Wertvoller Wertverlust

27. Januar 2011

Lagert man Lebensmittel, verschimmeln sie irgendwann. Ein Auto ist nach wenigen Jahren nur noch die Hälfte wert, ein Computer möglicherweise noch schneller. Auch Häuser lassen sich nicht mehr zum Ursprungspreis verkaufen – wenn sie nicht saniert werden.

Alles verliert also mit der Zeit an Wert. Fast alles. Alles…außer Geld. Und Geldanlagen. Bei denen ist es sogar umgekehrt: Je länger man bunkert, desto mehr Zinsen gibt es.

Die Folge dieser auffälligen Schräglage: Nur wenig Geld ist tatsächlich im Umlauf. Der größere Teil liegt auf irgendwelchen Konten. Macht dort die Reichen reicher – und indirekt die Armen ärmer.

Schon vor Jahren bin ich im Internet auf eine Idee gestoßen: Wie wäre es, wenn auch Geld an Wert verlieren würde, falls man es nicht ausgibt? (Wie es früher – als man ausschließlich mit Naturalien handelte – ja tatsächlich war…)

Neu war mir, dass dieses Gedankenexperiment tatsächlich mal Wirklichkeit wurde – 1932 im österreichen Wörgl. Die »ZEIT« hat vor vier Wochen berichtet: Mitten in der Wirtschaftskrise brachte Bürgermeister Michael Unterguggenberger eine lokale Währung in Umlauf. Der Gag: Die Geldscheine verloren nach Monatsende ihren Wert – es sei denn, man versah sie rechtzeitig mit einer eingekauften Marke. Für den Zehn-Schilling-Schein betrug die entsprechende Gebühr zehn Groschen. Nach einem Monat war der Schein also faktisch nur noch 9,90 Schilling wert, nach einem Jahr 8,80 Schilling.

Die Folge: Die Bürger von Wörgl gaben ihr Geld schneller aus. Und profitierten davon gegenseitig. Das wenige Geld, das nun rasch kursierte, ließ die Einkommen und Steuereinnahmen steigen, die Arbeitslosigkeit sinken, den Gemeinderat gemeinsam an einem Strang ziehen. Während der Rest von Österreich vollends in die Krise rutschte.

Knapp anderthalb Jahre dauerte das Wunder. Dann sprach der österreichische Verwaltungsgerichtshof das Verbot aus. Alles soll(te) so bleiben, wie es war. Die Reichen können aufatmen – bis heute.

 

5 Kommentare zu “Wertvoller Wertverlust”

  1. Alex meint:

    Mmh… also dafür, dass das Geld seinen Wert verliert, sorgt unbemerkt die Inflation. Dafür, dass es bei der richtigen Anlage Wert gewinnt, dafür sorgt der Unternehmergeist der Leute, die bessere Ideen aber weniger Geld haben. Alles doch gar nicht so verkehrt, oder?

  2. Uhlandschüler meint:

    Ich möchte mich meinem Vorredner gerne grundsätzlich anschließen und als “Mann vom Fach” vielleicht kurz den wissenschaftlichen Standpunkt anschneiden.

    Das Wörgl Modell ist sicherlich innovativ und der Beitrag spricht ganz reale und drängende Probleme unseres Wirtschaftssystems an (z.B. ungleiche Reichtumsverteilung).

    Allerdings:

    (1) Geld verliert wie bereits von Alex erwähnt sehr wohl an Wert, nämlich durch die Inflation, die historisch fast durchgehend und in allen Ländern der Welt auftrat und noch heute auftritt. Schon Adam Smith hat sich darüber beklagt, dass man mit Silbermünzen im Britischen Empire über die Jahre immer weniger kaufen kann. In der Vergangenheit wurde das Geld tatsächlich immer weniger wert – zw. 1% und 4% jährlich seit der Wende. Was kostete doch gleich ein Brötchen vor 20 Jahren?

    (2) Das Geld, was (scheinbar) unnütz auf der Bank ist, ist sehr wohl Teil des produktiven Wirtschaftskreislaufes, denn es wird von den Banken weiterverliehen. Derjenige, der sich das Geld leiht, investiert (Häuslebauer, Unternehmer, etc.) oder konsumiert (Konsumentenkredit, Autokredit etc.) und schafft dadurch die von Dir genannten “Arbeitsplätze, Steuereinnahmen” usw. Dein Argument trifft allerdings zu auf die Ersparnisse, die Oma Müller in ihrem Sparstrumpf aufbewahrt. Diese sind tatsächlich dem Wirtschaftskreislauf entzogen.

