Selbstverständlich christlich

28. April 2011

Christliche Musik im Radio. »Mit Gott in die Charts« hieß die Kampagne, die das um den Jahrtausendwechsel herum möglich machen sollte. Das Mittel: Möglichst viele CD-Käufe, Forenbeiträge, TED-Anrufe, E-Mails, … Ich war begeistert mit dabei. Und 2002 mischten sogar EKD und Nordelbische Kirche mit.

Sicher – rein äußerlich gab es diverse Erfolge. »Long For You« von »Normal Generation?« landete in den deutschen Single-Charts auf Platz 65, in den SWR3-Charts gar zehn Wochen hintereinander auf Platz 1, wurde 2002 SWR3-»Song des Jahres«. Dieselbe Teenie-Band ergatterte 2002 mit »Hold On« den dritten Platz beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Eine Schippe drauf legte »Beatbetrieb« ein Jahr später beim selben Wettbewerb: Platz 2. 2004 kam »Delirious?« mit »Inside Outside« bei SWR3 auf Platz 1.

Nachhaltig waren solche Aktionen allerdings mitnichten. Die Vision, die christlichen Texte würden auch inhaltlich einschlagen, verpuffte bald. Nicht wenige Radio-Redaktionen reagierten genervt auf allzu vehement geäußerte Musikwünsche. Ob man gespürt hat, dass die Unterstützung nicht »echt« war, insgeheim noch einen anderen Zweck verfolgte? Krankte die Idee (genauso wie das Konzept »Freundschaftsevangelisation«) am »Denken in zwei Räumen« (wie es Dietrich Bonhoeffer kritisch formulierte)? Mission nicht als selbstverständliche Dimension christlichen Lebens, sondern als extra proklamiertes Ziel? Bezeichnend: Die Internetadresse zur Chart-Aktion führt heute ins Leere.

Einige Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Ich bin kein regelmäßiger Radio-Hörer mehr. Meine Frau schon. Und sie meinte neulich, SWR3 spiele auffallend viel christliche Musik. Zahlreiche Texte würden als »Lyrix« übersetzt… An Karfreitag sind wir Auto gefahren. Und prompt ging es um Brooke Fraser. Ihren sogleich gespielten Song »Something In The Water«. Ihre regelmäßige Teilnahme am christlichen Musikfestival »Parachute«. »[S]ie steht auch zu ihrem christlichen Glauben.« (Und ist vielleicht gerade deswegen unzufrieden mit so manch »christlicher« Vermarktungsstrategie?) Christliche Musik – ganz selbstverständlich. Ohne aktivistische Hintergedanken. Und eben deswegen missionarisch. So macht die Sache Sinn, finde ich.

 

18 Kommentare zu “Selbstverständlich christlich”

  1. Daniel Hufeisen meint:

    Diese “mit Gott in die Charts”-Aktionen fand ich schon damals merkwürdig – mag auch daran liegen, dass es nur wenig “christliche” Musik gibt, die mir gefällt.

    Als ich das gelesen habe, habe ich mich aber gefragt, ob sie nicht doch nachhaltig erfolgreich waren. Oder ist es Zufall, dass gerade der Sender, bei dem sich die christlichen Zuhörer am meisten gemeldet haben, heute besonders viel christliche Musik spielt?

  2. Daniel meint:

    Das könnte aber auch einfach dran liegen, dass SWR3 seriöser ist… :-) Und/oder seine (süddeutsche) Zielgruppe gut kennt.

  3. Stefan meint:

    Bin mir gar nicht so sicher, ob die Motivation der Musiker damals einzig das missionarische war. Denke, dass sie auch einfach ihre Musik vor einem möglichst breiten Puplikum präsentieren können. Ich bin auch froh um jede Gelegenheit, die man bekommt, die eigenen Songs zu spielen. (die nächste: Kirchentag Dresden … bin gespannt)

    Ich hab 2003 auch wie wild für Beatbetrieb angerufen. Fand das Lied auch gut gemacht. Und ich kann auch heute beim nochmal Rein-Klicken nicht verstehen, wie die Ralf Siegel-Tante damals gewinnen konnte.
    In der christlichen Musiklandschaft gibt es heute jedenfalls auch qualitativ gute Sachen.

    Auch interessant und heute zufällig entdeckt: Owl city, bekannt im letzten Jahr mit fireflies, singt jetzt worship (In christ alone). Im unverwechselbaren Stil … ob SWR3 das auch spielen würde?? Vermute nicht. Schade eigentlich.

  4. Daniel meint:

    Danke für den Insider-Einblick, Stefan! Die Hürde für Musik mit christlichen Inhalten liegt schon höher, was Radio usw. angeht, das stimmt. Die Frage ist aber, ob ich dann einfach um so wilder anrufen muss :-) – oder ob ich noch geduldiger in die säkulare Musikkultur eintauchen, Kontakte leben, … muss. Um Barrieren und Vorurteile abzubauen. Denn die sind ja da.
    Ihr beim Kirchentag? Nochmal ein Stich ins Herz! Ich kann nicht hin dieses Jahr…

  5. Daniel meint:

    …hab Owl Citys Song “In Christ Alone” eben auch angehört. An der klassischen Melodie haben sie halt nichts geändert – und das wäre in dem Fall die Barriere, vermute ich.

