Totaler Markt

14. Juli 2013

Für einen Pfarrkonvent rund ums Thema »Geld« war ich letzte Woche in Frankfurt am Main. Impulsreferat mit Publik-Forum-Wirtschaftsjournalist Wolfgang Kessler, ausführlicher Empfang in den Hochglanz-Türmen der Deutschen Bank, Film »Let’s Make Money«, … – Anregungen gab’s genug. Und immer wieder kam mir die Marburger Tagung von 2005 in den Sinn – mit ihrem (zugegebenermaßen nicht sonderlich sensiblen) Titel: »Wollt ihr den totalen Markt?« Eine heftige Frage, die aber nicht nur (allzu platte) historische Anspielung sein, sondern vor allem die Stimmung einer gespenstischen Szene aus Offenbarung 18 aufnehmen wollte:

Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen […], weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird: Gold und Silber und Edelsteine und Perlen und feines Leinen und Purpur und Seide und Scharlach und allerlei wohlriechende Hölzer und allerlei Gerät aus Elfenbein und allerlei Gerät aus kostbarem Holz und Erz und Eisen und Marmor und Zimt und Balsam und Räucherwerk und Myrrhe und Weihrauch und Wein und Öl und feinstes Mehl und Weizen und Vielh und Schafe und Pferde und Wagen und Leiber und Seelen von Menschen. (Offenbarung 18,11-13)

Geht’s noch gruseliger? Die Welt geht unter, überall Zerstörung und Tod, … – und die Kaufleute weinen ausgerechnet über ihren eingebrochenen Warenabsatz. Erst ganz am Schluss streift ihre Trauer auch noch kurz die Leiber und Seelen von Menschen ausgefallenen Kunden. Endstation der Selbstliebe kann man das nennen, – oder eben: totalen Markt. Hier ist alles zur Ware geworden. Hier hat alles seinen Geld-Gegenwert (oder eben nicht). (Zu finden ist diese zuspitzende Auslegung in Hellmuth Freys Offenbarungs-Kommentar »Das Ziel aller Dinge« … danke, Thorsten Dietz!)

Da sind wir noch nicht. Aber könnte es sein, dass Markt und Geld diese Totalisierungs-Tendenz immer in sich tragen? Und erklärt das, warum Jesus im Neuen Testament das Geld so auffällig oft zum Thema macht? Zum Beispiel in der Synagoge, wo er sich vor den Opferkasten setzt und genau schaut, wer wie viel hineinlegt (vgl. Markus 12,41-44 par) … Vielleicht ist es mit dem Geld so wie mit Rumpelstilzchens Namen: Was benannt wird, verliert sein Geheimnis … und wird greifbarer. Also: Reden wir nicht nur über Macht, sondern ganz gelassen auch übers Geld. Das hat nämlich seinen Platz in unserem Leben. Nicht weniger. Aber eben auch nicht mehr.

 

5 Kommentare zu “Totaler Markt”

  1. Steffen meint:

    Hier ist alles zur Ware geworden. Hier hat alles seinen Geld-Gegenwert (oder eben nicht). Da sind wir noch nicht?

  2. Daniel meint:

    Stimmt, bei Licht besehen … :-/

  3. Steffen meint:

    Was ist davon noch ausgenommen bei den Lebewesen?
    Menschen? Liebe? Glaube? Hoffnung?
    Ich bin mir nicht sicher, ob es einen Bereich gibt, der nicht Ware ist.
    Und: Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht schon so ist, seit dem es Leben gibt.
    Was gibt es ohne Gegenleistung?
    “Geld” ist ja nicht nur das Papier, welches wir so nennen. Diese Erfindung (Geld) ist relativ neu. Bezahlt aber wurde und wird immer. Und: Das war und ist immer totalitär, denn davon hängt unser Überleben ab.

    Die Gnade Gottes bleibt einzig übrig bei mir, versuche ich dieser Frage nachzugehen.
    Hier ist das EINZIGE, was frei ist, ohne Gegenleistung.
    Allerdings: Da weiß man ja auch nicht was man bekommt, oder?

  4. Daniel meint:

    … na, ich hoffe schon, dass Gottes Gnade auch auf unser Leben ausstrahlt – und uns Momente schenkt, in denen Leistung nicht alles ist. Kurz: Liebe. Aber auch die ist durchgehend in Gefahr, das stimmt.

  5. Steffen meint:

    Mit “hoffe” hast du es getroffen, denke ich.

    Diese – unsere – Hoffnung hat aber auch ihren (hohen) Preis.
    Ich glaube nicht, dass dich EIN Mensch bedingungslos, also kostenlos, liebt.
    Ich hoffe, dass dich wenigstens EIN Mensch liebt, weil du seine Bedingungen am besten, annähernd, erfüllen kannst, weil du zu ihm (also zu dem Menschen)passt.
    Kinder lieben nicht bedingungslos und Eltern auch nicht und Ehepartner nicht und, und, und…Alle haben Erwartungen an dich, also Forderungen denen du nachkommen solltest.
    Wir hoffen also, Gott liebt uns so wie wir sind.
    Allen anderen müssen wir aber etwas “zahlen” dafür.
    Leben ist immer ein Geben und Nehmen. Das andere ist dann Glaube und somit tatsächlich Hoffnung die teilweise zu einer anderen, weil kostenlosen Liebe befähigt. Für diese Hoffnung ist schon bezahlt worden. Sie war auch nicht umsonst oder gar gratis.

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