Raum-Fragen

17. Juni 2012

Im Gottesdienst …

… will ich Nähe erfahren, und Berührung. Innerlich, aber gerne auch äußerlich. So wie beim Abendmahl, wenn wir uns gegenseitig die Hand geben. Wir sind doch Brüder und Schwestern, hier in der Kirchengemeinde!

… kann ich es nicht haben, wenn man mich einfach so anspricht. Schon gar nicht kann ich es leiden, wenn man mich nach vorne in die ersten Reihen bittet. Ich brauche halt die Distanz, um in Ruhe für mich nachdenken zu können.

Was hier an einem Beispiel konkret zugespitzt wird, bringt Joseph R. Myers in seinem lesenswerten Buch »The Search to Belong« allgemein auf folgende These: Menschen leben und interagieren in vier verschiedenen Räumen. Grob unterscheiden kann man …

  • … den öffentlichen Raum, …
  • … den sozialen Raum, …
  • … den persönlichen Raum, …
  • … und den intimen Raum.
  • In allen vier Räumen erfahren Menschen Zugehörigkeit, nur eben auf völlig unterschiedliche Weise. Begegnung in der Fußgängerzone ist etwas anderes als im Stadion als bei einer Geburtstagsfeier als im Ehebett. Aber alle vier Formen von Zugehörigkeit und Begegnung sind gut und notwendig. Sich ausschließlich im sozialen Raum oder auschließlich im intimen Raum zu bewegen, – das kann gerade nicht das Ziel sein.

    Auch Christen brauchen und nutzen in ihrem Glauben – natürlich – alle vier Raum-Arten. Das Spannende ist aber: Sie suchen und erwarten sie an unterschiedlichen Orten. Im Gottesdienst etwa will die eine Person Intimität, die andere Öffentlichkeit. Beide Wünsche sind legitim. (Myers nennt als Beispiel die Erzählung in Matthäus 8,5-13: Jesus drängt dem Hauptmann von Kapernaum keinen persönlichen Hausbesuch auf, … sondern ermöglicht ihm auch im öffentlichen Raum Begegnung!) Und die Kunst für Kirchengemeinden – aber auch alle anderen Sozialsysteme – besteht vermutlich darin, die richtige Mischung zu haben … und in manchen Formaten (wie etwa dem Gottesdienst) auf eine Art Binnendifferenzierung zu setzen.

     

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