Wo Gottes Geist wohnt …

16. Juni 2014

Gottes Wort für den Pfingstsonntag heute hören wir im Römerbrief, in Kapitel 8:

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Jesus Christus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. […] Wenn […] Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. (Römer 8,1f.10f.)

»Ach Mensch! Du mieser Mensch! Du bist doch am Ende! So gut wie tot! Gib doch auf! Mir entkommst du nicht …«

»Mensch! Du geliebter Mensch! Du bist frei! Und du sollst leben! Sei mutig! Vertrau’ auf mich.«

»… wer unterbricht mich da? Und … wer spricht da eigentlich?«

»Oh, Entschuldigung. Ich dachte, du hast dir gemerkt, wer ich bin. Ich bin der Heilige Geist. Ich wohne hier.«

»Hab’ ich’s doch befürchtet … Der Heilige Geist. Du schon wieder. Auch hier hast du dich breitgemacht. Warum reicht dir nicht ein kurzer Besuch bei diesen Menschen? Warum musst du immer gleich einziehen mit allem Drum und Dran? Aber dass eins klar ist: Du kannst hier meinetwegen wohnen. Aber bestimmen tu immer noch ich! Ich, die Sünde.«

»… immer noch ganz die Alte, was? Bestimmen, darum geht es dir. Herumkommandieren. Die Menschen im Griff haben. Kleinhalten.“«

»… das klingt richtig schön, wie du das sagst. Genau so läuft das bei mir. Das ist mein sündiges Geschäft. Was ist eigentlich so schlimm daran?«

»Es sind und bleiben Lügen, die du ihnen einflüsterst. Unwahrheiten.«

»Na und? Ich mag die Lüge. Ich mag die Unwahrheit. Ich habe das alles sorgfältig erfunden. Und — die Menschen glauben mir doch auch! Wenn alles nach meinem Plan läuft, zumindest … Dann glauben sie mir, wenn ich ihnen das Gefühl gebe, sie seien nichts wert. "Du kannst doch nichts", sage ich dann. "Du taugst nichts. Du bist Gott nicht recht. Er kann dich nicht brauchen. Und andere Menschen, die können dich auch nicht brauchen." Manche von meinen kleinen Sätzen, die sage ich den Menschen immer wieder. Schon morgens beim Aufstehen fange ich an: "Das bringt doch nichts." "Das hat eh keinen Sinn." "Lass’ es lieber gleich." Oft übernehmen sie diese Einreden dann — und sprechen sie sich selber vor: "Warum muss ich mit all dem fertig werden?" "Ich kann das nicht." "Niemand interessiert sich dafür, wie’s mir geht." Wenn solche Melodien erst mal den Alltag durchtönen, dann sind sie so gut wie tot, die Menschen. Dann bleiben sie nur bei sich selber. Verkrümmt in sich selbst, verkümmert und verdammt. Ach — von mir aus hätte es in Ewigkeit so weitergehen können …«

»… das kann ich mir vorstellen …«

»… aber dann kamst du. Der Heilige Geist. Dann hast du dich eingemischt! Und plötzlich …«

»… plötzlich erkennen die Menschen, dass du sie belügst. Dass sie in Wahrheit wertvoll sind. Wertvoll und geliebt. Gott recht. Und sie entdecken ihre Begabungen. Ihre Talente. Schon beim allerersten Pfingstfest war das so — damals, in Jerusalem. Plötzlich konnten sie alle predigen. Alle, in die ich damals hineingekommen bin. Sogar Petrus konnte es, dieser liebenswürdig-derbe Haudegen. Du hättest den mal vorher reden hören sollen! Und mit einem Mal hält er eine mitreißende Predigt!«

»Ach, erinner’ mich nicht dran! Den Petrus, den hatte ich doch schon fast soweit. Dieser Versager war völlig am Ende. Aber dann bist du ihm wieder nachgegangen …«

»… oder neulich, diese eine Konfirmandin. Die hat plötzlich entdeckt, wie musikalisch sie ist. Und dass andere sich freuen darüber. Heute spielt sie in der Band vom Jugendwerk! Und sie ist nicht die Einzige geblieben.«