    (3) Dass sich das Kapital von alleine vermehrt und die “Reichen reicher macht”, hat schon Karl Marx angeprangert (und zudem religiöse Autoritäten, mit besonderer Bestimmtheit im Christentum und im Islam). Allerdings kann man glaube ich nicht pauschal behaupten, dass Arme dadurch ärmer werden, dass Sparguthaben zinstragend sind. Wie gesagt, werden durch die Ersparnisse Investitionen und Konsum finanziert. Im Falle von Investitionen werden die Kreditzinsen dem Unternehmer belastet, also dem bösen Kapitalisten. Im Falle von Konsumkrediten ermöglicht der Kredit dem Kreditnehmer (in “BWL-Sprech”) die intertemporale Optimierung seiner Konsumbedürfnisse.

    (4) Man kann formal-analytisch zeigen, dass die Preise in einer Volkswirtschaft von der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes abhängen. Je schneller das Geld umläuft, desto schneller steigen die Preise. Wenn die Bürger glauben, ihr Geld werde immer weniger Wert (= Inflation), dann geben sie es schneller aus, und produzieren noch stärkere Inflation (in der BWL nennt man das “self-reinforcing cycle”).

    Das Experiment von Wörgl ist also bereits vielfach in der Volkswirtschaftlichen Praxis versucht worden (nämlich in allen Zeiten erhöhter Inflation).

    Derzeit gehen fast alle Ökonomen davon aus, dass hohe Inflation schädlich ist (die Frage über die sich Monetaristen und Neokeynesianer streiten ist im Grunde nur, ob sie schon ab 2% oder erst ab 5% schädlich wird).

    Soweit der wissenschaftliche Standpunkt — ob dieser der menschlichen Intuition überlegen ist sei dahingestellt :)

  3. Alex meint:

    Danke für die Untermauerung meiner Argumentation! Immer feste druff auf Oma Müller… die Ärmste :) Freue mich schon auf die nächste Maus, in der wir die “richtige” Inflationsrate diskutieren.

  4. Gunman aus Texas meint:

    Oha. Ich bin ja schon lange fuer ein Schulfach Wirtschaft, das haette hier sicher weiter geholfen. Alex und Uhlandschueler haben schon auf das Meiste hingewiesen.

    ad 1) Inflation: Wie die Vorposter schon erwaehnten, ist es tatsaechlich umgekehrt. Vieles, was knapp ist und sich lagern laesst, GEWINNT an Wert, ausser Geld! Einfachstes Beispiel ist Land. In der Tat ist es schwer sein Geld schlechter anzulegen als auf dem Girokonto, denn das Geld wird immer MEHR im Gegensatz zu Land.

    ad 2) Je mehr die Reichen sparen desto BESSER fuer die Armen – denn Ersparnisse sind Investitionen und die schaffen Arbeitsplaetze und/oder hoehere Loehne. (Nebenbei: Je mehr gespart wird, desto NIEDRIGER die Zinsen aufs Ersparte! Man kann sich also nicht unendlich reich sparen.)

    ad 4) Was die Jungs aus Woergl gemacht haben kam tatsaechlich einer regionalen Gelddruckerei gleich – und duerfte nur in einer Krise und auf lokaler Basis funktionieren. Das ist aber schon fortgeschrittenere Materie und kommt erst im Studium dran!

    5) Zitat: “Wie wäre es, wenn auch Geld an Wert verlieren würde, falls man es nicht ausgibt? (Wie es früher – als man ausschließlich mit Naturalien handelte – ja tatsächlich war…)” Eigentlich haben Leute immer schon mit MUENZEN gehandelt, weil diese nicht im Wert verloren und das jeweilige Material rar war. Siehe ad 1)

    Fazit: Wer gegen die Reichen wettern moechte, sollte auf deren VERSCHWENDUNG (Luxusgueter) ansetzen statt auf deren ERSPARNIS (hilft den Armen).

    PS: Das “alles verliert an Wert” nennt sich auch KONSUM. Gerade hat meine Banane 100% an Wert verloren!

  5. Daniel meint:

    Danke für die fachkundigen Beiträge! Ich kann da natürlich keine Denkfehler nachweisen. Und trotzdem kriege ich ein mulmiges Gefühl, wenn irgendwelche Typen zum Beispiel auf das Verhalten von Lebensmittelpreisen spekulieren, nur (!) um damit noch mehr Geld zu scheffeln… Versteht ihr, was ich meine?

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