Das Baby zappelt, hin und her. Vier Messungen macht die Ärztin. »Da nehmen wir dann den Durchschnitt, der ist sehr genau.« Der Durchschnitt, bei Petras Kind sind das 3,2 Millimeter. »Das ist ein bisschen über der Norm, Frau Dellinger.« — »Und was heißt das?« — »Das Trisomie-Risiko liegt bei …« — »Mein Kind hat Down-Syndrom?!« Petra erschrickt über ihre laute Stimme. »… nein, Frau Dellinger. Vermutlich nicht. Bei 1 zu 47 liegt das Risiko. Das ist nicht … übermäßig hoch. Aber wir sollten einen genaueren Blick darauf werfen. Ich würde Ihnen jetzt noch Blut abnehmen, und dann bestimmen wir zwei Laborwerte. Das würden wir in dem Fall kostenlos machen für Sie.« — »Na, das ist ja beruhigend«, geht es Petra durch den Kopf. »Was aus dieser kleinen Untersuchung alles wird. Das war der kleine Finger. Jetzt nehmen sie die ganze Hand.«

Woche 12+3: Langes Warten. Zweimal ruft Petra an in der Praxis, zweimal zu früh. Zwischendurch recherchiert sie im Internet. Liest von falsch-positiven Prognosen: Längst nicht alle auffälligen Messwerte bedeuten auch etwas. So manches Kind mit Behinderung kommt plötzlich einfach ohne zur Welt. Und über die Schwere einer Behinderung lässt sich auch nichts vorhersagen. »Hätten wir das mal früher bedacht …«

Woche 12+4: Spät am Nachmittag sind die neuen Ergebnisse da. 1 zu 71, das ist das neue Risiko. »Frau Dellinger, das heißt: Mit über 98 Prozent Wahrscheinlichkeit ist alles in Ordnung!« — »Und was empfehlen Sie mir jetzt?« — »Sie können die Sache weiterverfolgen. Ich muss Ihnen das auch so sagen, da gibt es rechtliche Verpflichtungen. Aber das dürfen Sie natürlich selbst entscheiden.«

Woche 12+5: »So eine Nacht will ich echt nicht nochmal haben, Norbert. Ich halt’ das nicht länger aus.« — »Dann mach’ doch noch ’ne Untersuchung. In den Medien kam doch dieser neue Bluttest. Mit dem kann man doch alles rausfinden!« — »Dich will ich sehen, wenn du den bezahlen musst! Und ich hab’ mich informiert: Wenn da wieder was rauskommt, braucht man doch was vom Fruchtwasser. Und das ist gefährlich für unser Kind.« — »Aber du willst doch auch ein gesundes Kind!« — »Ja, klar. Klar will ich ein gesundes Kind. Aber haben wir ein Recht darauf?« — »Wie redest du denn? "[H]aben wir ein Recht darauf?" Wir haben die Möglichkeit! Darum geht es doch!«

Woche 13+0: »An deiner Stelle würde ich es einfach wissen wollen. Auch wenn man vielleicht gar nichts machen kann.« Petras Bruder war schon immer sehr einfühlsam.

Woche 13+2: Kann man überhaupt alles wissen? Gibt es komplette Kontrolle? »Als du mir den Antrag gemacht hast — warst du damals sicher, dass es klappt mit uns beiden?« — »Na ja, fast.« — »Was meinst du mit "fast"?« — »Na, vor allem war es Liebe. Ich wollte einfach, dass wir beieinander bleiben.« — »Aber du wusstest, dass ich schwer kurzsichtig bin?« — »Ja, Schatz, das wusste ich …«

Woche 13+3: Nach den Nachrichten im dritten Programm bleiben Petra und Norbert an einer Reportage hängen. Ein Sprecher der Lebenshilfe wird da interviewt. Die allermeisten Behinderungen entstehen erst bei oder nach der Geburt, sagt er. »Und was wäre dann?«, fragt Petra. »Dann müssten wir doch auch damit leben. Und wir bekämen es hin.« — »Aber ist das nicht was total anderes? Jetzt haben wir es noch in der Hand!«

Woche 13+5: In der Stadtbahn sieht Petra ein Kind mit Down-Syndrom. Waren das früher nicht mal mehr? Es wirkt glücklich, geliebt, lacht die Leute an. Die schauen ganz unterschiedlich. Manche schauen weg.

