Warten live

27. Dezember 2009

Wann kommt sie nur? Wieder und wieder sieht er auf und schickt hektische Blicke durch die Menge. Seine durchfrorenen Finger umklammern den Blumenstrauß. Der Intercity ist schon vor eineinhalb Minuten eingefahren. Immer noch strömen Reisende über den Bahnsteig. Da hinten – ist sie das? Rote Jacke, mittelgroß…leider nicht. Seine Geduld nimmt ab. Die Grüppchen lösen sich auf, zurück bleibt das Zugpersonal, und eine Gruppe von Schülern. Ob er sich in der Zeit geirrt hat? Nein, kann nicht sein! »17.21 Uhr, Gleis 5« – seit drei Tagen kann er das fast auswendig! Oder…ob sie nicht mehr kommen wollte?

Wann kommt er nur? Es kommt ihr vor wie mehrere Stunden – so lange schon drückt ihr kleines Gesicht an die kalte Fensterscheibe. Draußen trommelt der Regen auf die Straße. Bei jedem Auto-Scheinwerfer, der ihr entgegen strahlt, hebt sie ihren Kopf. Ist das ihr Papa? Es ist doch schon spät – und er hat gesagt, dass er noch kommt, bevor sie ins Bett muss. Ihre kindliche Geduld ist groß – aber nicht grenzenlos. Die Augen fallen ihr schon zu. Von hinten hört sie ihre Mutter: »Noch fünf Minuten, hörst du?« »Fünf Minuten« – das hört sich nicht sehr lang an. Wann kommt er denn endlich?

Mit diesen beiden Szenen habe ich vor Weihnachten eine Predigt begonnen (über Jakobus 5,7f.: »So seid nun geduldig, liebe Brüder [und Schwestern!], bis zum Kommen des Herren. …«). Anschaulich und lebensnah sollten sie sein – das waren meine wichtigsten Kriterien. Diverse Rückmeldungen bestätigten mir: Genau das war mir auch gelungen. Im Blick auf die Gemeinde zumindest.

Ich selbst sollte erst rund drei Wochen später – am 23. Dezember – so richtig am eigenen Leib erfahren, was Warten bedeuten kann… Ich erwartete ein wichtiges Paket, das – laut Online-Sendungsverfolgungs-Information – am Montag, 21. Dezember an ups übergeben worden war. Am Dienstag, 22. Dezember war der Stand der Dinge auch spätabends immer noch derselbe. (Daran änderten auch meine halbstündlichen Aktualisierungen der Internetseite nichts.) Früh am nächsten Morgen dann der Spurt zum Rechner – und immerhin die Erkenntnis, dass das Paket über Nacht via Nürnberg ins Depot nach Ditzingen transportiert worden war. Ob es aber auch wirklich noch am selben Tag versendet werden würde – darüber schwiegen sowohl das Internet als auch die ups-Info-Hotline.

Präparierte mich schon für eine etwaige Selbstabholung in Ditzingen (»zwischen 19.00 Uhr und 20.00 Uhr, und nur nach vorheriger Anmeldung«…) – und durchsuchte hektisch das Internet nach passenden Erfahrungsberichten. Plötzlich stand ein großer schwarzer Wagen vor der Tür. Und die Qual hatte ein Ende… »Er kommt!«

Ach ja – warum das Paket so wichtig war? Es enthielt die Flyer für unseren Emmaus-Kurs. Ende Januar 2010 beginnt er – und im Heiligabend-Gottesdienst wollten wir kräftig einladen. Was dann auch erfolgreich geschehen ist. Bin sehr gespannt, wie es wird. (Mausklick vergrößert!)

 

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