Trauerlos

21. November 2014

Krieg ist schrecklich. Und hat Folgen. Auch für die betroffenen Kinder.

… eine Binsenweisheit? Nicht unbedingt. Die deutsche Nachkriegswissenschaft jedenfalls kam um 1949 mehrheitlich zu dem Schluss: Weil deutsche Kinder in der Regel nicht mehr unterernährt sind, haben sie das Grauen unbeschadet überstanden (wie und warum auch immer). Und mit diesem Ergebnis war man auch zufrieden. Deutschland schaute jetzt nach vorne …

Hartmut Radebold hat zu den so genannten »Kriegskindern« der Jahrgänge 1929 bis 1947 geforscht. Dass er selbst in diese Altersgruppe gehört, machte seinen Vortrag im Stuttgarter Hospitalhof letzten Dienstag um so eindrücklicher. Die Mär der unberührten Kriegs-Kindheiten hatte er noch nie geglaubt …

Eine von Radebolds Erkenntnissen geht mir besonders nach: Viele Kriegskinder mussten schmerzliche Abschiede durchstehen, … durften aber nicht persönlich trauern. Getrauert wurde höchstens politisch-gemeinschaftlich, und dann immer mit dem verlogenen Pathos der fürs Vaterland gefallenen tapferen Soldaten. Viele dieser Soldaten wurden gleich an der Front begraben, man konnte also kein Grab besuchen. Und bis weit nach 1945 wurden viele Menschen jahr(zehnt)elang vermisst, bevor sie endlich offiziell für tot erklärt wurden. Die Trauer bekam keinen Raum.

… und jetzt werden die Kriegskinder alt. Werden mit mehr und mehr Abschieden konfrontiert. Und müssten eigentlich ausgiebig trauern. Aber viele haben das nie eingeübt …

 

Ein Kommentar zu “Trauerlos”

  1. Michael Molthagen meint:

    Auch ihr Umgang mit der eigenen Sterblichkeit scheint alles andere als unproblematisch zu sein.

    Da kommt auch so manches vor. Gerade auch, wenn sie jetzt zur Demenz neigen.

    (Mein Vater, Jahrgang 34, hatte gerade gestern seinen 2. Todestag. Da kamen in mir einige Erinnerungen an sein Sterben wieder hoch.)

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