Worte wegnehmen lassen?

28. März 2009

»Jedem das Seine – das Meiste für mich.« So hieß das Motto für unseren nächsten Jugendgottesdienst hier in Untertürkheim. Hieß. Denn gerade noch rechtzeitig wurden wir darauf aufmerksam, dass die antike Floskel »Suum cuique« nach ihrer Perversion im Dritten Reich – die Nazis überschrieben das Tor zum Konzentrationslager Buchenwald mit der deutschen Übersetzung – praktisch tabu ist. U.a. mussten Tchibo und Esso kürzlich eine Werbekampagne mit dem abgewandelten Slogan »Jedem den Seinen« stoppen.

Auch wir haben uns schlussendlich gegen unser Motto entschieden – und eine Alternative gefunden: »Alle denken nur an sich. Nur ich denk’ an mich.« Auf diese Weise wollen wir etwaige Irritationen vermeiden.

Dass allerdings die Verwendung der Formulierung »Jedem das Seine« automatisch von »historischer Unkenntnis« zeugen soll – das kann ich nicht nachvollziehen. Denn, in Anlehnung an Martin Luther (»Warum sollen dem Teufel all die guten Lieder gehören?«): Warum sollen wir uns von den Nazis Worte wegnehmen lassen…und gerade damit diesen Kriminellen bleibende Macht zugestehen? Wäre es nicht vielmehr möglich, belastete Begriffe und Formulierungen beizubehalten und inhaltlich neu zu füllen, bewusst zur Ehre des »einen Wortes Gottes«, Jesus Christus? (Was einer Kaffeewerbung natürlich nicht möglich ist…) Wäre das nicht ein viel wirksameres Signal gegen die nationalsozialistischen Verbrechen?

 

2 Kommentare zu “Worte wegnehmen lassen?”

  1. Alex meint:

    Sehr interessantes Thema! Da ich allerdings im Moment etwas zu unausgeschlafen bin, um es grundlegend zu erörtern, nur zwei kurze Gedanken.

    1) Die betreffende Werbung ist mir auch unangenehm aufgefallen.

    2) Bei eurem Gottesdienst-Titel war das spontan nicht der Fall. Ich glaube, es liegt daran, dass der Titel durch den Zusatz sofort konkret eingeordnet wird und zwar “historisch” in die ursprüngliche Bedeutung des Ausspruchs.

    Ergibt das Sinn?

  2. Daniel meint:

    Das könnte gut sein! Mein Ausbildungsmentor meinte genau das. Für ihn war unser ursprüngliches Motto wegen der Fortsetzung »ein ganz anderer Slogan«.

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