Vor unserer Zeit

4. Dezember 2014

Samstag Vormittag. Ortstermin in Berlin-Zehlendorf. Das lange geplante ichthys-Interview mit Wolfgang Huber. Eine unserer ersten Fragen an den Ex-EKD-Ratsvorsitzenden und Fast-Bundespräsidenten: Wie war das eigentlich, mit gerade mal 23 und einer Promotion in der Tasche mit dem Vikariat zu beginnen, in Reutlingen-Betzingen? Und Huber – selbst aus einer akademisch-evangelisch-kirchendistanzierten Familie stammend – erzählt von seiner Erstbegegnung mit dem schwäbischen Pietismus. Von Menschen, die mit beiden Beinen im Beruf stehen, aber ohne jeden Eigennutz. Die ihre Freude am Glauben mit Zuneigung zu den Mitmenschen verbinden. Diese Form der Verbindung von Lebenserfahrung und Frömmigkeit habe ihn beeindruckt, »[d]as fand ich toll«.

… und ich? Ich warte andauernd auf die zweite Seite der Medaille. Auf die Wahrnehmung von geistiger Enge, Gesetzlichkeit, Doppelmoral, … Aber da kommt nichts. Irgendwann hake ich nach. Und Huber erklärt: Seine Erfahrungen stammen aus den Jahren 1966 bis 1968. Das war vor dem Stuttgarter Kirchentag 1969 mit seinen parteiischen Abgrenzungen, mit seiner Politisierung von Frömmigkeit.

Da kapiere ich: Auch wer sich von alten Schubladen abgrenzt, hat immer noch diese Schubladen im Kopf. Und vergisst dabei leicht, was vorher war. In diesem konkreten Fall: Menschen, die »intensiv evangelisch« leben (so die interessante Umschreibung des blöden Begriffs »evangelikal« durch Angela Merkel) ohne die typischen Kollateralschäden. Und Zeiten, in denen man auch ohne programmatische Abgrenzung Profil zeigen konnte.

 

4 Kommentare zu “Vor unserer Zeit”

  1. Steffen meint:

    Danke. Je mehr sich der Wind gegen uns Evangelikale dreht, umso mehr wird sichtbar, dass gerade diejenigen, die so verbissen für Offenheit nach allen Seiten kämpfen, die größten Schubladen im Kopf haben ☺
    Frei nach Barth(oder Jesus ☺) : Wer urteilt, der tut das vor allem über sich selbst.

  2. Daniel meint:

    Na ja … die (Selbst-)Bezeichnung »Evangelikal(e)« gehört ja gerade zur beschriebenen Frontstellung seit 1969 … :-/

  3. Steffen meint:

    Das macht trotzdem Sinn.
    Es bezeichnet schließlich Menschen, die sich allein am “Wort ” (Jesus )
    orientieren.
    Gegen diese stehen jene in und außerhalb der Kirche, die sagen: “Okay, Jesus sagt zwar das, aber wir sagen etwas anderes.”
    Da werden dann plötzlich glasklare Ansagen Jesu zu frei interpretierbaren Floskeln.
    Deshalb möchte ich als “evangelikal” gelten.
    Ich bin nämlich nicht für alles offen.
    Das heißt ja nicht, dass ich diejenigen, die Jesus nur als grobe Orientierung ansehen nicht trotzdem liebe.

  4. Steffen meint:

    Er definiert weiter evangelikal als evangelisch im Ursprungssinne des sola fide, sola scriptura,sola gratia, solus Christus.[6]
    “Er” ist Jürgen Werth.
    Diese Definition macht für mich Sinn .

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