Verspäteter Vorkämpfer

19. August 2011

Er warf einen langen Schatten, damals, in Heidelberg: Gerd Theissens »Schatten des Galiläers«. Aber so viele Dozenten das »Standardwerk« ihres Kollegen auch ehrfürchtig erwähnten, – ich kam einfach nicht dazu, es selbst mal zu lesen. Wie ein Schatten lag das über meinem Theologiestudium, all die Jahre …

Jetzt habe ich es nachgeholt. Und festgestellt: Ich hatte nix verpasst.

Keine Frage: Die Erzählung ist eingängig. Man fiebert mit, wenn die Hauptperson Andreas von Pilatus erpresst wird – und schließlich in die Nähe Jesu gerät. Aber spannend erzählen, – das können nicht wenige begabte Kinderkirch-Mitarbeiter(innen) …

Ein Minuspunkt muss das natürlich noch nicht sein. Berühmt geworden ist das Buch ja vor allem als theologischer Roman, genauer: als »[h]istorische Jesusforschung in erzählender Form«. Was sich rasch an den unzähligen Fußnoten zeigt. Hier erläutert und verifiziert Theissen akribisch jedes in die Erzählung eingeflossene historische Detail. Das wirkt anfangs interessant. Bei 257 Seiten nervt es irgendwann. Denn: Ist die Verzahnung von Fiktion und Historie, von »Dichtung und Wahrheit« nicht selbstverständlich?

War sie offensichtlich nicht, Mitte der 80er Jahre. Man erahnt rasch: Theissen muss sich heftigem Widerstand aus der eigenen Zunft gegenübergesehen haben. Für seine Auseinandersetzung damit wählt er gar einen literarischen Kniff: Zwischen den einzelnen Kapiteln finden sich Briefe an den kritischen »Kollegen Kratzinger«, der die gängigsten Argumente einer überideologisierten historischen Kritik vorbringt … und sich am Schluss als fiktive Gestalt entpuppt.

Kann man Theissen also wenigstens als Vorkämpfer bezeichnen? Der durch seine Vorarbeiten möglich gemacht hat, was ihm selbst noch nicht möglich war? Würde ich ja gerne. Aber dann denke ich an Hermann Koch. Der seine hervorragenden alttestamentlich-historischen Romane schon in den 60er Jahren veröffentlicht hat (und sich allenfalls durch die verschämte Auslassung »sekundärer« Bibelstellen als Kind seiner Zeit verrät). Hatte Koch einfach den persönlichen Vorteil, kein Uni-Professor zu sein?!

 

Deine Meinung?!