Truthahn-Training

22. Juni 2013

Demnächst vertiefe ich auf einer Fortbildung den seelsorglichen Ansatz des »zielorientierten Kurzgesprächs« nach Timm H. Lohse. Der das leidige »Konfliktkarrussell« gar nicht erst ins Kreisen kommen lassen möchte – und die Überzeugung vertritt: Man muss Probleme gar nicht immer an ihrer Wurzel packen. Oft reicht es, ganz pragmatisch die Perspektive zu ändern, sozusagen den Scheinwerfer neu auszurichten. Diese Idee findet sich auch in der »lösungsorientierten Kurztherapie« Steve de Shazers, dem es – davon berichtet Manfred Lütz – sogar mal gelungen ist, einer Klientin mit einem Problem weiterzuhelfen, das er selbst gar nicht kannte … Und offenbar ist die Idee noch viel, viel älter, wie das folgende jüdische Märchen des chassidischen Nachman belegt (gefunden bei Pinchas Sadeh: Jüdische Märchen und Legenden, Köln 2010, Anaconda siehe hier):

Es war einmal ein Königssohn, der plötzlich verrückt wurde und glaubte, er sei ein Truthahn. Er setzte sich nackt unter den Tisch und pickte Brotkrumen und Knochenstückchen vom Fußboden, wie es Truthähne tun. Kein Arzt konnte ihm helfen und ihn heilen, und der König war sehr bekümmert, bis eines Tages ein Weiser erschien und zu ihm sagte: »Ich werde ihn heilen.«
Er entkleidet sich ebenfalls, setze sich nackt zu dem Königssohn unter den Tisch und begann, Brotkrumen und Knochenstückchen aufzupicken. Da fragte ihn der Königssohn: »Wer bist du, und was tust du hier?« Und der Weise erwiderte: »Und was tust du hier?« Darauf sagte der Königssohn: »Ich bin ein Truthahn.« Und der Weise sagte: »Auch ich bin ein Truthahn.« Und so hockten sie zusammen unter dem Tisch, bis sie sich aneinander gewöhnt hatten.
Dann gab der Weise den Dienern einen Wink, und sie legten ihnen zwei Hemden unter den Tisch, und der Weise sagte zu dem Königssohn: »Glaubst du, dass ein Truthahn kein Hemd tragen kann? Man kann sehr wohl ein Hemd tragen und trotzdem ein Truthahn bleiben.« Und beide zogen sich Hemden über. Nach einiger Zeit verlangte der Weise, man möge ihnen Hosen bringen, und sagte zu dem Königssohn: »Meinst du nicht, dass man auch in Hosen ein Truthahn sein kann?« Und beide zogen sich Hosen an, und so ging es weiter mit den übrigen Kleidungsstücken.
Danach ließ der Weise menschliche Speisen kommen und sagte zu dem Königssohn: »Glaubst du, man hört auf, ein Truthahn zu sein, wenn man gutes Essen zu sich nimmt? Man kann gut essen und trotzdem ein Truthahn bleiben.« Sie aßen gemeinsam, und dann sagte er: »Man kann sich auch als Truthahn an den Tisch setzen.«
Und so ging es weiter, bis er den Königssohn von seiner Krankheit geheilt hatte.
Und wer klug ist, wird die Geschichte verstehen.

Da will man gar nicht wissen, wie ein klassisch-tiefenpsychologisch geschulter Psychotherapeut den (ja auch noch ausgerechnet nackten!) Königssohn auseinandergenommen hätte …

 

Ein Kommentar zu “Truthahn-Training”

  1. Steffen meint:

    Ja, auch ich denke, dass wir in der s.g. aufgeklärten Zeit dazu neigen, alles erklären zu wollen und zu ergründen und oft dadurch gar nicht mehr erkennen können, dass es darum nicht geht beim Heilen, sondern darum, den Menschen anzunehmen.
    Jüdische Weisheit ist da in der Tat, nicht zufällig, sehr lehrreich…

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