Rechts, links, mittendrin…

23. Juli 2007

Ganz Tübingen war in Aktion – und das schon Tage vorher… Für Samstag, den 21. Juli hatten die »Jungen Nationaldemokraten« – derart euphemistisch bezeichnet sich die Jugendorganisation der NPD – eine Kundgebung in Tübingen angekündigt. Alle Versuche, den Aufmarsch zu verhindern, liefen ins Leere: Am 19. Juli gab das Verwaltungsgericht Sigmaringen grünes Licht für den Spuk.

Das Motto der Aktion war bewusst provokant gewählt: »Tübingen rocken – Antifa stoppen«. Oder so ähnlich. Aus Sicht der Nazis gab es also von vornherein nur einen echten Gegner – eben die radikalen linken Autonomen. Gut, die gibt es auch in Tübingen.

Dementsprechend pikant war es, als »ganz normaler« Bürger mit dabei zu sein – und nicht weniger entschieden gegen rechtsextremes Gedankengut zu demonstrieren. Was ich zusammen mit einigen anderen Studierenden aus dem Bengelhaus getan habe (siehe Transparent). Insgesamt kamen zur Gegenveranstaltung – und zum eigens ausgerufenen Tübinger Bürgerfest – über 10.000 Personen. Beeindruckend!

Sehr angetan war ich von Tübingens »grünem« Oberbürgermeister Boris Palmer. Der sprach sich einerseits klipp und klar für ein Verbot der NPD aus und stellte fest: »Ihr wollt keine Nazis in Tübingen – ich auch nicht.« Andererseits wies er auf das gerichtliche Urteil hin – und verlangte von den Gegendemonstranten, den Aufmarsch der NPD-Jugendlichen – genehmigt waren 500 Meter vom Bahnhof bis zur Hauptpost – mit lautstarken Pfiffen zu begleiten, aber eben doch zuzulassen. »Wenn es Schlägereien gibt, dann muss die Polizei eingreifen, weil sie die Verfassung schützen muss. Und genau das wollen die Nazis – dann haben sie gewonnen.« Eben.

Ganz anders dann die nachfolgenden Sprecher, u.a. die Chefin der Linkspartei, Heike Hänsel: »Ich fordere euch auf, den Aufmarsch der Nazis nicht zuzulassen.« Auf Deutsch: Ich will, dass Ihr Gewalt anwendet. Die können wir anschließend immer noch der bösen Polizei in die Schuhe schieben.

Über diese destruktive Position – die von einem Großteil der Anwesenden geteilt wurde – habe ich mich geärgert. Klar – die Genehmigung des JN-Aufmarschs hat deutliche Grenzen unserer Demokratie aufgezeigt. Aber das ist kein Argument für Gewalt. Und, dieses spontane Gedankenspiel sei in einem Blog erlaubt: Was wäre, wenn solche Aktionen nie in der Öffentlichkeit stattfinden würden? Dann kämen wir nachher noch auf den Gedanken, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit seien gar kein Problem mehr bei uns. Und das ist mitnichten der Fall. Mich hat der makabre Anblick dieser kaum 20jährigen brüllenden Nazis neu motiviert, jeder Form von Faschismus ein entschiedenes »Nein!« zu entgegnen. Gerade als Christ. Und im Sinne einer richtig verstandenen Toleranz. Ertragen (lat. »tolerari«) muss und darf man nämlich nicht alles.

Es gab brenzlige Szenen, auch ein paar Festnahmen. Aber schlussendlich blieben die Nazis dann doch am Bahnhof stehen – und fuhren bald wieder ab. Gott sei Dank – so muss und darf man es wohl ausdrücken. Ich hoffe, dass nicht nur die Angst vor linksextremer Gewaltanwendung dazu geführt hat – sondern das Bewusstsein, dass rechtsextreme Gedanken keinen Platz haben in unserer Stadt.

 

5 Kommentare zu “Rechts, links, mittendrin…”

  1. hannes meint:

    ich war auch sehr beeindruckt von der menge die sich versammelt hat, am samstag auf dem europaplatz.
    ich würde die gegendemonstation als einen erfolg sehen. es ist gelungen, dass die nazis nur einen teil ihrer gewollten strecke zurücklegen durften. außerdem ist es zu keinen gewaltätigen auseinadersetzungen zwischen beiden lagern gekommen. trotzdem erschien es der polizei wohl zu riskant, die nazis direkt an der gegendemo vorbei zulassen. dies lässt sich wohl auf die doch angespannte atmosphäre zurückführen. anschließend kam es wohl zu gerangel zwischen den nazis und der polizei, da diese den stopp der demo nicht akzeptieren wollten. so hab ich das auf jeden fall gesehen.
    ich stand sehr weit vorne. dort gab es neben SEHR vielen friedlichen demonstanten aber auch einige, bei denen ich mir nicht sicher gewesen bin, wie sie sich verhalten hätten, wenn die nazis nahe gekommen wären.

    ich freue mich sehr, dass sich tübingen am samstag als eine weltoffene, tolerante stadt gezeigt hat, der es gelungen ist weitgehend friedlich zu zeigen, was sie von rechtem gedankengut hält.

  2. Daniel meint:

    …yep – das stimmt! Tübingen kam auf jeden Fall ganz groß raus am Samstag. :)

  3. Dave meint:

    danke für den bericht. interessant zu lesen (nachdem ich nach den medienberichten schon dachte: “wow. tübingen. jetzt werden die schwaben doch noch bekannt. ;) )

  4. Pascal meint:

    Auch wir waren an der gegen Demo am Samstag. Wir waren sehr beeindruckt was Tübingen da auf die Beine gestellt hat. Leider wurde die Demo durch falsche Informationen wie z.B. die Aufforderung an die Polizei, gegen das Tragen der verbotenen Reichskriegsfahne einzuschreiten beeinflusst, und haben die Menge nur unnötig angeheizt.

  5. Ingo meint:

    Echt interessant, was sich da in meiner alten Unistadt so alles abspielt :)

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