Rollenfindung

29. November 2008

Vermittler, Moderator, Zeuge, Freund, Geburtshelfer, … – es gibt jede Menge Rollen, die ein Religionslehrer an öffentlichen Schulen ausfüllen kann. Welche davon sind nötig, welche möglich, welche unmöglich?!

Zwei Impulse haben mich in den letzten Wochen weitergebracht:

  • …die Vorträge der letzten Marburger Tagung: Dieses Jahr provokanter denn je…
  • der Hinweis auf einen fiktiven, aber durchaus möglichen Kommentar eines kritischen Kollegen in der Notenkonferenz: »Wollen Sie dem Philipp wirklich ‘ne Fünf geben? Sie als Relilehrer?! Der fliegt durch damit! Sie würden dem ganz schön viel kaputt machen. Und der hat’s nicht leicht zu Hause!« Wie reagiere ich (für den Fall, dass ich vorher alles versucht habe)? Knicke ich ein? Womöglich noch, indem ich mir einrede, das sei mein persönlicher Beitrag gegen die Werkgerechtigkeit? Und wenn ich konsequent bleibe – wo bleibt dann mein spezifischer Beitrag als Relilehrer?!
  • Eure Meinungen würden mich interessieren…

     

    7 Kommentare zu “Rollenfindung”

    1. Jona meint:

      Der Religionsunterricht ist zunächst ja mal ein ganz besonderer Fall.
      Außer dem Religionsunterricht haben wir ja kein Fach, das im Grundgesetz eine Erwähnung findet.
      Nichtsdestotrotz fristet der Religionsunterricht an den Schulen häufig ein Schattendasein (das ist jedenfalls
      meine Erfahrung). Was ich damit meine ist, dass der Reli- Unterricht oftmals als „nicht so wichtig“ hingestellt wird
      (dies geschieht meiner Erfahrung nach sowohl durch Schüler, als auch durch Eltern oder sogar Lehrer).
      Woher kommt diese Geringschätzung des Reli- Unterrichts? Zum einen mag es durchaus so sein, dass manche sowieso ihre
      Probleme damit haben die Theologie als eine ebenbürtige Wissenschaft anzuerkennen. (hierbei trifft man diese Positionen
      an der Hochschule nicht so sehr bei anderen Studenten an, sondern eher bei Lehrenden anderer Fächer, die keine
      Möglichkeit auslassen gegen die Theologie zu sticheln).
      Ein anderer Punkt ist sicher, dass der Religionsunterricht eben nicht mit anderen Fächern zu vergleichen ist, weil er
      eben doch anders (und ich möchte fast sagen „mehr“) ist als alle anderen Fächer, die sonst an der Schule vermittelt werden.
      Hierzu muss man sich zunächst fragen, was will ich als Lehrer mit meinem Reli- Unterricht erreichen? Natürlich sollte
      man als Lehrer sich diese Frage immer stellen, egal welche Fächer man unterrichtet, dennoch finde ich es im
      Religionsunterricht doch noch mal etwas schwieriger. Klar im Deutschunterricht soll Lesen und Schreiben gelernt und
      geübt werden, im Matheunterricht das Rechnen usw.
      Natürlich ist der Religionsunterricht in gewisser Weise auch eine Art Oase im sonstigen Schulalltag und ich denke das sollte
      er in gewisser Weise auch sein. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass man in Reli eben nur Lieder singt, Geschichten
      hört oder bestimmte kirchliche Feste feiert. Ohne Zweifel gehören diese Dinge elementar zum Religionsunterricht dazu. Aber
      meiner Meinung nach ist der Religionsunterricht eben mehr als das. Im Religionsunterricht sollte Platz sein für den Glauben
      und das impliziert meiner Meinung nach auch, dass der Lehrer eine Art “Vorbildfunktion” hat, das soll jetzt nicht heißen,
      dass der Glaube am Beispiel erlernt werden soll, aber ich denke es ist gerade im Religionsunterricht wichtig authentisch zu
      sein und auch zu seinem Glauben zu stehen. (Das soll andererseits aber nicht heißen, dass man in anderen Fächern nicht authentisch
      sein sollte, ich denke Schüler merken so was sehr schnell, wenn man versucht in eine Rolle zu schlüpfen).
      Grundsätzlich ist der Religionsunterricht aus meiner Sicht auch deshalb so zentral, weil wir eben in einer christlich
      geprägten Gesellschaft leben und die Kinder in eben dieser Gesellschaft groß werden und die Gesellschaft eben durch ihre
      christlichen Wurzeln besser verstanden werden kann.
      Deshalb und auch insofern als Religion eben auch zum Menschsein gehört, trägt der Religionsunterricht zur Allgemeinbildung bei.
      Ich denke außerdem, dass in diesem Zusammenhang der Religionsunterricht auch eine Orientierungsfunktion bietet:
      Der christliche Glaube geht in der heutigen Gesellschaft sowohl in den Familien, als auch in der Öffentlichkeit zurück,
      hier kann der Religionsunterricht meiner Ansicht nach Brücken bauen, indem er den Kindern die Möglichkeit bietet eine andere
      Dimension kennenzulernen, existenzielle Frage zu stellen und diese auch aus christlicher Perspektive beantwortet zu bekommen
      und insofern zu einer Beschäftigung mit dem Christentum angeleitet zu werden.

