Sichere Hypothesen?!

16. Mai 2008

…fangen wir doch gleich mal an…

Hier und dort habe ich schon mal erwähnt, dass es sich im Fach Systematische Theologie um Wolfhart Pannenberg drehen soll, genauer gesagt: um die ersten vier Kapitel seiner »Systematischen Theologie«, den grund-legenden Part.

Schon der Klappentext des (1988) erschienenen ersten Bandes stellt eine Art Paukenschlag dar: Die Dogmatik will die Wahrheit der christlichen Lehre darstellen. Die Frage nach dieser Wahrheit ist aber zunächst…offen. Was meint Pannenberg damit?!

Einerseits, so Pannenberg, sind theologisch-systematische Aussagen erst mal nichts anderes als Hypothesen. Also Thesen, deren Wahrheitswert strittig ist. Im Fall von religiösen Themen gilt das in ganz besonderer Weise, denn gerade der Bereich der Religion zeichnet sich unter dem Einfluss der Neuzeit durch seine Subjektivität aus. Soll heißen: Jede unbegründete Behauptung, die mit Religion zu tun hat, wird in der (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit als völlig willkürliche, persönliche Setzung wahrgenommen. Basta.

Diese Situation ist nicht unbedingt zu begrüßen, sagt Pannenberg. Aber sie ist zu akzeptieren. Hier kommt es zu einem deutlichen Widerspruch gegen Karl Barth: Pannenberg wendet sich gegen einen überheblichen »Offenbarungspositivismus« (so die ablehnende Bemerkung Dietrich Bonhoeffers), der nach dem Motto »Friss, Vogel, oder stirb« die Wahrheit des christlichen Glaubens einfach so voraussetzt – und erst von diesem Punkt aus zu argumentieren beginnt. Zugleich werden Pannenbergs Bemühungen um einen möglichst rationalen Zugang zur Theologie deutlich, der philosophische Grundüberzeugungen ernstnimmt und den interdisziplinären Austausch sucht, auch mit den Naturwissenschaften.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille: Andererseits, so Pannenberg, seien theologisch-systematische Aussagen auch »assertorisch«, d.h. von Gewissheit geprägt. Das gilt in besonderer Weise für Glaubensaussagen.

Hintergrund ist Pannenbergs theologisches Geschichtsverständnis: Die Wahrheit des christlichen Glaubens wird sich eigentlich erst am Ende der Geschichte herausstellen. Dieses Ende steht zwar noch aus (was z.B. Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit einem Großteil des deutschen Idealismus anders gesehen hat!). Es ist aber bereits wirksam vorweggenommen worden – in Jesus Christus. In Jesus Christus sehen Christen bereits das Ende der Geschichte – und den Selbsterweis Gottes als einziger Gott. Daraus resultiert ihre Gewissheit – auch in der Gegenwart.

Eine ziemlich spannungsreiche Behauptung… Nicht überraschend, dass Pannenbergs Hauptkontrahent, der Tübinger Eberhard Jüngel, entsprechend irritiert reagierte: »Mit dieser Feststellung ist das Kernproblem der Theologie Pannenbergs formuliert, das dem Leser nicht geringe Schwierigkeiten bereitet … [E]ine Aussage [kann] nicht sowohl assertorisch als auch hypothetisch sein. Wenn Pannenberg behauptet, daß "die göttliche Wahrheit, die die christliche Lehrüberlieferung beansprucht", in der Dogmatik "nicht schon vorauszusetzen" sei …, dann drängt sich unvermeidbar die Frage auf, wie von einer unentschiedenen Sache assertorisch soll geredet werden können.« Jüngels bissige Ironie klingt durch, wenn es schließlich heißt: »Da Pannenberg unter der "Strittigkeit Gottes" nicht nur "die Problematisierung der Wirklichkeit Gottes", sondern ausdrücklich auch deren "Bestreitung und die Abwendung von ihr", also auch das, was die Bibel Sünde nennt, versteht, könnte dann mit demselben Argument auch die Sünde als in Gott begründet behauptet werden.« Pannenberg wiederholt demgegenüber lediglich »[d]ie für manche so irritierende, von Jüngel aber zutreffend wiedergegebene These …, daß die Momente des Assertorischen und des Hypothetischen einander nicht ausschließen«.

Das Gefecht zweier Giganten…aber auch ein ernsthaftes Problem: Darf man als Theologe die Wahrheit des christlichen Glaubens schon voraussetzen, bevor man zu argumentieren beginnt? Und wenn ja, wie?! Nur für sich selbst? Ganz offen-offensiv? Was meint ihr?

 

3 Kommentare zu “Sichere Hypothesen?!”

  1. Karsten meint:

    Ich ziehe, wie der äthiopische Kämmerer fröhlich meine Straße, pflege meine Beziehung zum Herrn und warte auf die Frucht des Geistes. Diskutieren Pannenberg und Jüngel da nicht um des Kaisers Bart? Glaube setzt die Wahrheit des Gesagten auf Gedeih und Verderb heraus. Man lässt sich ein auf die Aussagen der Zeugen. Hat man diesen Schritt vollzogen, stellt sich im zweiten Schritt heraus, dass der Glaube funktioniert und den Glaubenden zum Positiven verändert.
    Und: Mir scheint die theologische Verengung aufs Intellektuelle zu eindimensional. Man kann dem Glauben so nicht vollständig gerecht werden.

