So’n Typ in mir…

7. Oktober 2007

…zwei Wochen ist es schon her, dass wir unsere NT-Lernphase abgeschlossen haben. Jetzt, mit einiger Distanz, ist die Motivation auch wieder da – und Themen, die ich damals ausgelutscht und langweilig fand, finden jetzt wieder mein Interesse. Als da z.B. wäre: Römer 7. Ein besonders heftig diskutierter Abschnitt aus den Paulusbriefen.

Ab Vers 7 taucht in diesem Text ein ominöses »Ich« auf. Paulus scheint damit nicht (gezielt) sich selbst zu meinen. Vielmehr scheint er über die Situation der Menschen ;i>allgemein zu schreiben.

Soweit sind sich auch (fast) alle einig. Auch die Frage, was der Abschnitt Röm 7,7-13 beschreibt, wird relativ einstimmig beantwortet. Hier geht es um die Situation des ersten Menschen, Adam (von Otfried Hofius etwas umständlich-amüsant als »Protoplast« bezeichnet). Das Gesetz Gottes ist ihm eigentlich »zum Leben« gegeben (Röm 7,10), wird aber von der Sünde quasi als »Brückenkopf« verwendet (so die exakte Wiedergabe des griechischen Begriffs »aphorme« in Röm 7,8). Damit ist paradoxerweise durch das rundum gute (Röm 7,12!) Gesetz der Tod in die Welt gekommen. Dieses tragische Ereignis der Vergangenheit bestimmt das Leben der Menschheit heute.

…und damit beginnen die Probleme: Wen meint Paulus ab Vers 14, wo die »Paradieserzählung« abgeschlossen ist und wo ein neuer Abschnitt beginnt?! Es gibt zwei gängige Antworten auf diese Frage:

  • Klassisch ist Position A, die exemplarisch von Martin Luther vertreten wurde: Sie geht davon aus, dass Paulus jetzt die Perspektive der (gerechtfertigten) Christen einnimmt: »Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Röm 7,18b-19) – diese Aussage wird dann gewöhnlich verpackt in die berühmte Doppelung »simul iustus et peccator«, »zugleich gerechtfertigt und Sünder«.
  • Gegen diese Feststellung erheben die Vertreter von Position B – allen voran die »Tübinger« Neutestamentler, namentlich u.a. Peter Stuhlmacher, Hofius, Hans-Joachim Eckstein – entschieden Einspruch: Ihrer Meinung nach kann Paulus u.a. den Satz »… ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft« auf keinen Fall einem gerechtfertigten Christen in den Mund legen, denn Christen sind definitiv »frei geworden von der Sünde« (Röm 6,7). Vielmehr gehe es in Röm 7,14-25 um die Situation des noch nicht erlösten Menschen unter der Sünde, der seine Situation im Nachhinein umschreibt. Erst in Röm 8 stehe das Leben »in Christus« im Vordergrund.

Interessant ist nun, dass es auch innerhalb von Position B gewaltige Interpretationsunterschiede gibt. Vor allem der Halbvers Römer 7,25b wird völlig unterschiedlich gesehen: »So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde« – Hofius hält dies für »die Randglosse eines sehr frühen Lesers des Römerbriefs, der das in 7,7–25a Gesagte auf der ganzen Linie mißverstanden hat«. Man kann diesen klaren Kommentar mutig nennen. Oder aber fatal. Meiner Meinung nach besteht durchaus die Gefahr, dass Hofius den Abschnitt missverstanden hat. Weitaus sympathischer finde ich die Sicht Stuhlmachers. Er gibt zu bedenken: Röm 7,25 verbietet es, »Röm 7,7–25 einfach in die Vergangenheit abzuschieben! … Das in Röm 7,25ff. zum Dank aufgerufene Ich weiß …, daß es nur in und durch Christus von der tödlichen Anklage des Gesetzes befreit und durch die Gabe des Hl. Geistes befähigt ist, Gottes gutem Gebot zu folgen. Ohne den Geist und ohne Christus würde das Ich sofort wieder in die Not zurückgeworfen werden, die Paulus in 7,7ff. schildert.«

Letztere Position deutet eine entscheidende Tatsache an: Im Alltag, im praktischen Leben wird der Unterschied zwischen den Positionen A und B recht gering: Da zählt nämlich primär die Erfahrung, dass wir tatsächlich mit der Sünde konfrontiert sind und bleiben (zumindest empfinde ich das so). Ob das daran liegt, dass man auch als Christ »simul iustus et peccator« ist oder daran, dass man als Christ unter seinen eigenen Verhältnissen lebt (so drückt es Eckstein aus), ist eigentlich herzlich egal.

Kieren hat mich auf ein passendes Lied von Clueso hingewiesen: »So’n Typ in mir«. Man könnte es als »säkulare« Übersetzung von Röm 7 bezeichnen – und damit ist es nicht zuletzt für den Schulunterricht sehr geeignet.

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