Wie viel Schwäche ist erlaubt?

29. März 2010

Anstatt

dem sicheren, zufriedenen, glücklichen Menschen nach[zuweisen], daß er in Wirklichkeit unglücklich und verzweifelt sei und das nur nicht wahrhaben wolle, daß er sich in einer Not befinde, von der er garnichts wisse und aus der nur sie ihn retten

könne, soll die Kirche

die Mündigkeit der Welt und des Menschen einfach anerkenn[en und] … den Menschen in seiner Weltlichkeit nicht »madig mach[en]«

Berühmte Worte von Dietrich Bonhoeffer. Neulich habe ich sie mal wieder gehört. Spontan dachte ich: »Amen dazu, Bruder!« Denn nicht zuletzt gilt doch: Die Menschen auf eine Defizitperspektive festlegen…das bedeutet de facto auch Milieuverengung: Das Evangelium ist dann vorrangig für 60jährige Vorruheständler in Lebenskrisen attraktiv, nicht aber für 30jährige Geschäftsleute auf der Erfolgswelle. Wenn aber doch Gott für alle da ist…

Wenige Tage später saß ich an einer Predigt. Und ertappte mich bei folgenden Formulierungen:

Der Geist Gottes macht Kirche möglich. Und deswegen heißt Kirche auch: Wir werden Teil von Gottes Geschichte mit der Welt! Gott macht Dinge mit uns, von denen wir sonst nicht einmal träumen würden. Vielleicht klingt das ein bisschen hochtrabend. Aber: Dass in der Kirche kraftlose Menschen wieder Hoffnung finden – ist das nichts?

Es folgte ein ganz ähnlich gestrickter Satz, den ich rasch durch folgenden ersetzte:

Dass in der Kirche Menschen ihre Lebensfreude entdecken und feiern – ist das nichts?

Eine gewisse Schräglage blieb trotzdem: Der Heilige Geist – eine Kraft, die dem Menschen neu auf die Beine hilft. Und heute, im Palmsonntag-Gottesdienst, beim Start in die Karwoche, habe ich mich gefragt: Liegt diese Sicht der Dinge eben an meiner Person? Daran, dass ich Christus besonders stark als einen Helfer für die »Mühseligen und Beladenen« (vgl. Matthäus 11,28) – und damit auch für mich selbst – erlebe? Oder ist das letztlich immer der Gag des Evangeliums – dass uns eben tatsächlich Sorgen und Nöte abgenommen werden (ob wir sie »wahrhaben wollen«, ob wir von ihnen »wissen« oder nicht), so dass wir im Leben und im Sterben auf Christus vertrauen? Und muss dann nicht genau das auch in irgendeiner Weise deutlich werden? Brauchen wir die eingangs abgewatschte Defizitperspektive also doch? Was würde Jesus Bonhoeffer sagen?

 

4 Kommentare zu “Wie viel Schwäche ist erlaubt?”

  1. Peter meint:

    Vielleicht beschreibt die Differenz bzw. “Schräglage” ja auch nur, warum die einen Sonntags da sind und die anderen nicht?

  2. Daniel meint:

    Sicher auch… Nur, provokant gefragt: Müssen wir den vermeintlich Starken also noch deutlicher ihre Schwäche(n) vor Augen führen…? Hoffentlich nicht! Aber was ist dann mit der Karwoche???

  3. Daniel meint:

    Schwäche zeigen…das kann doch auch ein Zeichen von Stärke sein, oder? Allerdings ein Zeichen, das sich nicht erzwingen lässt…

  4. Karfreitag « Willkommen auf der Homepage der Familie Brakensiek in Velbert! meint:

    [...] Doch das ist alles nicht so einfach. Zum einen ist so eine Kreuzigung eine unschöne Sache. Künstler, die das Kreuz “schön” darstellen, haben eine zumindest sehr eigene Interpretation der Sache. Dazu kommt dann noch, dass ich Sünder sein und Erlösung brauchen soll. Aber vielleicht geht es mir ja ganz gut? Warum sollte ich dann Erlösung brauchen? Wie sollte man mi… [...]

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