Woche 14+1: Petras Großtante ruft an. »Du musst dieses Kind nicht behalten, Petra, wenn es nicht geht. "Mein Bauch gehört mir" — dafür haben wir gekämpft!« — »Ja, genau«, denkt Petra. »Mir gehört mein Bauch. Nicht dir und nicht euch. Etwas mehr Bauch-Gefühl, bitte. Und unser Baby? Wem gehört das eigentlich? Wer fragt unser Kind?«

Woche 14+2: Petra bleibt an einem Buch im Regal hängen. Albert Schweitzer. Den hatte sie im mündlichen Reli-Abitur. »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.« Den Satz kann sie noch auswendig …

Woche 14+4: »Wo führt das alles noch hin? Welche großen Fragen warten noch auf uns? Und können wir die jemals beantworten?«

Woche 14+6: Werbung im Fernsehen. Eine Familie schwärmt von ihrer neuen Hautcreme. Zwei Eltern, zwei Kinder — eins davon frisch geboren. Blond, blauäugig, ohne Falten und Kratzer. Die neue Norm …

Woche 15+0: Eine große Kirchgängerin ist Petra nicht. Aber heute geht sie in den Gottesdienst. Bei ihr im Stadtteil gibt es einen, der ist abends, und immer etwas anders. Der Pfarrer liest etwas aus dem Buch Hiob. »Eine Hiobs-Botschaft, passt ja prima«, fährt es Petra durch den Kopf. Und dann hört sie das Lied von der Weisheit Gottes, Kapitel 28:

Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer. Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt. […] Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde […] Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen. Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen. Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge.

Petra streichelt ihren Bauch, da, wo sie jetzt die Tritte spürt. »Ja, du Kostbares“, denkt sie, »man sieht dich. Bis ins Letzte erforscht man deine Wohnung. Wir graben alles um, legen Hand an deine Höhle … Wir wissen so viel — und begreifen so wenig.« Dann hört sie wieder den Pfarrer vorlesen. Aus der Hiob-Geschichte. Und zugleich aus ihrer Geschichte:

Man […] bringt, was verborgen ist, ans Licht. Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht? Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen. […] Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel. Der Abgrund und der Tod sprechen: "Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört." Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte. Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist. […] Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

An diesem Abend betet Petra, zum ersten Mal nach langer Zeit. »Gott, wenn du den Weg zur Weisheit weißt, dann zeig’ ihn mir. Ich brauche dich. Wir brauchen dich. Wir alle.«

Amen.

Predigt, gehalten am 16. März 2014 im »mittendrin«-Gottesdienst in der Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen.

 

7 Kommentare zu “Gläserner Bauch?”

  1. Sibylle Luise meint:

    Danke.

  2. Steffen meint:

    Gut, dass du das Elend thematisiert hast.

    Warum sind viele Menschen so ängstlich geworden?

  3. Daniel meint:

    Weil uns andauernd weisgemacht wird, es gebe die totale Sicherheit, vermute ich …

  4. Steffen meint:

    …vermute ich auch.
    Ich erlebe das gerade sehr stark auch bei Sterbenden, was dieser Glaube mit Menschen macht.
    Der bedingungslose Glaube an unsere eigenen Fähigkeiten ist unmenschlich, auch wenn er menschlich erscheint.
    Ein Glaube der sich nicht mehr für Gottes Möglichkeiten öffnet. macht Menschen krank, weil er suggeriert er könne sie heilen.
    Nur Gott ist ehrlich zu uns (z.B. Ps.90,12) und von daher – meistens – nicht gerne gesehen in der Welt.
    Geburt und Tod sind ja bekanntlich verwandte Themen.
    Die Angst vor dem Leben ist ja der Angst vor dem Tod ähnlich.
    “Fürchtet euch nicht!” Das sollten wir wieder viel mehr betonen in der Verkündigung. Vielleicht aber werden wir dann von der Pharmaindustrie und dem Medizinerverbänden verklagt;-)

  5. Rüdiger Jope meint:

    Berührende Predigt. Großartig. Mutmachend. DANKE!

  6. Christine meint:

    Dieses Thema muss noch viel mehr in die Öffentlichkeit, das Leben kommt nun mal nicht mit Garantieschein. Nicht nur das bei diesen vielen Untersuchungen Ängste oft völlig unbegründet geschürt werden und manchmal auch gesunde Kinder abgetrieben werden. Noch mehr Kinder mit einer Behinderung werden abgetrieben aus Angst und Unwissenheit. Ich bin froh das ich von dem Down-Syndrom meines Sohnes in der Schwangerschaft noch nichts wusste, denn ich hätte mir viele unnötige Sorgen gemacht… auch wenn eine Abtreibung nicht in Frage gekommen wäre. Als ich die Diagnose bekam als er 5 Tage alt war, war das erstmal ein ziemlicher Schock… damals wusste ich noch nicht was für ein großer Segen er in meinem Leben ist! Er ist gesund und hat nur ein Chromosom mehr als andere… nicht eines zuviel, nur eins mehr :-)
    Ich blogge über ihn (und uns) in der Hoffnung das ich in der Gesellschaft und
    vielleicht auch einer Schwangeren etwas Angst vor dem Unbekannten nehmen kann…

  7. Christine meint:

    …nochmal mit blogadresse…

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