Welche Wissenschaft?

2. März 2007

Neuerdings beziehe ich – im stark vergünstigten »Mini-Abo« – die Zeitschrift »Spektrum der Wissenschaft«. Das muss noch nicht viel heißen. Meistens geht es mir bei solchen Aktionen um das Werbegeschenk – und tatsächlich war da gerade ein hübsches kompaktes Fernrohr im Angebot. (Welches mir im zweiten Anlauf auch wirklich zugeschickt wurde – zunächst kam eine stinknormale Taschenlampe…)

Trotzdem – die erste Ausgabe (3/07) habe ich relativ gründlich gelesen. Die Themen sind ja auch interessant, keine Frage. Die mögliche Rundum-Versorgung eines Haushalts durch moderne Roboter klingt verlockend (auch wenn diesbezügliche Visionen ausgerechnet von Bill Gates zu Papier gebracht werden…). Warum sich nicht informieren, wie Papierrecycling funktioniert? Und über neueste Erkenntnisse der Hirnforschung sollte man auch (oder gerade?!) als Theologe grob Bescheid wissen.

Und doch – nach der Lektüre hatte ich ein ganz unbehagliches Gefühl. Hatte zunächst keine Ahnung, warum. Irgendwas hatte da gefehlt…

Mittlerweile glaube ich es zu wissen. In diesem Hochglanz-Magazin begegnet einem ein erschreckend reduktionistisches Menschenbild. Technische Fakten en masse – aber das war’s. Punkt. Aus. Und wo es dann doch mal um Emotionen geht (in der angesprochenen Ausgabe konkret um Mitgefühl), dann wird alles gleich psychologisch erklärt und »aufgeschlüsselt«. Rationalismus pur.

Weiterhin auffällig: Von Geisteswissenschaften so gut wie keine Spur. Lediglich in der Rubrik »Junge Wissenschaft« tauchen sie kurz auf – im Rahmen der (halt momentan aktuellen) Aktion »Geisteswissenschaften in den Schulen«.

Da mutet es schon etwas scheinheilig an, wenn in einer Rezension zum Buch »Diesseits von Eden« – einem Versuch, Biologie und Theologie miteinander zu verbinden – auf die (doch hoffentlich längst vergangenen!) »Versuche machtvoller Religionen wie des Christentums« hingewiesen wird, »Naturwissenschaftler in Sachen Natur zu belehren«. Mir scheint, dass aktuell genau die gegenteilige Gefahr vorliegt: Frei nach Carl Friedrich von Weizsäcker scheint der »harte Kern« der Neuzeit, unseres »wissenschaftlichen Zeitalters«, eben die Naturwissenschaft zu sein. Mit ihren – allgemeiner Überzeugung nach – unübertreffbar »neutralen« Teilbereichen Physik, Biologie, Medizin, Astronomie usw. Die Folge – so Michael Trowitzsch treffend im aktuellen »Ichthys«-Interview: Alles, »was eine Handbreit neben der Naturwissenschaft liegt«, kommt zwangsläufig »schon in den Verdacht …, vage zu sein.«

Ist die »Wissenschaft« etwa nur Naturwissenschaft? (Man beachte den Singular im Zeitschriftentitel!) Unwillkürlich denke ich an die abstrusen Pläne des Greifswalder Universitätsrektors, eine rein naturwissenschaftliche Ausbildungsstätte zu schaffen und das dann weiterhin »Universität« (von lat. «universitas«!) zu nennen… Nicht zuletzt »Spektrum der Wissenschaft« hat mich überzeugt: Wir brauchen definitiv beides

Ob das aktuelle »Jahr der Geisteswissenschaften« für ein Umdenken sorgt?! Ich weiß nicht so recht. Die »ZEIT« hat im Rahmen dieser Kamapgne schon ein paar lesenswerte Artikel publiziert. Aber ob so was die breite Masse erreicht?!

In jedem Fall brauchen wir motiviert-selbstbewusste Geisteswissenschaftler. Hoffentlich bin ich einer…

…kaum zu glauben, dass ich bis zur elften Klasse fest entschlossen war, Mathematik zu studieren. Wobei das ja erwiesenermaßen eine »Grenzwissenschaft« ist…

 

Ein Kommentar zu “Welche Wissenschaft?”

  1. Daniel meint:

    Was mir vorhin beim Fahrradfahren durch den Kopf ging: Als Schüler habe ich tatsächlich anders gedacht. Da war Deutsch das langweiligste Fach – und hat “sowieso nix gebracht”. Ganz anders Mathe und Physik… Diese Sicht scheint jetzt ein bisschen ins Gleichgewicht gekommen zu sein. ;)

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