      Das von dir angesprochene Thema „Notenvergabe“ ist sicher beim Reliunterricht auch ein Spezialfall:
      Ich habe auch schon gehört, dass die Reli- Lehrer quasi dazu gedrängt werden keine schlechte Noten zu geben, insbesondere
      wenn dies eine Versetzung gefährden würde. Auch scheint es so, dass allgemein die Ansicht vorherrscht, dass man in Reli
      eigentlich keine schlechte Noten geben darf. Spontan fällt mir dazu eine Textzeile von Reinhard Mey ein (den ich im
      übrigen sonst sehr schätze) bei der er im Lied „Zeugnistag“ von seinem schlechten Zeugnis singt und die Schlechtigkeit
      des Zeugnisses damit pointiert das es heißt „[....] nicht einmal eine Vier in Religion [....]“ Ich denke das gibt die
      landläufige Meinung recht gut wieder.
      Orientieren wir uns aber zuerst mal rein rechtlich an der Landesverfassung von Baden-Württemberg (Artikel 18) die
      sich auf Artikel 7 des Grundgesetzes bezieht, so müssen wir klar feststellen:
      “Der Religionsunterricht ist an den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach.”
      Ordentliches Lehrfach bedeutet, dass in dem Fach Noten verteilt werden und dass das Fach versetzungsrelevant ist.
      Das ist denke ich auch ein wichtiger Punkt, da dem Religionsunterricht dadurch eben doch ein Stück mehr ernsthaftigkeit
      entgegengebracht wird, als wenn er eine reine “Spaßveranstaltung”, also eine Art AG wäre.
      Das wäre die rein rechtliche Seite, natürlich kann man sich jetzt die Frage stellen will ich (gerade ich als Relilehrer, wie
      du richtig schreibst) wirklich diesem Schüler die Zukunft verbauen? Andererseits stelle ich mir die Frage: verbaue ich
      dem Schüler dadurch wirklich die Zukunft, ist es vielleicht nicht sogar besser für ihn die Klasse nochmal zu wiederholen?
      Solche Dinge hängen sicher vom Einzelfall ab und man muss den Schüler kennen um sich ein Bild machen zu können. Außerdem
      weist du in deinem Beispiel ja darauf hin vorher alles mögliche versucht zu haben.
      Ich frage mich an dieser Stelle warum soll ich einknicken, genauso gut könnte der Deutsch-, Mathe- oder Englischlehrer seine
      Note noch einmal überdenken, wenn es Spitz auf Knopf steht. Dennoch ist es dann so, dass der Reli- Lehrer dann “gedrängt” wird
      seine Benotung zumindest zu überdenken. Sicher ist das einerseits so, weil dem Fach in gewisser Weise die Akzeptanz fehlt, es
      herrscht eben leider nach wie vor das Vorurteil der Reli- Unterricht sei so eine Art “Kirche in der Schule”, in dem man betet und
      singt, aber irgendwie nichts handfestes lernt. Zum Anderen denke ich auch, dass es teilweise zu solchen Sprüche kommt wie
      “Nächstenliebe predigen, aber dann sowas”.
      Insofern muss man sich sicher als Reli- Lehrer verschiedene Dinge bewusst machen:
      1. Welche religionspädagogischen Konzepte sind mir wichtig?
      2. Was erwarten meine Schüler vom Religionsunterricht? (das kann sicher sehr vielschichtig sein, sollte aber meiner Meinung nach ernst genommen werden)
      3. Was erwarten die Eltern und die anderen Lehrer von meinem Religionsunterricht?
      4. Was erwartet meine Kirche von meinem Religionsunterricht?

      Wie man in der von dir geschilderten Situation als Reli- Lehrer reagieren soll, ist also meiner Meinung nach nicht ganz so
      einfach zu sagen, da es eine Menge Dinge zu bedenken gibt.
      Ich hoffe meine Ausführungen sind nachvollziehbar.
      Wie denkst du denn über die Sache?

    2. Daniel meint:

      Wow – danke für diesen (bislang längsten?!) Kommentar!!!

      Du schreibst mehrfach über die Besonderheiten des Religionsunterrichts – um dann anschließend klarzustellen, dass es in anderen Fächern eigentlich nicht anders sein sollte… Das beschreibt m.E. gut die eigentümliche “Zwischenstellung” des Religionsunterrichts.

      Ich stimme dir aber völlig zu: Wir müssen die hohe Stellung des bekenntnisorientierten (!) Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen selbstbewusst vertreten und als positive (!) Besonderheit unserer Verfassung ins Spiel bringen. Wir haben eben keinen strengen Laizismus – und das kapieren eben selbst Professoren, Rektoren, Richter usw. oftmals nicht. Persönliche Kontakte im Lehrerzimmer etc. sind dabei unumgänglich. Das trifft vor allem mich als zukünftigen Pfarrer: Schneie ich immer nur kurz rein für meine Stunden? Oder nehme ich mir richtig Zeit für die Schule?!

