Wichtiger Widerspruch?

29. Juli 2013

»Angriff auf die Hölle?« hieß ein kontroverser E-Mail-Briefwechsel zwischen Kolja Koeniger und mir Anfang 2012 im »ichthys«. Vorgenommen hatten wir uns Rob Bells Buch »Love Wins«, zu deutsch: »Das letzte Wort hat die Liebe«.

Knapp anderthalb Jahre später arbeiten wir an einer Fortsetzung. Als gemeinsame Lektüre dient diesmal Carsten »Storch« Schmelzers Fleiß-Abhandlung über die »Hölle«. Und wieder geht mir dabei eine kritische Meta-Überlegung nicht aus dem Sinn (die Peter neulich in anderem Zusammenhang angedeutet hat): Ist die Hölle in manchen theologischen Entwürfen zum entscheidenden Fundament geworden, ohne das alles andere zusammenbricht? Was noch kein hinreichendes Argument gegen sie wäre, aber zumindest ins Nachdenken bringen sollte. Passend dazu kam mir neulich mal folgende (An-)Frage in den Sinn: Was wäre eigentlich, wenn alle Menschen Christen wären? Wäre dann das Reich Gottes da für uns (ich schließe mich ganz bewusst mit ein)? Oder wären wir verwirrt-hilflos, weil wir doch primär von Abgrenzung und Widerspruch leben?

 

18 Kommentare zu “Wichtiger Widerspruch?”

  1. Frau Auge meint:

    Neulich machte mich ein Kollege auf ein Pardoxon aufmerksam, auf dass man in manchen Kreisen gelegentlich trifft und das vielleicht dazu passt: wenn du ihnen von der Hölle und der entscheidenden Entscheidung erzählst, dann sind sie beruhigt. Und wenn du ihnen von der All-Liebe und dem Alles-ist-gut sprichst, dann sind sie verstört und bis ins Mark verunsichert. Eigenartig, nicht?

  2. Daniel meint:

    :-) :-/

  3. Lucie Panzer meint:

    Erzählt nicht Jesus selbst im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-12), wie merkwürdig gerade die rechtschaffenen Arbeiter/Christen denken: Nur der, der alles richtig macht und die Anforderungen voll erfüllt, hat ein Recht auf Entlohnung. Die anderen sollen gefälligst sehen, was sie davon haben, wenn sie sich nicht so abmühen wie ich! Soll es denn “umsonst” gewesen sein, dass ich mir Mühe gegeben habe? Hätte ich das womöglich auch bequemer haben können? Wie ärgerlich!
    Jesu Großzügigkeit, der allen gibt, was sie zum LEben brauchen, war schon damals den Menschen ein Dorn im Auge. Und so ist es bis heute: dass Gottes Gnade Geschenk ist und nicht Verdienst – das steht dem menschlichen Verdienstdenken entgegen. Es gibt anscheinend Sicherheit, zu wissen: ich stehe auf der richtigen Seite und habe alles für mein Heil getan, wenn es sein muss, tue ich auch noch mehr. Das fällt vielen leichter, als mit Gottes Gnade zu rechnen.

  4. Steffen meint:

    @ Lucie Panzer “…dass Gottes Gnade Geschenk ist und nicht Verdienst” stimmt jedoch nur, wenn man bedenkt, dass es ein teuer erkauftes Geschenk ist, welches uns durchaus eine Warnung vor “billiger” Gnade (“Religionsausübung” als Gnadengarantie sozusagen) sein muss.
    Gott erwartet vom begnadigten Menschen eine entsprechende Antwort im Leben.
    Evangelisch, somit christlich, kann immer nur sein, was Luther in seiner 1. These schrieb, damals in Wittenberg.
    Und -wichtiger noch – was Jesus über die Nachfolge sagt. Da ist bei Jesus (sehr) viel vom Tun des göttlichen Willens die Rede.
    Die Predigt der “billigen” Gnade ist sehr populär, doch eine große Gefahr für die “kleine Herde” der Christen.
    Gnade ist nicht bedingungslos, sie ist immer an Christus gebunden.

    Und: Daniel, definiere doch mal “Christ”. Die Frage nämlich, was wäre wenn, kann nur so betrachtet werden. Wenn Christ bedeutet, Angehöriger einer Religionsgemeinschaft, dann fällt die Antwort ja wohl anders aus, als wenn Christ Nachfolger Christi heißt, oder?

