Unvernünftige Liebe

17. April 2011

Nach dem Einzug in Jerusalem – und nach dem Jubelgesang der Festgemeinde – kam es in Betanien, ein klein wenig außerhalb, zu folgender Begebenheit (Markus 14, die Verse 3 bis 9):

Und als [...] [Jesus] in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Liebe Gemeinde,

hören wir doch mal, was der Gastgeber am nächsten Morgen zu erzählen hat. Hören wir Simon den Aussätzigen:

»Jesus – in meinem Haus zu Gast! Jesus sitzt mit mir am Tisch! Mit diesem Paukenschlag ging es los, gestern Abend, – und das will mir nicht aus dem Kopf. Schon gar nicht aus dem Herz.

"Simon den Aussätzigen" nennt man mich im Dorf. Schlimmer geht’s nimmer. Wo immer man von mir redet, geht es um meine Krankheit. Wer ich sonst noch bin, interessiert keinen.

Aussatz. Wenn das wenigstens eine normale Krankheit wäre. Aber es ist viel mehr. Als Aussätziger bin ich tabu in Israel. Anstecken kann man sich bei mir. Vielleicht sogar den Zorn Gottes auf sich ziehen. Denn wer weiß, ob ich meine Krankheit nicht verdiene… Deshalb: Wer halbwegs klar im Kopf ist, kommt gar nicht erst zu mir. Mich berühren – das wäre dumm. Und in meinem Haus zu Gast sein, mit mir am Tisch sitzen – das ist der Gipfel der Unvernunft.

Aber Jesus, der schert sich nicht um diese Grenzen. So logisch sie auch klingen mögen. Wer weiß, ob er sie überhaupt kennt, diese menschlichen Grenzen. Er ist zu mir gekommen. Hat mich berührt. Ist Gast geworden in meinem Haus, hat sich mit mir an den Tisch gesetzt. Und bei mir ist etwas heil geworden.

Irgendwie passt das zu Jesus. Man erzählt sich doch, er wurde in einem stinkenden Stall geboren – obwohl er seine Heimat im Himmel hatte. Und als er vor ein paar Tagen in Jerusalem wie ein König begrüßt und bejubelt wurde, – da ist er auf einem lächerlich kleinen Eselchen eingeritten. Ja, das ist tatsächlich der Gipfel der Unvernunft. Das ist die unvernünftige Liebe Gottes, die Grenzen überschreitet. Die sich selbst hergibt und verschenkt.

…auch zu mir ist sie gekommen, diese unvernünftige Liebe Gottes. Ich spüre sie noch genau. Es war ein heiliger Moment, als Jesus bei mir im Haus war. Nähe habe ich gespürt, und Vertrauen. Berührung, und Zärtlichkeit. Wärme. Und feierliche wohltuende Stille. Worte waren nicht mehr nötig.

…und dann…ging die Tür auf. Und diese Frau kam herein. Ich hatte sie noch nie gesehen. Ihren Namen weiß ich bis heute nicht. Aber wichtiger ist, was sie tat. Auf Jesus zugekommen ist sie. Sogar berührt hat sie ihn, glaube ich. Und dann, am Tisch, zog sie ein Fläschchen aus der Tasche. Seinen Inhalt konnte ich auf die Schnelle nicht erkennen. Aber riechen konnte ich ihn. Ob es Absicht war, dass sie Jesus gleich alles über den Kopf gegossen hat? Oder ein Versehen, geschehen in der Aufregung? Egal! Erlesenes Nardenöl zog durch den Raum und durch mein ganzes Haus. Dieser Duft weht sonst nur durch Königspaläste.

Einen kurzen Moment war ich verwirrt. Eine Frau – hier am Tisch der Männer! Und dann dieses teure Salböl! So viel verdiene ich in einem Jahr nicht!

…aber dann habe ich gespürt: Genau das ist jetzt richtig. Das passt zu diesem Moment – und zu diesem Jesus. Diese Frau hat im Innersten ihrer Seele verstanden, wen sie da vor sich hat. Persönlicher, intimer konnte sie das gar nicht zeigen. Auch sie hat eine alte Grenze überschritten. Sie hat sich mitnehmen lassen von der unvernünftigen Liebe Gottes. Von der Liebe, die sich selbst hergibt und verschenkt.

Ist Liebe nicht immer unvernünftig? Wenn ich an meine Frau denke! Dass wir uns aufeinander eingelassen haben, mit Haut und Haaren, lebenslang, – war das nicht unvernünftig? Wenn ich an die langen Liebesbriefe denke, die wir uns manchmal schreiben… Natürlich könnte man die Zeit auch anders nutzen. Für andere Menschen zum Beispiel. Aber Liebe rechnet eben nicht! Oder…ich kenne Nachbarn, die ihre kranken Verwandten pflegen, Tag für Tag, mit ungewisser Zukunft. Auch das rechnet sich nicht. Und doch ist es genau richtig. Liebe ist unvernünftig. Sie lebt leidenschaftlich für den Augenblick.

…und genau das habe ich gespürt gestern. Erst bei Jesus. Und dann gleich noch einmal, bei der Frau. Es war ein zweiter heiliger Moment, als diese Frau Jesus ihre Liebe gezeigt hat. Wieder habe ich Nähe gespürt, und Vertrauen. Berührung und Zärtlichkeit. Wärme. Und feierliche wohltuende Stille. Worte waren nicht nötig. Man hätte die Stimmung auch gar nicht in Worte fassen können.

