Rahmen statt Rangliste

2. Juli 2013

Vorgestern war ich vor die Herausforderung gestellt, zu Lukas 14,25-33 zu predigen. Und den markanten einleitenden Vers:

Wenn jemand zu mir kommt [gemeint ist Jesus] und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger [bzw. meine Jüngerin] sein.

Klar wird hier sprachlich übertrieben. Und dennoch geht es um eine Art Gewichtung: Verglichen mit der Liebe zu Jesus sollen alle anderen Beziehungen und Bezüge in den Hintergrund treten.

Mir kam gleich die klassische Rangliste in den Sinn, auf die man in diverser christlicher Literatur stößt: »Erst Gott, dann Partner(in), dann Familie, dann Gemeinde, dann Hobbies, …« (Oder kam die Gemeinde gar noch früher??) Offen gestanden: Das hat mir immer ein bisschen Angst gemacht. Und vor allem habe ich mich gefragt: Wie will man das eigentlich messen? Soll ich länger mit Gott beten als mit meiner Freundin reden? Kann man Liebe zur Gemeinde und Liebe zum Fußball überhaupt miteinander vergleichen? Gehört nicht all das zusammen zum Leben, das Gott mir gönnt? Und ist eine Rangliste nicht arg statisch?

Ein besseres Bild ist vielleicht die Vorstellung eines Rahmens: Jesus Christus wird zum äußeren Rahmen meines Lebens. Und in diesem Rahmen hat alles andere Platz. Ohne dass ich mir um seine Bedeutung große Sorgen machen müsste. Wobei es gut möglich ist, dass manches von alleine unwichtig(er) wird oder gar ganz verschwindet. Vielleicht ganz von selbst, ohne dass ich verkrampft darüber nachdenken muss. Wir Christen leben »in Christus«, hat Paulus an zig Stellen formuliert. Ob man sich das ganz anschaulich vorstellen kann?

 

8 Kommentare zu “Rahmen statt Rangliste”

  1. Christoph meint:

    Heiho, Daniel!

    Die Bibelstelle wörtlich zu nehmen würde sich auch mit einem Teil der 10 Gebote ziemlich beissen. Ihr habt da offensichtlich einige harte Stellen zum Predigen bekommen (auch die Sache mit der bleibenden Stadt ist nicht einfach; Du weißt schon, das Fleckenfest….).

    Grüße,
    Christoph

  2. Steffen meint:

    Ja, “in Christus” zu leben ist ja durchaus radikal.
    Vor die Wahl gestellt, sollte Christus immer den Ton angeben.
    Und der ist nicht immer nur nett, sondern der kann auch mal klar und deutlich sein.
    Beispiel: Lieber keinen Kontakt zu den Eltern oder zu leiblichen Geschwistern, sollten diese den Glauben an Christus ablehnen.
    Dann schon eher die Gemeinde.
    Beispiel: Lieber selbst leiden und sich hassen, als der Versuchung nachzugeben etc…
    Das “Folge mir nach” ist letztlich die Herauslösung aus der alten Gebundenheit.
    Ohne sie keine echte Freiheit. Und die will Jesus für die Seinen.
    Zuerst Christus, dann… Das stimmt schon.
    “Und in diesem Rahmen hat alles andere Platz.” sehe ich nicht, denn was nicht dem Evangelium dient, hat darin eben keinen Platz.
    (nach dem Motto: “Prüfet alles, das Gute aber behaltet…”)

    Nach wie vor ist es wohl das “Bild” des Königs, welches auf Jesus zutrifft.
    Das bekennen wir ja auch, indem wir sagen: “Wir glauben an unseren Herrn.”
    Schließlich gehören wir ihm und nicht uns selbst.

  3. Heinrich meint:

    Ich gebe dir Recht, Daniel, diese Rangfolgen haben mir persönlich auch nie etwas gebracht. Das mit dem Rahmen finde ich eigentlich sehr passend. Die Jesus-Nachfolge durchdringt doch unser ganzes Leben und teilt es nicht etwa in Zeiten mit Gott und ohne Gott ein! Der genannte Predigttext betrifft m.E. (Konflikt-)Situationen, in denen z.B. Familienangehörige dir die Jesus-Nachfolge ausreden wollen oder dich gar unter Druck setzen. Dann heißt es: stark sein im Geist (und trotzdem ein weiches Herz behalten) und nicht die Liebe zu Jesus und zum Vater aufgeben.

  4. Steffen meint:

    “Dann heißt es: stark sein im Geist (und trotzdem ein weiches Herz behalten) und nicht die Liebe zu Jesus und zum Vater aufgeben.”

    Sehr schöner Satz.
    Trifft die Aussage Jesu, denn die Beziehen sich ja immer auch auf die Liebe zu denen, die wir “hassen”.
    Wir leiden gewissermaßen mit, wenn jemand Jesus nicht kennen möchte und wir uns dann von ihm “trennen” müssen, weil wir einem anderen gehören.

  5. Heinrich meint:

    @Steffen, ich muss das Kompliment weiterreichen, ich hatte nämlich folgendes Zitat im Hinterkopf:

    “Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben”.

    Dieser Satz von Jacques Maritain muss Sophie Scholl sehr bewegt haben, denn sie zitierte ihn mehrmals in ihren Briefen.

  6. Steffen meint:

    Ja, so sehe ich es auch und mein Vorbild dabei heißt Dietrich Bonhoeffer.
    Das ist der Preis der Nachofolge über den Daniel predigte, nicht weniger.
    “Alles” hat da wohl nicht Platz drin, denn wenn es sein muss, dann kann das auch heißen, sein Leben zu lassen und aus eben dem “Rahmen” auszusteigen.

  7. Daniel meint:

    Nee, aus dem »Rahmen« Jesus Christus ist Bonhoeffer doch gerade nicht gefallen! Aber Leib und Leben hat er aus dem Rahmen geschubst, das stimmt. Und es ist richtig, dass es auch Momente gibt, in denen eine klare Entscheidung, eine Zäsur gefragt ist. Das hätte ich in meiner Predigt noch deutlicher betonen können. In unserem (westlich-komfortablen) Alltag ist aber das andere typischer, denke ich: Durch Christus verändern wir uns unbewusst so, dass manches ganz automatisch aus dem Rahmen fällt.

  8. Steffen meint:

    So sind wir wieder sehr dich beieinander, sehe ich.
    Natürlich fiel nicht Bonhoeffer aus dem Rahmen, aber er steckte diesen deutlich ab und entschied dann, was da rein passt und was nicht.
    So, denke ich, ist Nachfolge ja auch gemeint: Entscheide dich immer zuerst für das, was Christus uns lehrt. Das kann dann und muss manchmal sehr weh tun…
    “Automatismus” sehe ich da aber (noch) nicht. Ich sehe eher den schweren Weg der eigenen Entscheidung.

    Sorry, ich bezog den “Rahmen” zuletzt wohl auf die gesellschaftlichen Verhältisse.
    Du meintest aber nat. den Christusrahmen.

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