Schein-heilig

24. Februar 2010

Vermutlich stimmt, was die Medien von den Dächern pfeifen: Gleich, um 16.00 Uhr, tritt Margot Kässmann von ihren Ämtern als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin zurück. Und ich ärgere mich maßlos.

Nicht so sehr über Kässmanns Alkohol-Fahrt am späten Samstag. (Wie meinte ein Freund eben am Telefon: »Erst war ich entsetzt. Aber dann kam mir, dass ein anderer Fresser und Weinsäufer jetzt Weltenrichter ist…«)

Viel tragischer finde ich: Wir Protestanten sind offenbar nicht in der Lage, öffentlich ein Markenzeichen unseres Glaubens zu vertreten – die Rechtfertigung des Sünders. Um mit dem Glaubensbekenntnis zu sprechen: »Heilig« ist unsere christliche Kirche nicht deswegen, weil Christen an sich »heilig« und perfekt seien. Heilig sind wir Christen nur deswegen, weil wir Gott heilig sind, weil wir zu Gott gehören. Alles andere ist Schein-Heiligkeit. Und führt zu der tragischen Auffassung, die Kirche sei in unserer Gesellschaft alleinverantwortlich für die Moral (die »wir Normalos« uns dann schenken bzw. zumindest durch unsere Kirchensteuer bequem abtreten können).

Bleiben noch zwei Anmerkungen: Schade, dass ausgerechnet die ach so christliche »BILD« besonders eifrig an Kässmanns öffentlicher Demontage mitgewirkt hat. Und: Seltsam, dass niemand was gegen eine geschiedene EKD-Ratsvorsitzende hatte…dass jetzt aber alle alkoholisiertes Autofahren ganz, ganz unerträglich finden… (Jesus dagegen fand offenbar nur Ersteres richtig erwähnenswert. Was noch lange kein Argument gegen seine Vergebung war.)

 

9 Kommentare zu “Schein-heilig”

  1. Walter meint:

    Auch wenn mir Frau Kässmannn eigentlich sympathisch ist: Sie hat auch eine Vorbildfunktion. Genau wie Frau Merkel sich das auch nicht erlauben könnte. Wo würden wir denn hinkommen? Menschlich gesehen kann man ihr das ja noch verzeihen (immerhin hat sie niemanden umgefahren), aber das hat nur wenig mit der Arbeitstelle zu tun.
    Wie viele Fehler (und wie schwere) sollte die Gesellschaft denn verzeihen? Sollten die Jesuitenmönche auch im “Amt” bleiben?!

  2. Daniel meint:

    Ich gebe zu, dass uns das evangelisch-christliche Menschen- und Gottesbild in seiner Radikalität an persönliche Grenzen bringt. Aber ich will es deswegen nicht gleich unter den Tisch fallen lassen.

    Im Fall der Jesuitenmönche kommt aus meiner Sicht die Zahl der Opfer hinzu, die über Jahre hinweg schwer traumatisiert wurden, …und nicht zuletzt die unerträgliche Geheimniskrämerei. Generell bleibt es aber schwierig, genaue Kriterien aufzustellen. Wie gesagt – die “qualitative” Unterscheidung zwischen alkoholisiertem Fahren und Scheidung leuchtet mir nicht ein…

    Die Differenzierung von menschlicher und beruflicher Ebene ist allerdings gut. Darüber denke ich nochmal nach…

  3. Johannes meint:

    Und selbst auf persönlicher Ebene muss ich doch die Konsequenzen meiner Taten ertragen/ziehen, auch wenn sie mir vergeben sind. Alles andere scheint mir eine unangemessene Vermischung von “weltlicher Schuld” und “Sünde” (ich hoffe, die Begriffe sagen in etwa das, was ich meine).
    Weder die BILD noch Frau Kässmann selbst haben meines Wissens gesagt, eine alkoholisierte Fahrt könne nicht vergeben werden. ;-)

    Dazu kommt, dass hinter so einer Rücktrittsentscheidung sicher auch das Wissen um die Grenzen der eigenen Belastbarkeit und ein verantwortlicher Umgang mit der eigenen Psyche steht. Dafür von meiner Seite eher Respekt als Entsetzen und Ärger.

    Ansonsten aber volle Zustimmung was die Reduzierung der Kirche auf eine moralische Instanz und die Bewertung von Alkohol und Scheidung angeht.

  4. Daniel meint:

    Aber was war denn zuerst da? Kässmanns Wissen um ihre Grenzen angesichts der öffentlichen Medien-Hetze…oder ebendiese?

    Richtig – auch vergebene Schuld behält ihre Konsequenzen, da stimme ich zu. Aber selbst einen »Verlust an Glaubwürdigkeit« sehe ich in dieser Sache nicht unbedingt. Letztlich ist nur Gott glaub-würdig. Und darauf könnten perfekte Menschen gar nicht hinweisen mit ihrer Person.

  5. Johannes meint:

    Klar, diese Medienhetze ist pervers. Die Öffentlichkeit wär ohne sie vermutlich wesentlisch schöner.
    Andererseits ist es nun einmal so wie es ist – und als Person in einer derartigen Führungsposition sollte man mit der Reaktion der Medien rechnen und damit entsprechend umgehen (können). Mir scheint, dass sich Frau Kässmann in dieser Hinsicht (schon im Januar) etwas verkalkuliert hat.

    Zum deinem zweiten Absatz: Theologisch bin ich fast geneigt dir zuzustimmen. Allerdings gibt es da noch die Pastoralbriefe, die für die “Kirchenleitung” definitiv einen besonderen ethisches Kodex vorgeben. Allerdings kann ich mich da gerade an keinen “Konsequenzenkatalog” erinnern. Von daher magst du eventuell auch die exegetischen Argumente auf deiner Seite haben. ;-)

    Unabhängig davon bleibt die Kirche trotz allem eine Institution öffentlichen Rechts. Es würde m.E. einen sonderbar “überheiligen” Eindruck machen, wenn gesellschaftliche Verantwortung dort unter Berufung auf geistliche “Sachverhalte” anders gedeutet würde als in einer paganen Institution.

  6. Carsten meint:

    Ich finde es grundsätzlich inakzeptabel, dass überhaupt MENSCHEN in solche Ämter gewählt werden. Da ist doch ein Scheitern absehbar.

  7. Daniel meint:

    Und wenn es so ist, dass der Rücktritt die einzige Alternative war. Dann will ich mich wenigstens darüber ärgern, dass wir in so einer Welt leben… Oder ist das zu blauäugig gedacht (wie von Margot Kässmann in der Afghanistan-Frage)?

    @ Carsten: Deinen Beitrag verstehe ich (noch) nicht…

  8. Carsten meint:

    Sobald Du diesen Satz verstehst, merkst Du eventuell auch, dass Du mich im falschen Kontext zitiert hast. Dein Blogbeitrag ist fürchterlich.

  9. Daniel meint:

    Danke für die Blumen – gewohnt charmant… :-)

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