Doch dann wurde es kalt im Raum. Schlagartig. Worte durchbrachen die Stille – und vertrieben den köstlichen Duft. Heftig getuschelte Worte. Man redete nur heimlich, hinter vorgehaltener Hand, untereinander. Ein paar Wortfetzen schossen mir ins Ohr: "Grenzüberschreitung!" – "Was erlaubt sie sich?" – "Dummer Weiber-Kram!" – "…noch klar im Kopf?" – "Unvernünftig!"

Sie hatten nichts verstanden. Ausgerechnet die Leute an Jesu Seite, die Jünger, hatten nichts verstanden. Und – wie peinlich auch für mich – das waren ausschließlich Männer. Die nichts gespürt hatten von der unvernünftigen Liebe Gottes. Sich nicht berühren ließen von diesem heiligen Moment.

Klar – es klang logisch, was sie verhandelten. Vernünftig. Messerscharf. Männlich halt. Diese Frau hatte verstoßen gegen alle Sitten und Tischmanieren. Aber Jesus doch eben auch schon längst. Sonst hätte er gar nicht mit mir am Tisch gesessen in diesem Moment. Sonst wäre er gar nicht erst zur Welt gekommen…

Klar – sie hatten bestechende Argumente. Fachmännisch rechnete einer vor: "Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben." Almosen geben – jetzt, in der Zeit vor dem großen Passafest, ist das sogar ein göttliches Gebot. Aber da war eben keine Liebe zu spüren. Nur kalte Berechnung. Nicht nach echter Berührung klang das. Eher wie eine aufgesetzte moralische Floskel. Starr und leer.

Den Armen Geld "geben", hinwerfen – damit kann man auch rasch das eigene Gewissen beruhigen. Und ob es den Jüngern tatsächlich um das Wohl der Armen ging? "Man hätte [...]"! Ob sie es wirklich getan hätten? Jesus hat ihnen das nicht so richtig abgenommen, glaube ich. "[W]enn ihr wollt, könnt ihr [...] [den Armen] allezeit Gutes tun", hat er entgegnet, "…; mich aber habt ihr nicht allezeit." Wie eine Einladung klang das zugleich: "Schaut, was jetzt in diesem Moment passiert. Schaut auf mich, und schaut auf diese Frau. Lasst euch doch zuerst mal berühren von der unvernünftigen Liebe. Präzise rechnen und kalkulieren könnt ihr danach wieder!"

Vernünftig das Gespräch gesucht hat man übrigens nicht. Die Frau hat man gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Prollig angepoltert hat man sie. Gut, dass Jesus sie gleich in seinen Schutz genommen hat: "Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. [...] Sie hat getan, was sie konnte". "… ein gutes Werk an mir getan." Vor allem die Frau sah da sichtlich überrascht aus. Denn sie hatte ja gar nicht kalkuliert und gerechnet. Nicht gefragt, was es bringt. Sie hatte gespürt – und in Liebe gehandelt.

Und noch etwas hat überrascht: Jesus hat sich auf die Seite der Armen gestellt: "So, wie man sonst an den Armen gute Werke tut, so hat diese Frau "ein gutes Werk an mir getan.""

Dann wurde es noch ein Stück kälter im Raum. Als Jesus nämlich erklärt hat, was er meinte: "[Die Frau] hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis."

Jesus soll sterben. Weil er Grenzen überschritten hat. Weil seine Liebe zu unvernünftig ist für diese Welt. „Hosianna!“ haben sie neulich noch geschrien. „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ Was sie wohl bald rufen werden? Sein Tod ist schon beschlossene Sache, das ist bekannt. Zur selben Zeit, in einem anderen Haus, hat man wohl darüber verhandelt. Auch dort: Messerscharfe Logik. Bestechende Argumente. Kalte Berechnung. Einer von den Jüngern Jesu soll gleich nach dem Essen bei mir noch dorthin gegangen sein. Er hat Jesus verraten, sein Leben verkauft. Deutlich weniger als dreihundert Silbergroschen soll er verlangt haben. Und, nebenbei: Dass er das Geld gnädig an die Armen weiterleiten will, – davon ist noch nichts bekannt.

Aber: Die Tat der Frau war nicht umsonst. Sie ist nicht verflogen, wie der Duft ihres Nardenöls. „[G]esalbt“ hat sie Jesus, ihm die letzte Ehre erwiesen. Einen Todgeweihten mit Nardenöl übergießen – da ist sie wieder, die unvernünftige Liebe. Aber ich habe das Gefühl: Diese unvernünftige Liebe ist auch mit dem Tod nicht vorbei. Diese Liebe sprengt Grenzen. Und vielleicht auch die schweren Steine vor den Felsengräbern hier in Israel. Und anderswo.

Dass es weitergehen wird – das spüre ich auch, wenn ich an den letzten Satz Jesu denke: "Wahrlich ich sage euch:" – und da hat er uns allen in die Augen geschaut – "Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat."

…in anderen Worten also: Sogar in 2.000 Jahren noch und sogar noch nördlich der Alpen, ja im fernen Obergermanien wird man über diese Frau predigen. Ich hoffe und bete, dass man sie nicht vergisst. Die Frau nicht – und auch nicht Gottes unvernünftige Liebe.“

Amen.

Predigt, gehalten am 17. April 2011 in der Stephanuskirche Stuttgart-Giebel.

 

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