Zu dezent?

11. September 2014

In meiner Jugend war ich Meister der Produktreklamation. Wann immer bei gekauften Lebensmitteln irgendwas nicht stimmte, zückte ich die Tastatur. Und ich fand regelmäßig etwas. Meist waren es Lappalien – ein falsches Etikett auf einer Konservendose, zwei verschiedene Gummibärchen-Typen in einer Packung und dergleichen (unvergessen bleibt allerdings der im Fleischsalat gefundene Schweinezahn …). Das hinderte mich aber nicht an drastisch-direktiven Formulierungen. Mein im Lauf der Jahre zur Vervollkommnung gereifter Standard-Brief endete meistens so:

Zu Ihren Gunsten möchte ich einmal annehmen, dass es sich bei der Panne um einen nur äußerst selten auftretende Fabrikationsfehler handelt. Dennoch bitte ich Sie darum, mir eine der Sachlage angemessene Entschädigung zukommen zu lassen (beispielsweise in Form einiger Proben aus Ihrem aktuellen Warensortiment).

Ob »der Sachlage angemessen« oder nicht – es funktionierte. Manchmal trafen die großzügig befüllten Pakete wöchentlich ein – und verpflegten meine als Zivi bezogene WG gleich mit …

Irgendwann wurde mir die Sache peinlich. Oder ich hatte – angekommen im Studium – keine Zeit mehr dafür. Oder war es die nachhaltige Kränkung durch den selbstbewusst-wachen Mitarbeiter einer Müsli-Firma, der meine Masche enttarnte und mir exakt die paar wenigen beanstandeten »dunkel verfärbten Cornflakes-Partikel« ersetzte?

Jedenfalls: Ich hörte allmählich auf. Und prompt fand ich auch nichts Beschwerdewürdiges mehr (die Brille auf der Nase entscheidet, was man sieht!) …

Bis vor wenigen Wochen. Als doch glatt meine Frau den entscheidenden Impuls gab. Da zelebrierte ich mein Comeback. Und schrieb meinen ersten Reklamationsbrief seit Jahren. Aus dem schwulstigen Brief von einst übernahm ich allerdings keine einzige Formulierung, schon gar nicht die freche Forderung im Briefschluss. Und so endete mein Schreiben lediglich folgendermaßen:

Das war vermutlich eine technische Störung?

Bis heute kam keine Post.

 

7 Kommentare zu “Zu dezent?”

  1. Steffen meint:

    😊

  2. Mathilda meint:

    Jetzt musste ich echt lachen. Vielleicht solltest du doch wieder zum ursprünglichen Briefschluss zurückkehren!? ;-)

  3. Thomas, einst WG meint:

    Auch wenn sichs rein materiell einstweilen nicht positiv niederschlägt, kann es doch wohl nur von Tugend zeugen, wenn Du Wahrheit und Bescheidenheit jetzt ohne Rücksicht auf Verluste streng die Ehre gibst.
    Weiß schon, was jetzt kommt: Meine Sicht der Dinge ist natürlich eingefärbt von der Tatsache, dass besagte WG schließlich Geschichte ist und ihre Protagonisten, ich eingeschlossen, sich eh andere Versorgungsquellen erschlossen haben. Ich kann nicht umhin, mich irgendwie ertappt zu fühlen…

  4. Daniel meint:

    … ich erinnere bei der Gelegenheit daran: Das Copyright auf besagten erfolgsorientierten Schlusssatz liegt nach wie vor bei mir …

  5. Tinchen, einst WG meint:

    SCHÖN WAR DIE ZEIT. Wochenlang tranken wir Pfefferminztee, weil wir 11 Pakete bekamen.

  6. Daniel meint:

    Das muss ich verdrängt haben.

  7. Daniel meint:

    Kommando zurück!! Heute kam er nun endlich, der erhoffte Brief. Immer noch mit den Standard-Formulierungen von damals: »Mit einigen Kostproben aus unserem Sortiment, die Sie in Kürze erhalten, möchten wir Sie für Ihre Bemühungen entschädigen und Sie natürlich gerne wieder von unseren Qualitätsprodukten überzeugen. Wir […] hoffen, dass Sie sich auch trotz dieser Reklamation weiterhin gerne für unsere […]-Produkte entscheiden.«

    Na dann …

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