»Nicht zum Aushalten, so was … Aber manchmal kann ich dann doch noch was drehen. Wenn die Menschen schon ihre Begabungen entdeckt haben, dann ziehe ich die Sache eben andersrum auf: ‚Du bist die absolute Nummer eins‘, sage ich den Menschen dann. ‚Du bist dir selbst gerecht. Du brauchst Gott nicht! Und andere Menschen brauchst du auch nicht! Das hast du doch nicht nötig. Und Glauben ist was für Schwächlinge. Schau’, dass du nicht zu kurz kommst!‘ Auch so beschäftige ich die Menschen mit sich selbst. Auch so starren sie nur auf den eigenen Bauchnabel — und sind so gut wie tot. Eigentlich hätte das auch bei Petrus bestens funktionieren müssen. Der war doch immer schon so ein eingebildeter Großkotz …«

»… hmm, so sehr daneben liegst du da gar nicht. Mit Petrus hatte ich viel Mühe … Aber schon das erste Pfingstfest hat ihn und alle Menschen zueinander gebracht. Sie haben ihre neuen Talente nicht für sich alleine behalten. Sie haben gespürt, dass sie sich selbst noch nicht genug sind. Plötzlich konnten sie sich alle verstehen. Sie sind aufeinander zugegangen. Auch das passiert, wenn ich in den Menschen wohne. Eine ganz neue Gemeinschaft entsteht.«

»Aufeinander zugehen, Gemeinschaft — hör’ auf! So was kann ich echt nicht hören …«

»… oder schau’ mal hier nach Zuffenhausen: Da gibt es seit neuem die Samariterstift-Gottesdienst-Begegnungen. Einmal im Monat kommen Leute aus dem Stadtbezirk Sonntag morgens ins Pflegeheim. Dort wird dann gemeinsam Kaffee getrunken — und man besucht zusammen den Gottesdienst in der Pauluskirche. "Nötig" hätte das niemand von denen. Aber darum geht es auch nicht. Sondern: Ich bringe Menschen dazu, Gottes Liebe weiterzugeben, einfach so.«

»Schon klar, dass du jetzt deine Erfolgs-Geschichten präsentierst … Aber du wirst doch wohl nicht abstreiten, dass ich regelmäßig Erfolg habe!? Sonst hätte ich, die Sünde, doch wohl kaum so oft das Sagen! ‚Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach‘ … Ein schönes Sprichwort, findest du nicht? Könnte glatt von mir kommen …«

»Ja, das ist richtig. Manchmal vergessen Menschen, dass ich in ihnen wohne. Vielleicht wissen sie es noch, mit dem Kopf, — aber ihr Herz vergisst es. Und dann laufen sie aus lauter Gewohnheit wieder dir hinterher. Obwohl du gar keinen Anspruch mehr auf sie hast.«

»… und genau das verrate ich ihnen natürlich nicht. Denk’ doch — manche tun ja sogar so, als gäbe es mich nicht. Ich bin höchstens noch der Führerschein-Punkt in Flensburg für sie. Oder die Sahnetorte in der Fastenzeit. Niedlich, nicht? Wenn man mich derart unterschätzt, kann mir das nur recht sein. Andere blähen mich unendlich auf. Sie tun so, als hätte ich immer noch das Sagen — und reden mehr von mir als von dir. Auch das gefällt mir ganz gut.«

»… dann glauben Menschen wieder deinen Lügen. Dann denken sie zu klein von sich — oder zu groß. Dann bleiben sie wieder bei sich. Sie wählen nicht das Leben, sondern den Tod …«

»… na bitte, sag’ ich doch. Und dann ist mein Geschäft getan.«

»… aber sogar dann wohne ich noch in ihnen! Und Jesus auch!«

»Jesus! Christus Jesus … Der hat mir jetzt gerade noch gefehlt! Warum fängst du wieder mit dem an?«

»Wie soll ich mit Jesus anfangen, wenn er schon immer hier war? Ich gehöre zu ihm. Wo er ist, da bin ich auch. Und wo ich, der Heilige Geist, bin, da ist er. Uns beide gibt es nur zusammen. Deshalb kann man auch zu mir beten wie zu einer Person. Und du hast ja selber seinen Titel genannt: ‚Christus‘. Das heißt: ‚Gesalbter‘. Die Könige früher, die wurden mit Öl gesalbt. Aber Jesus, den …«

»… ja, ich weiß schon. Jesus, den hast du gesalbt. Der Heilige Geist persönlich … Also — einer von euch beiden hätte wirklich gereicht …«

