Treffend

25. Juni 2009

Neulich habe ich ja schon gemutmaßt, dass das Büchlein mir gefallen würde: Jan Fleischhauers Schriftsteller-Premiere »Unter Linken« konnte ich sogar im ruckeligen Reisebus in einem Rutsch durchlesen – und mit einem ununterbrochenen Schmunzeln auf den Lippen.

Die Lektüre ist zunächst rein aus rhetorischer Perspektive ein Genuss. Der Verfasser, langjähriger Autor beim »SPIEGEL«, präsentiert ein wahres Feuerwerk aus gewandten Formulierungen, pfiffigen Assoziationen und gezielt-lapidar platzierter Umgangssprache.

Doch auch inhaltlich hat »Unter Linken« viel zu bieten. Nicht mit allen Positionierungen bin ich einverstanden: Auch ich verbinde mit der Gestalt des »Kleinbürgers« instinktiv ganz sicher nicht Faschismus, aber doch immerhin ein trist-geordnetes Leben mit Reihenhaus und Gartenzwerg. Und auch ich halte die Mauer quer durch Jerusalem nicht unbedingt für den günstigsten Weg, Frieden zu schaffen – in diesen Dingen bin ich dann wohl ein »Linker«. Doch unter dem Strich lässt sich schon gut nachvollziehen, warum Fleischhauer, groß geworden unter Linken (»Wo ich aufgewachsen bin, waren alle links«) und somit Teil des dominierenden »Juste Milieu derer [...], die über unsere Kultur bestimmen«, zu guter Letzt »aus Versehen konservativ wurde«.

Kostprobe(n) gefällig?

Werfen wir zunächst einen Blick auf das ideologische inhaltliche Fundament jeder linken Überzeugung – auf die »Erfindung des Opfers«.

In aller Regel ist das Opfer in der Minderheit, gehört es zu den Wenigen, nicht zu den Vielen, das ist entscheidend. Schon das Wort Minderheit fordert Betroffenheit. Es ist ein Signalbegriff, der Schutzinstinkte auslöst und an ein latentes Unbehagen der Mehrheitsgesellschaft appelliert, an eine Selbstunsicherheit des Souveräns [...] Mehrheiten sind so betrachtet immer auch verdächtig, weil sie in Gefahr stehen, repressiv zu wirken. Jede Mehrheitsentscheidung ist eine Entscheidung gegen die Stimmen der zahlenmäßig Unterlegenen und damit tendenziell rechtfertigungsbedürftig. Minderheiten gelten im Umkehrschluss als potenziell gefährdet und damit moralisch privilegiert. Was ihnen an numerischer Größe fehlt, machen manche von ihnen durch Selbstvertrauen und Umtriebigkeit wett. Für den, der daraus Vorteile gewinnen will, kommt es jetzt darauf an, auch zur richtigen Kleingruppe zu gehören.
Nicht jede Minderheiten-Zugehörigkeit qualifiziert automatisch für den Opferstatus. Erben, Jäger und die deutsche Hausfrau zum Beispiel schaffen es nie auf die Liste bedrohter Arten. Sie stehen zwar zuverlässig am Pranger, als Subjekte, deren reine Existenz schon irgendwie gesellschaftsschädlich oder jedenfalls fragwürdig ist; sie hätten also reichlich Grund, sich diskriminiert zu fühlen, doch ihre Opferlobby hat versagt: kein Minderheitenbonus [...]
Die eigentliche Herausforderung am Opferstatus ist, ihn sich zu erhalten, wenn man ihn einmal gewonnen hat. Seiner Natur nach ist er temporär, und alle Bemühungen, die er auslöst, sind auf seine Überwindung gerichtet [...] Die Kunst besteht darin, sich zu befreien und trotzdem Opfer zu bleiben, als Benachteiligte oder Benachteiligter mithin die Benachteiligung zu beenden, ohne den Kreis der Benachteiligten zu verlassen. Zugegeben, das hört sich nach einem Unterfangen an, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, aber es ist erreichbar, wie der Blick auf die größte Opferformation unserer Zeit, die Frauenbewegung, zeigt. Man muss nur den richtigen Dreh raushaben.

Die Bildung gilt seit jeher als Spezialgebiet der Linken. Ob sie ausgerechnet darin auf der ganzen Linie versagt haben, wie Jan Fleischhauers feststellt, wage ich nicht zu beurteilen. Das folgendermaßen beschriebene Szenario wäre aber schon ärmlich genug…

Welche hektischen Ausweichmanöver politisch übergreifend unternommen werden, wenn dem eigenen Kind der unmittelbare Kontakt mit nichtautochthonen Bevölkerungsteilen droht, lässt sich in deutschen Großstädten jeweils zu Beginn eines Schuljahres beobachten. Da der Einzugsbereich der Schule über die einzelnen hochsegregierten Wohnviertel hinausreicht, ist sie der einzige Ort, an dem sich noch jene sozial differenzierten Lebenswelten herausbilden können, von denen in linken Stadtteilinitiativen gern schwärmerisch gesprochen wird. Hier sitzt die kleine Sarah plötzlich neben der braven Aische, der blonde Max neben dem kecken Burat – jedenfalls in der Theorie. In der Praxis haben die Eltern von Max und Sarah meist längst dafür gesorgt, dass die Banknachbarn mit hoher Wahrscheinlichkeit Leon und Luisa heißen, da gibt es auch beim aufgeklärten Grünen-Wähler kein Vertun.

