Unanschauliche Strafe

11. Dezember 2012

»Wie genau hat Gott Sodom eigentlich zerstört?« Fragten letzte Woche »meine« Erstklässler(innen) (die mit dem Dass der Vernichtung erwartungsgemäß wenig Schwierigkeiten hatten – schließlich »waren da ja ganz viele böse Menschen«).

Genesis 19,24 beantwortet die Frage ebenso deutlich wie knapp: »Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra«. Punkt. Aus. Natürlich wirkt das einigermaßen anschaulich (erst recht in gemalter Form, im Religionsheft …). Und doch könnte man sich die Schilderung ja noch wesentlich drastisch-ausführlicher vorstellen, zumal in einem durch und durch narrativ gehaltenen Kontext. Die einzige Person allerdings, die mehr wusste, konnte nicht mehr berichten: Lots Frau dreht sich um auf der Flucht (um genau zu sehen, was passiert?!) … und erstarrt zur Salzsäule (vgl. Genesis 19,26).

… der Sinn dieser schaurigen Begebenheit? Vielleicht: Wo Gott straft, ist das genug. Die Strafe – und das heißt ja immer: die Strafe der anderen – in ihrer genauen Gestalt länglich zu schildern, plastisch zu inszenieren, … das geht am Sinn der Sache gerade vorbei. Dieses Motiv findet sich auch anderswo in der Bibel. Zum Beispiel in den Feindpsalmen (oft missverständlich »Rachepsalmen« genannt). Wenn dort Gottes Strafe für die Feinde geschildert wird, dann stets nur, um deren funktionales Ziel zu präzisieren: Gott soll »das Gebiss der jungen Löwen« »zerschlage[n]« (vgl. Psalm 58,7), um diesen ihre gefährlichste Waffe zu nehmen. Und die grausame, gegen Babylon gerichtete Seligpreisung »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!« (Psalm 137,9) zielt vor allem auf die nachhaltige Dezimierung eines gegnerischen Volks.

Ob es vor allem das ist, was mich an manch »frommen« Höllen-Plädoyers stört? Dass da oft eben nicht nur nüchtern-knapp auf die (stets ausschließlich jenseitig verortete) Hölle hingewiesen wird – als unmögliche Möglichkeit, die sich in der Tat weder exegetisch noch systematisch-theologisch ganz wegerklären lässt –, … sondern ebenso viel Zeit investiert wird, um die Höllenqualen der Betroffenen zu schildern, betont nebenbei, aber eben auch relativ interessiert? Wobei die Wortführer selbst natürlich nicht betroffen sind …

 

5 Kommentare zu “Unanschauliche Strafe”

  1. Steffen meint:

    “Wobei die Wortführer selbst natürlich nicht betroffen sind …”

    Übertragung und Gegenübertragung?
    Das was Mensch für sich selbst wünscht und oder möchte, sich aber oft aus Rücksicht auf sein soziales Umfeld oder einfach aus Angst, nicht zu denken oder gar zu sagen, geschweige denn zu tun wagt, das beginnt er oft zu hassen, erklärt das Begehrte zur Sünde.
    Die Höllenqualen die von den selbst ernannten “streng Religiösen” gern beschrieben werden, sind so oft die, die sie sie sich selbst innerlich auferlegen, um der so ersehnten vermeintlichen “Sünde” nicht doch noch zu erliegen…
    Wie weit geht das?
    Bis Christus!
    Daher nämlich vielleicht auch der unbedingte Wunsch der religiösen Klasse, der Auserwählten, diesen Christus endlich zu kreuzigen?
    Man müsste ja sonst “nur” ein Mensch unter Menschen sein und könnte seinen priviligierten Stand nicht länger erhalten.
    Einerseits also die Sehnsucht nach echter Menschlichkeit und andererseits diese verdammten religiösen und gesellschaftlichen Bindungen.
    Diese aufzugeben hieße außerhalb der Gesellschaft oder der Kirche etc. zu stehen. Also ist die Entscheidung einfach: kreuzigt Ihn!
    Eine Religion tötet? Christus ruft zum Leben und muss dann natürlich sterben.
    Die Bibel ist also doch auch tiefenpsychologisch und gesellschaftspolitisch extrem interessant.
    Jeder Glaube (unabhängig vom Namen der Religion) ohne eine innere Beziehung zu Christus, dient so nicht Gott, sondern der Vertuschung eigener “Schwächen und Ängste”. Erst Christus kann diese dann in Stärken verwandeln und unsere Feindbilder auflösen…
    Don`t you think?

  2. Daniel meint:

    Kannst du’s nochmal in anderen Worten formulieren? Ich hänge noch ein wenig …

  3. steffen meint:

    Ich sage lediglich, dass in jeder Religion die Gefahr besteht, sie als Garanten dafür anzusehen, selbst von Gott NICHT bestraft zu werden.