»… nein, das hätte nicht gereicht. Jesus alleine hätte noch nicht gereicht. Das will ich jetzt schon mal anmerken. Denn er war ja an Raum und Zeit gebunden. Jesus, den gab es nur in Israel vor rund 2.000 Jahren. Aber ich, der Heilige Geist, verbinde Menschen aller Zeiten und Orte mit Jesus. Denn wo ich wohne, da wohnt er auch. Und deshalb zurück zu vorhin: Manchmal rennen Menschen also wieder dir hinterher, der Sünde. Manchmal wählen Menschen nicht das Leben, sondern den Tod. Aber Jesus ist ja auch diesen Weg mitgegangen!«

»Allerdings. Ganz schön unverschämt war das! Der Tod ist meine Sache. Mein Metier. Ich bestimme über ihn. Und dann geht auch dieser Jesus einfach in den Tod. Ausgerechnet Jesus — der einzige, der mit dem Tod noch nie was zu tun hatte! Er hat sich eingemischt in meine Geschäfte. Meine Pläne durch-kreuzt. Unerträglich nah gekommen ist er mir damals.«

»Damals hat er endgültig erfahren, was es heißt, Mensch zu sein — und unter deinem Einfluss zu stehen. Als Mensch und im Tod hat auch er deine Lügen gehört. Fast hätte er geglaubt, er wäre allein gelassen. Aber sein Vater stand auch im Tod noch zu ihm. Um den Dritten im Bunde auch noch zu nennen …«

»… ja, schon klar … und dann ist er tatsächlich auferstanden. Das Leben hat gesiegt — nach gerade mal drei Tagen. Was für eine Blamage! Ich will gar nicht mehr daran denken! Und du hast gründlich mitgemischt!«

»Das ist nun wahr. Auferstehung, das ist meine Spezialität. Bis heute.«

»Bis heute? Wie meinst du das?«

»Na, wenn Christus durch mich, den Heiligen Geist auferstanden ist, … und wenn ich heute in ganz normalen Menschen wohne, … kommst du mit?«

»Ich fürchte, ja. Dann war die Auferstehung Jesu sozusagen nur der Anfang. Der Startschuss. Und wo immer du wohnst, da siegt das Leben … Egal, wie tot ein Mensch schon war.«

»Ja, für die Auferstehung ist man nie zu tot.«

»Was für eine verrückte, ekelhafte Idee!«

»Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Wenn Menschen es lernen, den Blick zu heben. Wenn sie aufgerichtet werden — und merken, dass sie eben nicht alleine sind mit sich selbst. Dass der Tod nicht das letzte Wort behält. Wenn sie feiern, dass sie untrennbar verbunden sind mit mir.«

»Sie müssen dir wirklich viel bedeuten, diese Menschen … Aber sag’ mal — hast du gerade das Fenster hier aufgemacht?«

»Klar. Ich wohne doch hier. Und hier musste man schon längst mal kräftig lüften. Ich bringe frischen Wind, das weißt du doch.«

»Frischer Wind, mir wird schlecht … Mein schöner Mief, komplett dahin … Ich muss weg. Hier hab’ ich eh nichts zu melden. — Ach Mensch! Du mieser Mensch! Für den Moment bist du mich los. Aber ich komme wieder. Darauf kannst du Gift nehmen!«

»Mensch! Du geliebter Mensch! Ich bleibe bei dir. In dir. Was dir auch geschieht.«

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Jesus Christus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. […] Wenn […] Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Amen.

Predigt, gehalten am 8. Juni 2014 in der Michaelskirche Stuttgart-Zuffenhausen/Neuwirtshaus und in der Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen.

 

3 Kommentare zu “Wo Gottes Geist wohnt …”

  1. Steffen meint:

    Und wo immer du wohnst, da siegt das Leben … Egal, wie tot ein Mensch schon war.«

    »Ja, für die Auferstehung ist man nie zu tot.«

    Gibt es Hoffnung, dass das auch für die religiösen Fanatiker gelten kann, die sich als “Gotteskrieger” sehen und doch genau das Gegenteil damit tun?
    Ich hoffe es sehr…
    Die eigene Religion scheint wirklich die hartnäckigste aller Sünden zu sein…

  2. Daniel meint:

    Ich hoffe es auch, Steffen … Wer, wenn nicht der Heilige Geist??

  3. Steffen meint:

    Übrigens: Auch ein schöner Vergleich zum Thema “Gesetz” (Sünde und Gefangensein) und Evangelium (Hl. Geist + Gesetz der Freiheit und der Freien) findet sich bei John Bunyan (Johannis Verlag ISBN 3- 501-01360-4) S. 39.

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