Schön auch der spezielle Blick auf das Jahr 1989. Man könnte meinen, da hätten die Deutschen etwas zu feiern gehabt…

Der Mauerfall erwischte die deutsche Linksintelligenz völlig unvorbereitet. Er offenbarte nicht nur einen kolossalen Mangel an historischer Vorstellungskraft, er beraubte sie auch eines Sehnsuchtsorts von eigentümlicher Tristesse, dessen ganze Schäbigkeit nach Öffnung der Tore zu Tage trat. Die westdeutsche Linke hat vielfach eine seltsame Affinität zur DDR gezeigt. Nicht als alternativer Lebensort oder möglicher Altersruhesitz, schließlich hatte man ja schon sein Landhaus in der Provence oder die Mühle in der Toskana. Nicht mal für einen Urlaub kam das andere Deutschland in Frage, dafür waren einfach die Weine zu schlecht und das Käseangebot im Konsum zu dürftig. Für einen Großteil der Linken war die zweite deutsche Diktatur eher so etwas wie ein Zoo, in dem sich nach Entrichten des Eintrittsgeldes der sozialistische Werktätige zur lehrreichen Anschauung und Unterhaltung in einem möglichst artgemäßen Habitat beobachten ließ, und so wie man im Zoo über die realen Lebensbedingungen der ausgestellten Käfigbewohner hinwegsieht und sich vom Ausstellungscharakter verführen lässt, so schätzten die Besucher auch hier vor allem die Idee des Unternehmens.
Die Betrachtung der DDR als problembehaftetes, aber durchweg sympathisches Experiment führte zu einem Realitätsverzicht, der im Nachhinein waghalsig anmutet. Kontakte zu Oppositionellen, die über die wahre Lage im sozialistischen Menschenpark hätten Auskunft geben können, wurden vermieden [...] Nur einige wenige Politiker wie die grüne Bundestagsabgeordnete Petra Kelly oder Gerd Weisskirchen von der SPD besaßen die nötige Starrköpfigkeit und auch Grundneugier, aus dem arrangierten Besuchsprogramm auszuscheren, um mit Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley und Rainer Eppelmann zu sprechen anstatt, wie in solchen Fällen vorgesehen, mit dem für internationale Beziehungen zuständigen Politbüro-Mitglied Hermann Axen.

Ein Bericht von einer Sitzung der Deutschen Islamkonferenz:

Alle schienen auf Anhieb begriffen zu haben, wie die Spielregeln waren. Die eine Hälfte schilderte das Migrantenschicksal, die andere Hälfte saß da und schaute sehr betroffen. Nur einmal kam es zu einem unschönen Zwischenfall, als eine junge Türkin das Wort ergriff, Professorin für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule in Bernburg, wie ich den Tagungsunterlagen entnahm. Sie sei es leid, dass der kulturelle Unterschied ständig als Entschuldigung diene, morgens nicht mit den Kindern aufzustehen oder nach der Schule die Hausaufgaben zu vernachlässigen: »Es gibt eine latente Akzeptanz in der türkischen Gemeinde für Eltern, die ihre Kinder schlecht erziehen«, sagte sie, »sie finden Verständnis, das sie nicht verdienen.«
Es wurde sehr still im Raum. Der Sitzungsleiter [...] guckte betreten in seine Papiere und regte dann eine Kaffeepause an. Die Runde beschloss, den Einwurf der Frau zu übergehen. Wie ich später erfuhr, stammte sie aus einer Gastarbeiterfamilie aus dem Wedding, der Vater Arbeiter in einer Schokoladenfabrik, die Mutter am Band, vier Mädchen, alle Abitur, sie die jüngste Professorin, die jemals in Deutschland einen Lehrstuhl erhalten hat. Ich hätte es interessant gefunden, mehr über ihren Lebensweg zu erfahren, aber ich war ja auch noch neu. Beim nächsten Mal war sie nicht mehr dabei.

Doch das stärkste Kapitel Fleischhauers ist vielleicht das vorletzte – »Die Worte des Baums – die Linke und der Humor«. Hier geht es um den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Witz(en) (klassischerweise in Form von abgestandenen Scherzen über die Gesichtsphysiognomie Helmut Kohls etc. zelebriert) und echtem Humor. Letzterer schließt nicht zuletzt die Fähigkeit ein, über sich selbst zu lachen.

An eben dieser Fähigkeit fehlt es zumindest in den zahlreichen bei amazon eingestellten Rezensionen, die »Unter Linken« mit gerade mal einem Stern bewerten zu müssen meinen. Stattdessen machen typische Vertreter einer durchaus getroffenen Zielgruppe ihrem Ärger unflätig-pauschal Luft. Schade – denn damit ist eine lohnende Chance vertan. Ähnlich wie (in anderen Fällen) Konservative – unter ihnen leider auch Fleischhauer, der in verschiedenen Punkten etwas mehr Verständnis für die Gegenposition hätte aufbringen müssen – oder auch »evangelikal« geprägte Christen täten »Linke« daran gut, mit Hilfe des vorliegenden Buchs sorgfältig zu analysieren, wie ihre Haltung mitunter bei anderen Menschen ankommt, welche Gefühle sie auslösen kann (!). Auch vermeintlich klare Sachfragen erscheinen dann nochmal in anderem Licht. Und erst dann besteht aus meiner Sicht auch eine Chance, dem leidigen Schubladen-Denken zu entkommen.

 

Ein Kommentar zu “Treffend”

  1. Johannes meint:

    Nette Auszüge, die Appetit machen. Ich glaub ich bestell mir das direkt. :)

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