Verschlimmbesserung

15. Februar 2013

Ich bin immer noch hinterher mit der »ZEIT«-Lektüre. Was die Gemüter vor drei, vier Wochen bewegt hat, kommt deshalb erst jetzt in den Blog. Sei’s drum.

Özlem Topçu hat natürlich Recht: »Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen«.

Um so bemerkenswerter finde ich: In der konkreten Konsequenz stimmt Topçu ganz und gar mit Ulrich Greiner überein: Der hat die »Kinderbuch-Debatte« eine Woche zuvor eröffnet – und festgehalten: Die nachträgliche Tilgung rassistischer Begriffe aus literarischen Klassikern führt am Ziel vorbei. Gleich aus mehreren Gründen:

  • Wo soll man anfangen – und wo aufhören? Am Beispiel: Wenn sich Kinder in Otfried Preusslers »Kleine[r] Hexe« nicht als »Neger«, »Chinesenmädchen« und »Türke« verkleiden dürfen, als was dann? »Als Indianer, Zigeuner oder Eskimo können sie auch nicht gehen, das wäre diskriminierend, ein Dornröschen wäre sexistisch, ein Scheich islamfeindlich. Und Hexe geht ja schon lange nicht mehr.« Übrigens gehen auch die meisten Märchen nicht mehr, mal ganz objektiv beurteilt … Und die Bibel schon gar nicht.
  • Es gibt einen Unterschied zwischen Buchstabe und Geist. Und letzterer ist oft komplexer als die gut gemeinten Absichten. Etwa, wenn Pippi Langstrumpf zwischen den Zeilen Bertrand Russels Paradoxon aufgreift – und behauptet, dass alle Menschen im Kongo lügen. (Was im Kontext der Szene übrigens positiv konnotiert ist!)
  • »Jeder [Hervorhebung von mir] Sprachgebrauch ist kontaminiert von den Zeitumständen.« Und die Geschichte lässt sich nicht nachträglich korrigieren.
  • »Es ist nicht Orwells Großer Bruder, der interveniert, sondern der Kleine Bruder politische Korrektheit. Dessen rastlose Tätigkeit sollte man aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener zahllosen, oftmals staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem Auftrag, sei es Feminismus, Antisemitismus oder Antirassismus, agieren und die mit ideologisch geschärftem Nachtsichtgerät dunkle Abweichungen vom Pfad der Gerechten unverzüglich aufdecken. Wer sucht, der findet. Aber leider recht selten jene hasserfüllten Schläger, deren Untat für alle sichtbar ist. Wenn die überhaupt je gelesen haben, sind sie auf ihre mörderischen Ideen sicherlich nicht durch die fehlgeleitete Lektüre der Kleinen Hexe oder Pippi Langstrumpfs gekommen.« Noch schärfer: »Glaubt im Ernst jemand, man erziehe Astrid-Lindgren-Leser zu Rassisten, wenn man den Text nicht reinige? Sollte man die pädagogische Energie nicht besser auf das Heer jener Illiteraten richten, die von Pippi Langstrumpf noch nie etwas gehört haben und trotzdem genau wissen, wer der Neger ist?«
  • … um so wichtiger ist es aber, Kinder nicht allein zu lassen mit ihrer Literatur. Beim gemeinsamen Vorlesen sind kritische Begriffe natürlich zu problematisieren. Und das kriegen Menschen – die ja in ihrer ethischen Entwicklung neben ihrer Lektüre auch das Alltagsverhalten ihrer Eltern, Freunde usw. wahrnehmen – bereits in jungen Jahren erstaunlich differenziert hin.
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