Zum Toten- und Ewigkeitssonntag

25. November 2012

Vor uns die leeren Teller.
»Kinder.« Papa sah uns nicht an – ganz kurz vielleicht nur. Wahrscheinlich, weil er seine Augen nicht in unseren verhaken wollte, um uns nicht mit in den Schlund zu reißen, der dahinter begann. Wir saßen mittags an dem runden Tisch im Raum neben dem Weihnachtszimmer. Ich war fünfzehn Jahre alt.
[…]
»Kinder.« Noch drei Sekunden lang.
»Wir müssen euch etwas ganz, ganz, wir müssen euch«, seine Augen und Stimme brachen in Tränen, und wir starrten ihn erschrocken an. Papa weinte nie, er schluchzte nie.
Mama griff ohne aufzusehen nach Papas Hand, sie griff richtig fest, wir waren schon versteinert, und ich sah auf den Scheitel ihres geneigten Hauptes, auf die weiße Linie zwischen dem schwarzen Haar. Von da kam es leise »Wir müssen euch etwas sehr Trauriges sagen«, und Papa unterbrach sie wieder mit Schluchzen, fing sich, und ich atmete nicht, weil es mir schien, als wüchse da ein Albtraum in den Raum, aus den Wänden herein, die sich auflösten und nur noch den runden Tisch mit uns daließen, der im Dunkeln schwebte. Der sich genauso schnell auch zurückziehen könnte, wieder Wände fest am Boden halten und das Zimmer Zimmer sein ließe. Aber dann sagte Papa, dass er bald sterben müsse. Dass der Arzt schlechte Nachricht gehabt hätte und er unheilbaren Krebs hätte und nichts mehr für ihn getan werden könne.

Wahnsinn ist, wenn man Türen eintreten muss, um ins Herz des Hauses zu gelangen, an den Kern, an das kleine, einzig harte, immerwährende Atom, an das man sich retten kann. Wenn sich Sekunden hinter einem als Loch auftun, worein der Boden stürzt und einem unter den Fersen schon wegbricht. Und man rennt schreiend durch das Haus und spannt die Muskeln an, um die Türen einzutreten – die hat aber jemand vorher schon sorgfältig ausgehängt. Und ins Nichts stößt man seinen Fuß. Ins Nichts, das einen schon an den Fersen und im Nacken kitzelt. Kein Widerstand, und man taumelt ins Weiß hinein.
Das ist nicht der Tod. Das ist nicht das Ende. Das ist kein finales Zuammenbrechen. Die Menschen werden danach noch ihre Kaffeetasse halten können. Aber es lohnt sich dann nicht mehr. Der Raum der Sekunden ist lang und hohl und rund. Das ist nicht der Tod und das Ende. Das ist das, was passiert, wenn die Leute durchdrehen oder rumschreiben, weil sie ihre Liebsten tot sehen oder weil ihre Kinder tot auf der Straße liegen oder was weiß ich. Das ist nicht ihr Tod und ihr Ende. Sie haben dann oft noch Jahre vor sich. Sie hören dann die Uhr ticken und ein Auto vorbeifahren. Sie hören dann Lieder in den Supermärkten, die auch in der alten Welt gespielt wurden, und tappen verwundert hinter den Einkaufswägen her. […]
Die Dinge der Welt klingen nicht mehr. Es gibt keine Harmonien mehr, keine logischen Tonfolgen, in denen man sich zurechtfinden könnte.
[…]
Gott lässt das zu. Und viele, die nie an ihn geglaubt haben, nehmen es als Bestätigung und können sagen: »Siehst du? Da ist niemand. Da war niemand. Der Tod und das Leiden geschehen in dieser Welt wie das Wetter. […] Da war niemals jemand. Da ist keiner. Auch wenn wir es uns wünschen würden.«

Gott ist schrecklich. Gott brüllt. Gott schweigt. Gott scheint abwesend. Und Gott liebt in einer Radikalität, vor der man sich fürchten kann.

Wer so sehr die Gegenwart Gottes gespürt hat auf dem härtesten Boden, dort, wo es sich am wenigsten leben lässt, wo die Angst wie tausend Asseln kleine Löcher und Lücken sucht, um in einen einzudringen, wer einmal in diesem Feuerkreis, den Gott um einen ziehen kann, gelebt hat, dort, wo jeder anderen Macht der Zutritt verboten wird, der hat keine Worte mehr für Gott. Für den ist Gott wirklicher als ein Stein. Der kann phasenweise nicht mehr diskutieren über die Existenz Gottes, weil es absurd erscheint.

Ich glaube, die Liebe in uns zieht. Nicht nur in die Arme eines anderen Menschen. Nicht nur durch die Räume, in die äußeren Zimmer, an die Fensterscheiben, wo der Atem das Glas beschlägt. Ich glaube, sie zieht einen viel weiter. Sie ist wie ein Kleinkind, das nichts von Zeit weiß. So beharrlich. Sie kann nicht beruhigt werden. Nur vorläufig, aber nie ganz. Sie zieht. Zu Gott, Und darum leiden wir. Ich glaube, Gott fehlt uns. Ich glaube, wir vermissen Gott. Und wir sind verletzt. Nicht alle. Ich würde das niemals jemandem einreden wollen oder mich damit über Atheisten erheben wollen. Ich weiß, dass es gute Gründe gibt, nicht zu glauben. Aber manchmal denke ich, die meisten Menschen sind einfach nur traurig, dass er nicht da ist. Dass er schweigt. Und dass man darum selber irgendwann stumm wird. Ich habe damals langsam wieder zu sprechen begonnen. Ich weiß nicht viel. Ich habe aber die Gewissheit, dass das, was wir sagen, nicht an den Glasscheiben endet, nicht in der Luft verweht wird – es wird erwartet. […]
Ich bete, dass er mich führt. Dass meine Schritte an seiner Wahrheit entlanglaufen. Ich will mich nicht mehr entfernen von Gott.
Es macht keinen Sinn.

… Auszüge aus Eva Maria Magnis’ persönlich-genialem Buch »Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung« (vgl. auch diesen »ZEIT«-Beitrag neulich). Danke, Simon, für die Text-Auswahl – und die Idee, diese Lesung im Gottesdienst mal ganz an die Stelle der Predigt treten zu lassen (die vielleicht – vermutlich! – gar keine besseren Worte finden könnte …).

 

3 Kommentare zu “Zum Toten- und Ewigkeitssonntag”

  1. Steffen meint:

    Ganz deutlich: Ja!

  2. Justus meint:

    Ich habe den Artikel bei Evernote gespeichert und bin jetzt in Vorbereitung für ein Theodizee-Thema wieder darauf gestoßen…

    LG, Justus

  3. Daniel meint:

    … das freut mich!

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