Seelsorge und schwarze Vögel

23. Februar 2008

Anfang März beginnt das Pauken – für die drei Klausuren ab Ende April… Bis dahin bleibt noch etwas Zeit für vertiefende Lektüre. Ein Buch, das ich jetzt (zumindest äußerlich) abgeschlossen habe – die Sidebar zeigt es noch an: auch aus »privat-dienstlichem« Interesse… –, ist Christoph Morgenthalers »Systemische Seelsorge«.

Der Autor schildert anfangs eine Erfahrung, die ihn entscheidend beeinflusst und letztlich zu seinem »systemisch« orientierten Seelsorgeansatz motiviert hat: In seiner Gemeinde spielte sich ein Familiendrama ab. Ein verzweifelter Vater erschoss erst seine beiden kleinen Töchter sowie seine Frau im Schlaf, bevor er sich selbst umbrachte.

Das Buch endet mit einer »Widmung« – und einem Brief an eine der beiden umgekommenen Töchter. Es passiert mir selten, dass ich beim Lesen »wissenschaftlicher« Literatur Tränen in den Augen habe…hier dann aber doch.

»Gisela,
vor einem Jahr habe ich dich richtig kennen gelernt: rund und lachend, am liebsten auf blossen Füssen, immer zu einem Streich aufgelegt, manchmal mit grossen Tränen auf den Wangen. Du erinnerst dich, es war in der Sonntagsschulwoche.
Mit welchem Feuereifer hast du damals am Donnerstag morgen gemalt! Eines deiner Bilder hat mir besonders gefallen: Ein Strauss kräftiger Farben ist da in einen gelbblauen Kreis geschlossen, der an zwei durchscheinend hellfarbenen Stengeln über einem Rasenstück aufgehängt ist. Ich habe gefragt, ob du es mir schenken würdest. Du hast gezögert. Schliesslich hast du es mir gegeben. Das Bild hängt seither in meinem Studierzimmer.
Manchmal ruht mein Blick auch heute darauf. Dann erschrecke ich: du bist tot. Dein Vater hat dich erschossen, auch deine Schwester und deine Mutter, und sich selbst "gerichtet". Und dann bemerke ich in deinem Bild noch etwas anderes: Schwarze Flecken hier und dort, die da in diesem schönen abgerundeten Familienkreis irgendwo über schütterem Quartierrasen hocken und flattern wie schwarze Vögel. Warum fallen sie mir erst heute auf? Warum habe ich so wenig gemerkt vom Unglück in deiner Familie? Vielleicht weil diese schwarzen Vögel in mir auch eine Rabenbrut zu wecken drohten, die schwarzen Vögel der Angst, der Unsicherheit, der Überforderung und der Isolation.
Dein Vater hat sie mit seinen Schüssen dann trotzdem aufgescheucht. Sie verfolgten mich, tagelang, bis in die Träume. Und als ich sie schon vertrieben wähnte, tauchten sie noch einmal auf – wo ich sie nicht vermutet hätte. Vielen Menschen in B. erging es ähnlich. Kinder wie du konnten nicht mehr schlafen, weil sie Angst vor ihren Vätern bekamen. Eltern erschraken über die Abgründe von Wut und Angst, die sich manchmal auch zwischen ihnen und ihren Kindern auftun.
Aber wahrscheinlich verstehst du das alles gar nicht recht. Du warst ja noch ein Kind. Trotzdem muss ich es dir schreiben. Ich brauchte Zeit und Abstand. Aber jetzt kann ich es, am Geburtstag deines Bildes.
Ich lasse dein Bild. Es erinnert mich an dich, an deinen zaghaften Händedruck, dein Lachen, dein Leben. Es erinnert mich: Die schwarzen Vögel gehören zu unserem Leben, das können nur blinde Optimisten übersehen. Es mahnt: Schaue nicht weg, wenn du irgendwo eine solche Rabenbrut sich regen siehst. Beobachte, sei bereit, schreite ein. Es enthält auch eine leise Hoffnung: In deinem Bild sind die Farben trotz allem stärker als das Schwarz, das Leben stärker als der Tod. Ob ich deshalb darauf vertraue, dass dieser Brief an dich nicht ins Leere geht? Ich glaube es.

C.M.«

 

Ein Kommentar zu “Seelsorge und schwarze Vögel”

  1. Simon meint:

    Das ist wirklich bewegend.

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