  5. Rolf meint:

    @Frau Auge: Wenn sie nur verstört wirken würden… aber viele reagieren geradezu aggressiv darauf. Sie fühlen – so glaube ich – dass ohne die Höllendrohung von ihrer Weltanschauung nicht viel übrig bleibt und das verunsichert sie so sehr, dass sie nicht akzeptieren können, dass andere eine positivere Ewigkeits-Auffassung haben.

    Aber ich verstehe es auch ein wenig: Schließlich fühlen sie auf sich die Last der Verantwortung, ihre Mitmenschen vor den ewigen Qualen zu retten. Da würde ich auch nervös werden. Es geht schließlich um viel.

  6. Daniel Renz meint:

    Am Einleuchtendsten finde ich immer noch Bells Hinweis auf den älteren Bruder im Gleichnis »Vom verlorenen Sohn« bzw. »Vom barmherzigen Vater«. Der hat ein mageres »Eintrittskarten-Evangelium« gelebt – und verzweifelt deshalb an der Gnade seines Vaters. Aber auch bei Jona, dem ungewollt erfolgreichen Bußprediger, finden sich Parallelen.

    Wie man »Christ« definiert, tut in diesem Zusammenhang nichts zur Sache, glaube ich. Die Schräglage bleibt jeweils dieselbe, oder?

  7. Steffen meint:

    Ja, das bleibt sie.
    Aber: Ist ein Mensch, der nicht diese “trotzige Zuversicht” auf die Gnade Gottes lebt, ein Christ, oder ist er noch im gesetzlichen Glauben gefangen und somit (wie übrigens der ältere Bruder aus dem Gleichnis) eher jemand, der den lebendigen Gott, den Vater Jesu, noch nicht kennt und ihm demzufolge natürlich auch nicht folgen kann?
    Somit bleibt die Formulierung Jesu von der “kleinen Herde” doch hoch aktuell und dein Ansatz, dass Christen vor allem von der Abgrenzung und dem Widerspruch leben.
    Demzufolge wird das erst bei Christi Wiederkehr wirklich geklärt werden können.
    Fassen wir uns also in Geduld und in trotziger Zuversicht.

  8. Bernhard Elser meint:

    An dieser Stelle hatte C. S. Lewis mehr zu sagen als alle anderen zusammen, auch mehr als ein gewisser Rob Bell:

    “Bei allen Erörterungen über die Hölle müssen wir uns ständig vor Augen halten, daß sie wahrhaft möglich ist – nicht für unsere Feinde, auch nicht für unsere Freunde (beide trüben den klaren Blick der Vernunft), nein: für uns selbst.” (C.S. Lewis, Über den Schmerz, S.129)

  9. Daniel meint:

    … volle Zustimmung. Danke für die Ergänzung – und diese Blickrichtung, Bernhard!

  10. Steffen meint:

    “…nein: für uns selbst.”
    Jo, das ist die Blickrichtung der “teuren Gnade” und somit noch eine Buchempfehlung zum Thema: “Nachfolge” von Dietrich Bonhoeffer.

    “Nur in dieser neuen, durch den Gehorsam geschaffenen Existenz kann geglaubt werden.” (S.53)

    Es gibt Bedingungen für die Begnadigten! Alles andere wäre ein Rückfall zum Ablasshandel und zur Religion.

  11. Daniel meint:

    Nee, nicht Bedingungen. Sondern Konsequenzen, Folgen. Von denen spricht Bonhoeffer, unter anderem in seiner »Nachfolge«. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, oder? (Und überdies wichtig: Es geht um die »Begnadigten«, ganz richtig, nicht um die zu Begnadigenden.)

  12. Steffen meint:

    ” Konsequenzen” genau das ist das Wort. Danke.
    Die zu leben ist ja Bonhoeffer selbst Beispiel gewesen und auch darum ist er heute u.a. ein Vorbild in unserer Kirche.
    Sind diese Konsequenzen nicht aber Bedingung eines Lebens in der Nachfolge.
    Anders zu leben hieße nicht Nachfolge, denke ich.

    Das muss die Antwort der Begnadigten sein. Sie wird verlangt! Das ist nicht zu viel, bedenkt man, dass man dafür das ewige Leben bekommt.
    Wenn dem nicht so wäre, dann wollte ich mit Gott nichts zu tun haben, denn dann wäre es egal was Menschen tun nachdem sie zum Glauben gekommen sind.
    Dann könnte jeder sagen: Ich bin Christ, aber Gottes Wille ist mir egal, denn ich bin begnadigt. Das gibt es übrigens sogar unter ordinierten AmtsträgerInnen (um pol. korrekt zu bleiben) und das bringt die Kirche weltweit in große Gefahr (Missbrauchsskandale etc.), ist das Krebsgeschwür falsch verstandener “billiger” Gnade.
    Insofern ist der theologische Entwurf von Hölle nicht so von der Hand zu weisen. Es gibt eben Dinge, die verdammt Gott. Und es gibt Matth. 12, 50, was ich für elementar halte für den Glauben den Jesus uns Menschen gibt.