  2. Daniel meint:

    …ab und zu brauchen wir halt ganz normale Blogger, die uns Theologen auf den Boden der Tatsachen zurückholen… ;-) Stimmt schon – die Auseinandersetzung ist sehr speziell…und in der Praxis würde man den Unterschied wahrscheinlich gar nicht erkennen… Trotzdem: Aus meiner Sicht macht es schon Sinn, solche Fragen mal ganz detailliert zu durchdenken…

    Gut finde ich den Gedanken der intellektuellen Verengung. Nicht nur der Glaube, auch die Theologie darf nicht »verkopfen«!

  3. Thomas R. meint:

    Ich möchte mich auch gegen eine eindimensional-intellektualistische Verengung von Theologie und Glauben wehren, trotzdem ist die Problemstellung berechtigt, eben weil Pannenbergs Ansatz größtenteils durch seine innere Kohärenz besticht. Wenn diese nicht mehr gegeben ist, sind die einzelnen Versatzstücke für sich genommen weit weniger überzeugend.
    Zugegeben, Pannenbergs Hamartiologie greift recht kurz. Aber die (zweifelnde) Frage nach Gott bzw. die Hypothesen der christlichen Glaubenssätze sind an sich noch nicht sündhaft – und ich möchte bezweifeln, dass das Jüngel-Zitat überhaupt greift. Es besteht durchaus ein Unterschied zwischen Wissen und Gewissheit, also ontologischem Fakt und Vertrauen, Hoffnung, Erwartung. Und in diesem Vergleich hat das Konzept von Gewissheit nicht unbedingt hinter der Wissensvorstellung zurückzustecken. Logischerweise hängt Wissen (wenn es nicht esoterisch sein soll) mit Beweisbarkeit zusammen, alles andere ist Gewissheit (vgl. Wittgenstein, Über Gewissheit), wie z.B. die Gewissheit, dass Pi unregelmäßig ist, dass es unendlich viele Primzahlen gibt etc.
    Wir haben de facto für eine ganze Menge viabler, alltäglicher Annahmen keinen strengen formalen Beweis.
    Bei Pannenberg kommt aber noch ein zweites hinzu: Das Konzept der Eschatologie. Pannenberg vertritt die These, dass über das Sein der Dinge erst an einem Endpunkt der zeitlichen Entwicklung entschieden werden kann, also erst dann, wenn sich nichts mehr verändert. Das ist das Eschaton, in welchem eben das Wesen der Dinge und ihre Erkennbarkeit in eins zusammenfallen: Sie werden offenbar. Einerseits bezieht sich das auf uns Menschen (und ist darin auch Gericht), andererseits bezieht es sich auf Gott (zumindest in ökonomischer Perspektive): Gott wird sich offenbaren als der, der er schon immer war. Erst dann, so Pannenberg, wird sich z.B. die Frage der Theodizee klären: Gott wird erkennbar als guter Gott, der die Schöpfung erlöst und darin eben auch mächtig ist. Dies zu beweisen liegt definitiv an Gott, nicht an uns, aber wir können darauf vertrauen und unsere Hypothesen zur Existenz des Bösen mögen dieses Vertrauen gewisser machen.

    In der Eschatologie fallen für Pannenberg also sozusagen methodologische oder fundamentaltheologische mit materialen Fragen zusammen. Epistemologie und Ontologie, menschliche Gotteserkenntnis und das Wesen Gottes werden gemeinsam in einem Ereignis beantwortet. (Spannend: wie ein Ereignis eine Antwort sein kann, das ist parallel zur Jesu Verkündigung und Handeln, Tod und Auferstehung, als Kommen des Reiches Gottes).
    Als dritter Aspekt neben Theologie als Hypothese und Eschatologie spricht Pannenberg vom Konzept der Antizipation, der Vorwegnahme. So wie in der Auferstehung Christi das Eschaton vorweggenommen ist, nehmen wir in unserer Lebenszeit das Sein in der ewigen Wirklichkeit Gottes vorweg (als “Dauer”). Aber auch alle anderen Seinsaussagen sind Antizipationen (eben weil die Wahrheit erst am Ende der Zeit feststehen wird). D.h. aber auch: Glaube und Hoffnung stehen nicht unter Wissensaussagen, denn sie beruhen auch auf einer – begründbaren, wenn auch nicht beweisbaren – Gewissheit.
    Dies ist kein Beweis des Glaubens oder gar seiner Wahrheit, sondern vielmehr seiner Plausibilität. Es ist nicht unlogisch oder kindisch, zu glauben und zu hoffen, wir vertrauen sowieso ständig auf alle möglichen Gewissheiten. Eine strenggenommene Verifikation unserer Hypothesen kann jedoch nur im Eschaton stattfinden (vgl. auch das Konzept der eschatologischen Verifikation bei John Hick).

    Fazit: Pannenberg koppelt eine zeitlich bedingte Wahrheitstheorie mit der Vorstellung eines Endes der Zeit. Die Ausrichtung unseres Lebens, Denkens und Glaubens auf dieses Ende hin machen zwei Dinge nötig: vorerst Unverifizierbares ehrlicherweise als Hypothesen anzusehen und dem Leben in und aus Gewissheit und Antizipation einen höheren Stellenwert einzuräumen.

    Und, ja, Hypothesen und Assertion schließen sich nicht gegenseitig aus, wenn ich ihr Verhältnis beschreiben sollte, dann als ein sich teilweise gegenseitig bedingendes.

    So viel in aller gebotenen Kürze – im Internetzeitalter liest ja keiner mehr, sobald es länger als 4 Zeilen wird.

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