Zu individualistisch?

11. November 2009

»Ein Rabbi spricht mit Jesus«. Genauer: Rabbi Jacob Neusner schildert in einem beachtlichen Buch, warum er sich Jesus nicht angeschlossen hätte, wäre er ihm um das Jahr 30 herum begegnet.

Neusner bezieht sich auf die in Matthäus 5 – 7 wiedergegebene Bergpredigt. Und wirft Jesus etwas vor, was völlig zu Recht z.B. die Emerging Church der aktuellen christlichen Theologie (allerdings nicht dem christlichen Glauben überhaupt!) vorhält: eine individualistische Verengung des Heilsgeschehens.

Jesus spricht nicht zum ewigen Israel, sondern zu einer Gruppe von Jüngern. Ab und zu erkennen wir eine Einschränkung in der Perspektive. Aber das ewige Israel ist vom Sinai nicht als eine Ansammlung von Familien hervorgegangen, sondern als etwas Größeres – eine Gemeinschaft, die als ganze mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile, viel mehr als Familien, die eher ein Volk ist, eine Nation, eine Gesellschaft: »ein Königreich aus Priestern und heiligen Menschen«. Im Laufe der weiteren Ausführungen zu seiner Lehre beginne ich mich zu fragen, ob hier nicht das Ziel verfehlt wurde; das ist keine Sünde, es ging nur daneben. Jesus spricht auf dem Berg nicht zu »ganz Israel«, sondern nur zu diesem und jenem, zu einzelnen Menschen und Familien. Er spricht über unser Leben, aber nicht über die ganze Welt, in der wir leben. Denn wir hören eine Botschaft für Heim und Herd, für das Erwachsenwerden und das Altwerden, aber nicht für die Gemeinschaft, den Staat, die fortdauernde soziale Ordnung, die das ewige Israel in dieser Welt bildet.

Oder:

Es ist viel Verdienstvolles, aber das, was verschwiegen wird, erweist sich als verhängnisvoll. Wir – das ewige Israel – müssen aus der Thora erfahren, was Gott von uns erwartet. Jesus jedoch hat nur gesagt, wie ich als Einzelmensch tun kann, was Gott von mir erwartet. In der Wendung vom »Wir« vom Berge Sinai zum »Ich« in der Thora des galiläischen Weisen vollzieht Jesus einen bedeutenden Schritt – in die falsche Richtung. Wäre ich dort gewesen, dann hätte ich mich gefragt, was er nicht mir persönlich, sondern uns allen zu sagen hat: dem ganzen Israel, das sich an jenem Tag in den anwesenden Personen, die seine Thora hören wollten, vor ihm versammelt hatte.

Schließlich:

Wir leben auch in Gemeinschaft mit anderen. Keiner von uns ist ein »Ich« allein, wir alle sind Teil eines »Wir«. Und dieses »Wir« besteht aus Heim und Familie, darüber hinaus auch aus der Gemeinschaft jenseits unserer vier Wände. Nun ist klar, daß Jesus vom Privatleben gesprochen hat, wie er vom Gebet in der verschlossenen Kammer sprach. Wir, das ewige Israel, beten dagegen zusammen und nicht immer nur allein, nicht einmal vornehmlich allein »in einer Kammer«. Jesu Empfehlung widerspricht dem, was uns Juden ausmacht: daß wir immer und überall »Israel« sind, ein unteilbares Volk [...]. Die Bergpredigt, so wie ich sie verstehe, zielt nur auf eine Dimension meines Seins ab: auf die individuelle. Die beiden anderen Sphären des menschlichen Seins, die Gemeinschaft und die Familie, werden leider übergangen – und das, obgleich in der natürlichen Ordnung der Dinge doch zuerst das Dorf, dann die Familie und erst dann der einzelne kommt, der in den beiden ersten seinen Platz findet. Die beiden erstgenannten Dimensionen des Lebens vermag ich in der Lehre, die Jesus vom Berg herab verkündet hat, nicht zu erkennen.

Hat Neusner Recht? Kann man vielleicht sogar dem gesamten Neuen Testament vorwerfen, ausschließlich von der Gottesbeziehung einzelner Menschen zu sprechen? Oder ist die schmale Textgrundlage (Matthäus 5 — 7) schuld? Was meint ihr?

 

3 Kommentare zu “Zu individualistisch?”

  1. Peter meint:

    Man kann doch Jesus nicht einfach auf ein paar Kapitel reduzieren. Ich finde, Neusner strickt sich hier einen Jesus zurecht, den er dann kritisieren kann. Keine Frage, dass manches dann sehr individualistisch interpretiert wurde im Laufe der Jahrhunderte. Nur könnte Neusner dasselbe von Mose sagen im Hinblick auf die zehn Gebote…

  2. Daniel meint:

    Na – und ganz verabschieden sollten wir den Individualismus des christlichen (bzw. evangelischen) Glaubens auch nicht. Gemeinschaften können ja u.a. ziemlich gnadenlos sein, was Kriterien für Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit angeht…

  3. Kolja meint:

    Meiner Meinung nach werden hier zwei wichtige Elemente gegeneinander ausgespielt, die miteinander zusammenhängen: individuelle Gottesgemeinschaft und kollektive Identität als Kirche Jesu Christi. – Im Übrigen besitzt auch das AT an vielen Stellen “individualistisch verengt” anmutenden Texte: Etwa die (Klage-)Psalmen! Auch hier wäre es verfehlt, diese Zeugnisse persönlicher Gottesbeziehung gegen den Gedanken des Volkes Gottes auszuspielen. Bedie gehören zusammen!

Deine Meinung?!