Verlorene Selbst-Distanz

1. November 2014

Christina Schildmann und Anna-Katharina Messmer haben – vor einigen Wochen schon – über den »Zorn abgehängter Männer« geschrieben. Und dabei vieles richtig analysiert, glaube ich.

Noch ein klein wenig besser gefällt mir aber – mal wieder – die Replik Harald Martensteins (der sich seitdem auffallend oft als »alter weißer Mann« geriert in seinen wöchentlichen »ZEIT«-Kolumnen …). Er fordert die Autorinnen auf:

Kommen Sie, lachen Sie doch auch mal.

… und legt den Finger damit genau in die Wunde. Zu einer profilierten Position gehört die Fähigkeit, lachen zu können. Auch über sich selbst. Überzeugend ist, wer sich auch mal gelassen-schmunzelnd aus der Vogelperspektive anschauen kann. Und diese Fähigkeit vermisse ich tatsächlich bei manch – O-Ton Martenstein – »brachiale[r] Spielart des Feminismus«. Aber natürlich auch bei zornigen abgehängten Männern (da beißt sich die Katze rasch wieder in den Schwanz). Und oft genug bei Menschen, denen Glaube persönlich viel bedeutet (also auch mir!). Die (wir) womöglich nur Fernsehen schauen, um die »Verletzung religiöser Gefühle« beklagen zu können, wie Serdar Somuncu gestern Abend treffend herausgearbeitet hat

 

4 Kommentare zu “Verlorene Selbst-Distanz”

  1. Frau Auge meint:

    Finds ein bisschen schwierig, als priviligierter Mensch Selbstdistanz von welchen zu erwarten, die quasi permanent bedroht und beleidigt werden. Ich gehe davon aus, dass Herr Martenstein so was hier noch nie erlebt hat:
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Anita-Sarkeesian-sagt-Auftritt-nach-Androhung-eines-Massakers-ab-2424299.html

  2. Daniel meint:

    Puh. Danke für den Hinweis – so was kannte ich noch nicht. Dass man über solche unsäglichen Formen von »Kritik« nicht lachen kann und soll, ist klar. Aber ist das nicht nochmal eine andere Baustelle? Und fehlt die Fähigkeit zur Selbstdistanz nicht auch oft ohne jedes Feedback?

  3. Frau Auge meint:

    Hm. Auch auf die Gefahr hin, jetzt zu verallgemeinern, schreib ichs doch: Frauen sind imho geübter in Selbstdistanz als Männer (jedenfalls als die in Martensteins Alter und Position).
    Weil männlche Figuren nach wie vor die Identifikationsfiguren in Fiktion (Google mal Bechdel-Test) und politischem Diskurs (zähle einfach mal den Anteil von weiblichen Gästen in Polittalkshows) sind, mahnen Frauen weniger Schwieigkeiten, sich mit Männern zu identifizieren als andersrum. Deshalb ist Martenstein hier für mich nur schwer erträglich. Er sieht etwa eine Übermacht an Frauen in der öffentlichen Meinungsbildung am Werke, dabei:
    https://mobile.twitter.com/quote_pro/status/524497281366884352
    Mir scheint recht klar, dass Herr Martensteins da wenig Selbstdistanz hat…

  4. Frau Auge meint:

    Haben, nicht mahnen. Diese Sch…Autokorrektur …

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