    (“Wobei die Wortführer selbst natürlich nicht betroffen sind …”)

    Religiöse Arroganz sozusagen aus der vermeintliche Gewissheit heraus, selbst zu wissen was richtig und was falsch ist.
    Das aber ist der erste Schritt zur Sünde und “tötet” den Nächsten.
    So könnte man glauben, Gott straft jene die anders sind oder anders leben.
    Genau das aber ist es nicht was Gott will. Was Er will ist vollkommene Liebe zu allen, auch und vor allem zu denen die anders sind…oder leben oder…
    Darum geht Christus z.B. gerade zu denen die nicht ins religiöse Bild passen.
    Ich glaube, nur die Beziehung zu Christus kann dazu beitragen, alle Religion und die damit verbundene Gefahr religiöser Arroganz, endlich zu überwinden und so wirklich Mensch zu sein. Der Gott, den die alten Israeliten beschreiben, der straft noch nach Gehorsam oder Ungehorsam.
    In Christus hebt Gott das auf. Hier kommt wirklich etwas ganz Neues in unser Leben. Etwas, was überwinden kann und somit etwas, was uns endgültig vor Gottes Strafe schützt, rettet….In unseren bisherigen Bindungen aber werden wir dafür jetzt von den Menschen “bestraft”, denn die können dann oft nicht verstehen, dass man den der einem Böses tat, den, der in den Augen der Welt sündigt, trotzdem ehrlich liebt. ..

    Von Natur aus kann das der Mensch nicht.

    Ich glaube, viele Geschichten der Bibel sind vor allem auf menschliche Interpretationen zurück zu führen, was sie deswegen nicht weniger zum Wort Gottes macht, denn Gott spricht hier durch diese Menschen und ihre Erfahrungen mit dem GLauben. Ich habe eher ein Problem damit, alles als “wirklich und nachweislich so geschehen” hinzunehmen. Mir geht es um den Glauben, nicht um eventuell real geschehene Vorkommnisse.

  4. Daniel meint:

    Danke! Jetzt raff’ ich’s.

    Ich denke in letzter Zeit oft an der Frage herum: Was wäre, wenn alle Menschen Christen wären? Würde uns das genauso freuen wie Gott? Oder würde uns das in tiefe Sinnkrisen stürzen, weil wir doch vor allem von der Abgrenzung leben??

  5. steffen meint:

    Gut und mutig gedacht für jemanden, der u.a. vom christlichen Glauben der Menschen lebt.
    Und eben hier denken wir vielleicht zu sehr in “unseren” Kategorien.
    Wir sehen Juden, Muslime, Christen etc…(um bei mal nur den monotheistischen Glaubensmodellen zu bleiben).
    Gott aber sieht das HERZ eines Menschen.
    Wollen wir also weiter von der Abgrenzung leben, werden wir als “Christen” nicht überleben.
    Zu sagen: “Ich bin Christ!”, ist also immer auch ein Ausdruck von religiöser Eitelkeit und Arroganz und somit eigentlich “Sünde”.
    Besser wäre doch zu sagen: “Ich bin auf dem Weg mit Christus.”
    Christ bin ich sicher erst, wenn ich zu 100% aus der Liebe zu Gott und zu ALLEN Menschen heraus lebe.
    Ich kenne niemanden der das kann.
    Da Christus (und nur er) aber ALLE Menschen so liebt, also auch mich zu 100% bedingungslos liebt, bin ich doch durch ihn schon gerettet, denn diese Liebe trägt auch dann, wenn ich mal wieder vom Weg abkomme etc…
    Der einzige Unterschied ist jetzt noch, nicht ALLE erkennen diese Liebe Gottes in Christus.
    Sähen das Menschen mehr so, dann würde ich mir schon wünschen, wir würden ALLE Christus kennen und aus seiner Liebe heraus versuchen zu leben…Darum -und nur darum- “arbeite” ich (und sicher auch du) dafür, das Evangelium mit zu verbreiten. Das hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit der unendlichen Sehnsucht nach Gottes Reich und dem Wunsch nach Überwindung unserer kleinen Denkweisen und unserer eigenen Normen.
    Nicht für Abgrenzung, sondern dagegen leben und arbeiten wir.
    Wer nicht gegen uns ist, ist für uns…
    Jesus sagt uns ja wer seine Familie ist (Matth. 12,50) und also auch, dass das nicht von einer Religion oder von irgendwelchen Normen und von tradierten Denkweisen abhängig ist, sondern allein davon, Gott und ALLE Menschen aufrichtig zu lieben. Frei von Sinnkrisen, weil es nicht um den Sinn meines Lebens geht, sondern darum was Gott will: unsere uneingeschränkte Liebe.
    Dann brauchen wir übrigens auch keine Feindpsalmen mehr…So sehe ich die alttestamentarischen Berichte (Sodom etc…)als die des Menschen vor Christus alles was nach Weihnachten kommt, macht den neuen Menschen aus, der keine Feinde mehr kennt….

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