  13. Daniel meint:

    Mir ist völlig klar, dass die präzise Unterscheidung zwischen Bedingungen und Konsequenzen neue denkerische Schwierigkeiten mit sich bringt. Manches Problem wird dadurch nur verlagert bzw. zu Gottes Sache. Und trotzdem bleibt es entscheidend: Gottes Gnade kennt keine Bedingungen. Auch nachträglich nicht.

    Bin jetzt wieder auf einen schönen Text von Hans-Joachim Eckstein gestoßen, der das eindrücklich demonstriert. Aber daraus bastle ich einen eigenen Blog-Beitrag, irgendwann in den nächsten Tagen. ;-)

  14. Steffen meint:

    Was aber, wenn keine Konsequenzen gezogen wurden?
    Was, wenn -wie z.B. beim reichen Jüngling- nicht nachgefolgt (kein Gehorsam geleistet) wird?
    Somit, wenn es also nicht die Bedingung der “schmalen Pforte” gibt, wäre es egal was der Mensch tut? Hauptsache er nennt sich Christ und bekennt diesen Glauben?
    Ist das biblisch? Hat Jesus das gesagt? Und wenn ja, wo?
    Dann bekommen wir ja die Kirchen doch wieder voll;-)
    Dass es keine Vor-Bedingungen gibt, das lese ich in der Bibel, aber nach der Bekehrung? Da ist doch nicht mehr die “alte Kreatur”, sondern etwas Neues und dieses Neue muss und will und darf viel leiden, also Bedingungen erfüllen. (siehe unseren prominentesten Apostel Paulus und alle anderen).
    Ist das nicht die permanente Buße, von der Dr. Luther unter Berufung auf unseren geliebten Jesus sprach und für die er, wie viele andere (Bonhoeffer, Barth etc.)auch, sehr viel riskierte? Die alleinige Hinwendung zu Gott und die Abkehr vom Bösen, von der Sünde?
    Ist Jesus nicht der Juden König? Oder hatte das Volk recht, das sagte: Er sagt nur, dass er es ist?
    Gott will uns doch als Gegenüber und wie soll das gehen, wenn wir etwas versuchen vor ihm zu verbergen, weil wir wissen, es ist nicht von Gott, sondern von uns selbst?
    Tatsächlich: “eine neue denkerische Schwierigkeit”, die mich irritiert, denn ich finde sie nicht in der Schrift und das lässt mich Fragen stellen nach dem “Ort der Theologie”.

  15. Daniel meint:

    Ich verstehe deine Bedenken. Aber das Christen nicht als Christen leben, ist sozusagen die unmögliche Möglichkeit. Soll heißen: Dieser Fall ist »im System« nicht vorgesehen und kann dann auch nicht »intern« gelöst werden, etwa durch die Formulierung von Bedingungen. Wir müssen andere Wege finden, damit umzugehen. Zum Beispiel die Klage?!

  16. Steffen meint:

    Ich denke schlicht und ergreifend, dass Menschen die nicht als Christen leben, eben keine Christen sind und überlasse es letztlich Gott, damit umzugehen.
    Ebenso wie es ja sein Gericht sein wird und nicht unser.
    Das gilt für mich ebenso, wie es für meinen Blick auf andere Menschen gilt.
    Dennoch spricht Jesus in seiner berühmtesten Predigt von der (Zitat) “Hölle”. Zumindest er traut sich das noch;-)

  17. Daniel meint:

    … yep, dann ist die Unterscheidung aus meiner Sicht präzise. Es gibt Menschen, die weder Christen sind noch so leben. Dass sich manche von ihnen trotzdem Christen nennen, ist sozusagen ein Systemfehler, der nur »extern« angegangen werden kann. Wobei das jetzt wieder arg abstrakt-statisch klingt.

  18. Steffen meint:

    …und es gar kein “System” dabei gibt, nicht zu vergessen.
    Gäbe es das, wäre es ja so, dass Gott vom Menschen zu analysieren wäre.
    Ernsthafte Theologen aber versichern uns sehr beschwingt, dass das – Gott sei Dank!!!- nicht so ist.

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