Verkämpft

16. Januar 2014

70 Jahre nach dem Tod eines Autors erlöschen die Urheberrechte an seinen Büchern. Mag das Buch noch so scheußlich, der Autor noch so widerwärtig sein. Was also tun mit Adolf Nazis Machwerk »Mein Kampf«? Das ab 2016 im Prinzip jeder Hobby-Verleger in Eigenregie herausbringen könnte, allen Verboten verfassungsfeindlicher Propaganda zum Trotz?

Die Pläne im Freistaat Bayern, das Buch dann schlicht selbst herauszubringen, in einer umfangreich kommentierten wissenschaftlichen Ausgabe und darüber hinaus in Schulbuch-Form, fand ich ebenso überraschend wie gut: Dem Bösen die Aura des Mystischen nehmen, die ach so genialen Ideen eines Verbrechers in ihre ärmlichen Einzelstücke zerlegen, unmenschliche Visionen mit ihrer fatalen Wirkungsgeschichte konterkarieren – das hätte doch funktionieren können. Jetzt aber hat die Landesregierung das Projekt überraschend gestoppt, dem Institut für Zeitgeschichte seinen Auftrag entzogen. Und man scheint so ratlos wie zuvor.

 

2 Kommentare zu “Verkämpft”

  1. Sibylle Luise meint:

    Ich hab’ dieses unsagbare Werk schon mal in die Finger bekommen – im Ausland kriegt man es ja nachgeschmissen. Und da sitzt man dann da und blättert und liest hier und liest da und kann es nicht fassen.
    Zu der Zeit hat mein Vater noch gelebt, der ja 1918 geboren war, die Zeit also sehr bewusst erlebt hat. Er meinte, dass dummerweise die wenigsten Leute damals dieses Buch gelesen hätten. Und ich vermute, dass es nicht anders sein wird, wenn es jetzt wieder erscheint. Es ist schlichtweg unlesbar! Ein furchtbar schlecht geschriebener Zusammenhau von kruden Thesen!
    Aber ich habe auch mal die Grundlagen dazu angelesen – Chamberlain und Wagner. Da greift man sich nur noch an den Kopf und fragt, ob damals eigentlich die ganze Welt verrückt war. Chamberlain zum Beispiel ist für jeden Menschen, der jemals ein seriös erarbeitetes wissenschaftliches Buch in der Hand gehabt hat, einfach unfassbar. Der schmeißt wie wild mit Zitaten um sich, die dann irgendwie – der Logik zu folgen war mir zumindest unmöglich – zu einer Argumentation führen, die von hinten durch die Brust ins Auge führt. Damit würde er heute nicht mal an der Fachhochschule Kleinkleckershausen im Grundkurs Politische Wissenschaften durchkommen. Aber damals hielt man den Mann für einen “Wissenschaftler” und “Philosophen”! Dagegen liest sich dann selbst Wagners übelstes Machwerk (“Das Judentum in der Musik”) noch relativ “leicht” und zeigt, dass er zwar falsch gedacht hat, aber meist einigermaßen gerade aus.

  2. Steffen meint:

    Ich denke auch, dass wir da aufgrund unserer Geschichte etwas zu verkrampft sind und damit tatsächlich einer gewissen Mystifizierung Vorschub leisten.
    Ich hoffe, dass bereits mit der neu erschienenen Biographie von Volker Ullrich über Adolf Hitler einiges klar gestellt wird und dieser Mythos noch etwas mehr bröckelt.
    Schade, dass das Projekt der Bayern vorerst wohl nicht umgesetzt wird.
    Ich denke: Deutschland ist inzwischen als Demokratie gut gefestigt und verkraftet es, seine Geschichte uneingeschränkt aufzuarbeiten.
    Die paar braunen Dummköpfe, die meinen in diesem Machwerk etwas Großes entdecken zu müssen, die können wir verkraften.
    So wie solche armen Menschen sicher die verbotene Reichskriegsflagge besitzen, so werden sie ohnehin schon ein Exemplar dieses Machwerks unter dem Kopfkissen haben um ihre … Phantasien damit zu befriedigen.

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