Wunder der Weihnacht

17. Dezember 2007

Von persönlicher »Adventsstimmung« würde ich diesen Dezember nicht unbedingt reden – dafür stehen einfach zu viele andere (große) Dinge an, die entsprechende Vorbereitungen mit sich bringen. Dankbar bin ich aber für ein kleines Buch, das seit Ende November auf meinem Nachttisch liegt. Es stammt von einem altbekannten Theologen, der im aktuellen Schleiermacher-Seminar regelmäßig eine Schublade mit »unserem marketingbesessenen EKD-Ratsvorsitzendem« teilt – und im Rahmen der kürzlich angerissenen Diskussion über die Ambivalenz von Weihnachten vermutlich »Predigt-Typ 3« repräsentieren dürfte: Karl Barth. Hier eine besonders berühmte – und in jeder Hinsicht provokante – Passage aus dem kleinen Band »Weihnacht«, deren Lektüre sich auch schon während der eigentlich »nur« auf Weihnachten vorbereitenden Adventszeit lohnt:

»… muß denn gerade dies gesagt werde: "Empfangen vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jugfrau", um das Wunder der Weihnacht, das Wunder der in sich selbst begründeten und darum nimmer aufhörenden Liebe kenntlich zu machen? – Die bewußten Sätze gehören bekanntlich zu den berüchtigsten Sätzen des dem "modernen Menschen" so bedenklichen, wenn nicht gerade widrigen Dogmas der Kirche. "Muß man denn das glauben, um ein Christ zu sein?" "Kann man es denn wirklich nicht ohne das machen? …"

"… Ich würde darauf antworten: man kann "es" bekanntlich überhaupt nicht "machen". Man "muß" also gar nichts glauben, um ein Christ zu sein. Man ist nicht damit ein Christ, daß man dies und das tut, denkt und glaubt, erlebt, sagt. Wir hörten ja eben: darin steht die Liebe, nicht daß wir ihn, sondern daß er uns geliebt hat … Wir setzen nun voraus, daß Gottes Offenbarung den "modernen Menschen" genau so angeht, wie sie den antiken und den mittelalterlichen Menschen anging und wie sie den Menschen des Jahres 3000 angehen wird. Was sollten wir denn zu Weihnachten Besseres tun, als eben mit dieser Voraussetzung an alles Volk herantreten? Der Engel in der Christnacht hat diese Voraussetzung offenbar auch gemacht. Wir setzen voraus, daß der "moderne Mensch", der dies liest, es sich eben jetzt wieder einmal sagen läßt: Du liebst nicht nur mit jener Liebe, die aufhört, sondern du bist geliebt mit der Liebe, die nimmer aufhört, die du gar nicht verdient hast und gar nicht erwidern kannst. Es dürften aber dann, auf Grund dieser Voraussetzung, andere Fragen am Platze sein als die betrübte und auch ein wenig langweilige und geistlose liberale Frage: "Muß man denn das glauben?" Was heißt müssen? Man muß ja gar nicht! Kein Mensch muß müssen! Aber man kann vielleicht nicht anders und dann darf man vielleicht glauben! Man hat dann vielleicht kein Vergnügen mehr daran, das Bekenntnis der Kirche als eine "Ansicht" (eine etwas veraltete Ansicht wahrscheinlich) aufzufassen, der man nun, wie es bei Ansichten so üblich ist, fröhlich diskutierend seine eigene "Ansicht" gegenüberzustellen sich beeilen müßte, sondern man hört es dann, weil man ja dann selber auch in der Kirche ist, nur schon darum, weil es das Bedenken der Kirche ist, nur schon darum, weil es das Bekenntnis der Kirche ist, allen individuellen Bedenken zum Trotz mindestens mit Respekt, mit der Disziplin, der die eigene "Ansicht" jedenfalls nicht das Maß aller Dinge ist.«

 

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