    3. Jona meint:

      Ja, das ist auch der Punkt den ich damit ausdrücken wollte:
      einerseits ist Reli eben ein Fach wie alle anderen auch, andererseits aber eben doch nicht (insofern gefällt mir das von dir verwendete Wort “Zwischenstellung” hier sehr gut). Das ist auch der Punkt was es so schwierig macht.
      Ich denke aber sich diese Problematik bewusst zu machen, ist ein erster großer Schritt den man als Relilehrer oder auch als Pfarrer, der Reli unterrichtet machen muss.

      Und wie ich oben auch schon geschrieben habe: ich denke es ist wichtig dass wir bekenntnisorientiert unterrichten, denn wir unterrichten kein Religionskunde (oder wie Lachmann es formulieren würde “allgemeiner Religionsunterricht).
      Wie dieser Religionsunterricht dann konkret aussieht, ob er beispielsweise eine eher ökumenische Ausrichtung hat oder nicht, das wäre dann ein anderes Thema über das man sicher auch wieder diskutieren kann.

      Zu deinen Gedanken des Pfarrers an der Schule: Natürlich wäre es sicher wünschenswert wenn der Pfarrer eben nicht nur für seine Reli-Stunden an der Schule ist, ich stelle mir aber die Frage ob das zeitlich möglich ist. Schließlich hast du als (zukünftiger) Pfarrer eben auch noch andere Aufgaben als den Religionsunterricht.
      Was mich aber noch interessieren würde ist, inwiefern das Thema Religionspädagogik allgemein, als auch speziell Religionsunterricht an Schulen ein Thema im Theologiestudium, als auch im Vikariat spielt?

    4. hannes meint:

      Hallo,
      ich kann mich euren Meinungen nur anschließen; wenn man Religion als “ordentliches Lehrfach” ansieht, und so geschieht es ja von staatlicher Seite aus, sollte es auch wirklich ernst genommen werden und nicht etwa bei der Notenvergabe eine besondere Rolle spielen sollen.
      Dass das Fach Religion aber oft im Lehrerkollegium oder an den Hochschulen nicht wirklich ernst genommen wird, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass es sehr oft fachfremd unterrichtet wird. So habe ich schon in einigen Praktikas erlebt, dass Religion halt zusätzlich noch vom Klassenlehrer unterrichtet wurde weil dies als am unproblematischten angesehen wurde. Auch gibt es an den PHs sehr viele Studenten die Religion als drittes Fach nur studieren, weil es ihr Fächerverbund verlangt und sie halt irgendwann mal getauft wurden und somit also Religion als Fach wählen dürfen. Ob sie dann mal “gute” Relilehrer werden, die in ihrem Fach wirklich etwas vermitteln wollen, ist meiner Meinung nach sehr fraglich…

    5. Jona meint:

      Sehr wichtiger Punkt, Hannes:
      Du hast Recht, dass an den PHs viele Reli “nur so” als drittes Fach studieren, weil sie eben noch ein drittes Fach machen müssen, nicht genau wissen, was sie machen sollen (und “so ein bisschen Reli kann doch jeder machen”). Das Reli dabei an der PH in allen Fächerverbünden vertreten ist, erleichtert diese Entscheidung natürlich.
      Ich denke nicht, dass es eine gute Voraussetzung ist aus dieser Motivation heraus Reli-Lehrer zu werden und insofern kann man den Reli-Dozenten hier an der Freiburger PH auf jeden Fall zugutehalten, dass sie durch ihre “harte Selektion” dafür sorgen, dass nur die Reli studieren, die es wirklich studieren wollen.

      Dass Reli fachfremd unterricht wird, hab ich dagegen noch nie gehört. Das kann ich mir bei jedem Fach an der Schule vorstellen, aber nicht bei Reli.
      Um nämlich Reli überhaupt unterrichten zu dürfen muss man (zumindest hier in Baden-Württemberg) die “missio” bzw. bei uns evangelischen die “vocatio” haben, also die kirchliche Lehrerlaubnis. Deshalb ist beispielsweise bei jeder Staatsexamensprüfung in Theologie auch immer ein Vetreter der jeweiligen Landeskirche anwesend (bzw. bei Affinfächlern im Kolloqium in Modul 2).

    6. hannes meint:

      es mag sein, dass man offiziell religion nur mit kirchlicher lehrerlaubnis unterrichten darf. wie das dann in der paxis aussieht, ist eine andere geschichte…

    7. Daniel meint:

      …stimmt. Sonst dürfte es ja auch nicht sein, dass Kinder, die nicht am Reliunterricht teilnehmen, in derselben Zeit kostenlosen Förderunterricht bekommen…

    Deine Meinung?!