Spritpreis-»Opfer«

16. Oktober 2008

Der ADAC zeigt sich unerbittlich unbelehrbar – und setzt seine Kampagne »Runter mit dem Spritpreis« auch in der Oktoberausgabe der vereinsinternen »ADACmotorwelt« fort. Tausende von Konterfeis auf dem Titelbild und im ganzen Heft fordern vehement: »Tut endlich was!«. Zum Sündenbock Nummer 1 avanciert dabei die Bundeskanzlerin, die quasi ein zweites »Rettungspaket« schnüren und die Spritpreise durch eine pauschale Steuersenkung um wenige Cent wesentlich senken soll. Klar, dass ich wieder eine email an die Herren Michael Ramstetter und Konsorten geschrieben habe.

Noch einmal: Für einzelne Personen ist die aktuelle Situation in der Tat ein erhebliches Problem. Das Editorial der aktuellen »motorwelt« erwähnt völlig zu Recht »Menschen, die das Auto täglich zum Broterwerb brauchen« (3). Hier könnte man auch über eine Wiedereinführung der Pendlerpauschale diskutieren. Doch im Kreis zehn konkret Betroffener auf den Seiten 64 bis 69 präsentiert die Redaktion eben auch Autofahrer, deren »verzweifelte Lage« mir schlicht nicht einleuchten will. Und eben das macht die Aktion so unglaubwürdig für mich.

Da wären z.B. die »Menschen, die studieren und lernen wollen und das nun nicht mehr können« (3). Unter ihnen auch ein Doktorand aus Berlin, vorgestellt auf Seite 69. Er »muss jeden Tag zur Universität fahren, die ein bisschen außerhalb des Zentrums liegt«. Erst kürzlich ist er »schweren Herzens aufs Fahrrad umgestiegen [in Berlin ohnehin nicht die schlechteste Idee!]«. Das ist aber »ziemlich anstrengend, vor allem im Winter [ach nee...].« Vermutlich wird er das »Auto … ganz aufgeben müssen.« Sogar die regelmäßigen Wochenend-Besuche im 300 Kilometer entfernten Elternhaus sind jetzt kaum noch drin – denn »ich weiß nicht, wo ich sonst noch sparen soll«. Das ist dann auch die herzzerreißende Bildunterschrift, die die Redaktion beisteuert.

Ebenso wenig zu Tränen rührt mich der Bericht einer »Extrempendlerin« (porträtiert auf Seite 64), die ganz selbstverständlich »in Braunschweig und Augsburg« lebt, gerade ein Projekt in Hannover betreut und zusätzlich ein Aufbaustudium in Heilbronn absolviert. Ihre monatlichen Spritkosten betragen nun nicht mehr lächerliche 700 €, sondern 900 €! Das ist nicht mehr tragbar – obwohl es jetzt offenbar kein größeres Problem darstellt, »mir einen Passat BlueMotion [mit niedrigerem Verbrauch] zuzulegen«. Ach ja: »Als Vielfahrerin möchte ich … nicht auf ein komfortables Fahrzeug verzichten.«

Das Grundproblem liegt für mich auf der Hand: Regelmäßiges Autofahren wird als menschliches Grundrecht festgeschrieben, die »individuelle Mobilität« – das Schlagwort schlechthin! – wird zum Götzen Maßstab, dem nichts, aber auch gar nichts mehr untergeordnet werden darf. Ja, auch ich fahre gerne Auto. Aber das ist und bleibt Luxus. Und es darf gerne etwas mehr kosten. Punkt.

 

4 Kommentare zu “Spritpreis-»Opfer«”

  1. Jona meint:

    Kann dir nur zustimmen. Ich fand eben auch diese beiden Beispiele sehr lächerlich:
    Selbst wenn die Uni etwas außerhalb von Berlin liegt: der öffentliche Nahverkehr ist dort doch hervorragend ausgebaut und im Minutentakt fahren S- , U- und sonstige Bahnen und wenn er die Uni jetzt mit dem Fahrrad erreichen kann, kann sie ja auch nicht so weit weg liegen. In dem Fall würd ich eben von Bequemlichkeit sprechen und in solchen Fällen sind die gestiegenen Spritpreise ja eben zu befürworten; denn er ist jetzt ja offenbar umgestiegen und überlegt sein Auto ganz abzuschaffen.

    Zum zweiten Beispiel sag ich mal lieber nichts.

  2. martin meint:

    mmh…derzeit bin ich, da mein kfz auf verkehrs- und umwelttauglichkeit untersucht wird, eine woche auf den öpnv angewiesn. es geht. aber am ende ist es teurer, als wenn ich mit dem auto fahren würde, was zugegeben blöd ist, wenn man keinen mitnimmt. denn ich habe mir vorgenommen – als christ ökologisch, ökonomisch und familie mensch – denkend zumindest auf der strecke berlin-franken leute mitzunehmen. rohstoffe, raum, zeit miteinander zu teilen. um mal pro auto zu argumentieren.

    dann ist es ja so, dass man als mensch zunimmt. nicht nur körperlich – sondern auch geistig, seelisch, lebensstandard. unsere kinder sollen es mal besser haben, sagen sich alle. bloß um wieviel besser denn noch? das ist doch das kernproblem: luxus. müssen wir mit einem ICE fahren, der an jedem platz steckdosen hat? – früher ging es doch auch anders. so sauber ist bahnfahren auch nicht, denn am beginn schürfen aber das ist wohl das prinzip der entropie, die ja immer bestrebt ist, zuzunehmen.

    darüberhinaus gibt es gegenden in deutschland, die ohne auto schlichtweg von der außenwelt abgeschlossen sind. mit dem fahrrad kommt man da auch nicht weit. um dem ganzen spritgescheiße und gerede zu begegnen, wär es meiner meinung nach am logischsten, für ALLE kraftstoffe einen einheitspreis auszugeben. ob es sinn macht bzgl. der chemischen bilanzen (es kommt nicht nur ungiftiges CO2 aus dem endtopf – sondern mitunter auch stickoxide, kohlenmonoxid, unverbrannter kraftstoff u.v.a.m.) – dabei kann man sich auch gleich überlegen – um das thema weiterzuspannen, sommerliche grillabende wegen zu hoher feinstaubbelastung einzustellen. tja.

  3. Daniel meint:

    Danke, Jona und Martin – letzterer Kommentar macht nochmal ein paar neue Türen auf…und bringt einem das differenzierte Denken zurück, das der ADAC so konsequent umgeht…

  4. Sarah Strohhäcker meint:

    Danke Daniel für deinen Beitrag!!! Ich bin auch auf Bahn und Fahrrad angewiesen. Manchmal ist es sehr ätzend und aus Bequemlichkeit wäre mir, gerade dann im Winter, ein Auto lieber, aber es geht ohne und deswegen schaffe ich mir keines an. Ich stimme Martin zu, dass man in manchen Situationen und Gegenden wirklich auf ein Auto angwiesen ist. In den anderen Fällen ist es jedoch reine Faulheit und Bequemlichkeit. Trotzdem bin ich gegen die Erhöhung der Spritpreise, weil mein Mann ohne Auto “nichts” wäre, wenn du weißt, was ich meine. Grüße aus Schriese

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