  6. Tina meint:

    Erstmal: Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Zum Thema des inhaltlichen Einschlagens von Liedtexten kam ich bei meiner feed reader Konsultation heute noch auf diesen Link:
    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/musik-als-propagandamittel/-/id=660374/nid=660374/did=7793584/68ab9x/index.html
    Eine Sendung darüber, wie Goebbels versucht hat mit nationalsozialistischen Propagandatexten in englischer Sprache die “Bevölkerung im ‘Feindesland’” zu infiltrieren.
    Da ich gerade in der Bib bin, habe ich das noch nicht angehört. Aber es klingt spannend. :)

  7. Tina meint:

    Öhm. Ich möchte übrigens NICHT Mission mit nationalsozialistischer Propaganda vergleichen.

  8. Daniel meint:

    :-) (Zu deinem zweiten Kommentar, Tina.)

  9. Tobi meint:

    Irgendwie mach ich was falsch: Kommentiere ich hier, läuft die Diskussion eher auf FB, schreib ich bei FB, läuft hier was :D

    Was ist eigentlich “christliche Musik”? Gut, mach Text ist schon klar dem Christentum verpflichtet (Bsp. In Christ alone). Aber daneben gibt es doch einen sehr breiten Bereich, der einfach der subjektiven Interpretation anheim stellt, welche Assoziation sich einstellt. Ehrlich gesagt habe ich ein kleines Problem mit der “christlichen Musikbranche”. Es gibt nicht wenige Bands, die nur auf Grund der Subkultur Bedeutung haben. Sprich: Musikalisch unterscheidet sich vieles nicht grundlegend vom Mainstream-Business, nur dass es oftmals qualitativ nicht so hochwertig ist bzw. fast noch weniger Neuerungen anzutreffen sind (wird hier auch ein musikalisch-konservatives Milieu angesprochen?). Dass es jedoch auch anders geht, kann z.B. in der härteren Gitarrenmusik gesehen werden. Hier gibt es einige Bands, die offensiv mit ihrem Glauben umgehen, aber dennoch im “Mainstream” verankert sind. Weswegen? Ich glaube, da sie kreativ Neuerungen eingebracht haben, mit stilbildend waren (allen voran As I lay dying für den Metalcore). Das fehlt im “christlichen Bereich” des Pop nicht selten. Allerdings muss man auch ergänzen, dass es Popinnovationen natürlich prinzipiell schwerer haben. Aber nichts gegen Theo und Co: Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass Beatbetrieb und Normal Generation normalerweise nicht derart in die Rotation gekommen wären. Im “christlichen Bereich” waren sie dennoch die Stars…

    So, nach dem kleinen Rant: Ich bin gespannt, wie sich Joe Falk machen wird, ob er es packt, dem Christenghetto zu entkommen. Ich würde es ihm zutrauen.

  10. Tobi meint:

    Sorry, Nachtrag: Nichts gegen Owl City. Aber im Vergleich zu Keith & Kristyn Getty (http://www.youtube.com/watch?v=qLy8ksqGf9w), die den Song (mit)geschrieben haben, ist da jetzt auch nicht der große Unterschied. Oder ich hab nen falschen Song gehört …

  11. birgit meint:

    @Tobi: Gefällt mir!

  12. Daniel meint:

    Wie habe ich’s mal gehört in einer Vorlesung: »Es gibt Christen als Politiker, Pädagogen, Automechaniker und Psychologen. Das Christsein wird sich auf diese oder jene Weise auswirken auf ihren Beruf. Aber darum gibt es noch lange nicht die christliche Politik, Pädagogik, Psychologie, Automechanik.«

  13. birgit meint:

    Und es gibt “weltliche” MusikerInnen, die mehr zu sagen haben als so manche PredigerIn – zum Beispiel the one and only Judith Holofernes. Wenn ich dann mal Bischöfin bin, muß sie bei meiner Inthronisation singen – hähäh…

  14. Daniel meint:

    Vorhin im Auto hab ich »Wovon sollen wir träumen« von Frida Gold Dieses Lebensgefühl muss man erst mal so in Worte gießen…

  15. Tobi meint:

    @Daniel: Wer hat denn so tolle Sagen in der VL gebracht?

  16. Daniel meint:

    Der gute alte Herbst aus Greifswald. :-)

  17. Tobi meint:

    Sachen gibts. Da hab ich in meinem Kommentar zuvor doch tatsächlich Sagen statt Sachen geschrieben. Je nach Interpretation kommt dann doch was komplett anderes heraus. Lange Rede, kurzer Sinn: Bei der Aussage gehe ich mit!

  18. Daniel meint:

    …und ich dachte, das sei ein neues Kult-Synonym für “Aussagen”, “Reden”.

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