Radikal lieben

30. Dezember 2014

Auch Heinrich Bedford-Strohm hat sich inzwischen zu »PEGIDA« geäußert – klar und zugleich differenziert, wie ich finde. Dass es dem neuen EKD-Ratsvorsitzenden nicht zuletzt darum geht, die eigentlichen Probleme hinter den Protesten zu verstehen und zu bearbeiten, scheint ein Großteil seiner Kritiker(innen) aber nicht wahrgenommen zu haben. In teils erbärmlicher Wortwahl zieht man über den neuen Gegner her.

Auffallend oft entzündet sich der Ärger dabei an Bedford-Strohms Bestätigung, Christen müssten auch die IS-Kämpfer lieben:

Sie sollten sich in ihrer Position in Grund und Boden schämen, dazu aufzurufen gefallene Schlächter und Vergewaltiger des IS zu lieben!! Pfaffe!!! (Facebook-Kommentar)

Wir müssen Mörder und Vergewaltiger lieben? Ein klares Nein zum IS bzw. ISIS! Die evangelische Kirche macht es einem sehr schwer, weiterhin seine Kirchensteuer zu bezahlen, wenn man so etwas über die Terroristen und Massenmörder erzählt. (Facebook-Kommentar)

Sie verunglimpfen Pediga-Demonstranten, verniedlichen eine mörderische arabische Ideologie und finden, dass ein toter IS-Kämpfer Anlass zu Trauer ist! Was für eine IRRE Weihnachtsbotschaft! (Facebook-Kommentar)

… und ich frage mich: Was soll Jesus eigentlich sonst gemeint haben mit seiner berühmten Aufforderung: »Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen«?? Und was ist fundamentaler für den christlichen Glauben als die Unterscheidung zwischen Person und Werk – also dem, was ein Mensch ist, und dem, was er tut?

Natürlich kann man das doof finden. (Leicht ist es sowieso nicht.) Niemand muss versuchen, diesem Jesus nachzufolgen. Aber vielleicht sollte man dann auch ehrlicherweise aufhören, vom »christlichen Abendland« zu schwadronieren. Oder Weihnachtslieder zu singen.

 

4 Kommentare zu “Radikal lieben”

  1. Roland meint:

    Präzise, entwaffnende und sehr schöne Worte zu einem traurigen Thema. Von Bedford-Strohm, noch mehr aber von dir. Ein toller Blog-Eintrag!

    Mir schaudert vor dem Tag, an dem ich PEGIDA-Anhänger hier in Wien durch die Straßen ziehen sehen werde.

  2. Christoph Breit meint:

    In der Tat Daniel, klare Worte! Problematisch ist übrigens auch die zuspitzende Überschriften Setzung von Zeitungen. Wenn die Zeit titelt “EKD Chef: Pegida ist “unerträglich”" dannberuht das auf einer Aussage von Bedford-strohm die genau diese Feindes- und Nächstenliebe konkretisiert … und so sich liest wie persönliche Missachtung. Die theologische Dimension verschwindet dann hinter angeblicher Antipathie.

    Auch deswegen Danke für deinen theologischen Kommentar.

    Christoph Breit, Pressestelle ELKB Social Media

  3. Daniel meint:

    … das ist wohl wieder das alte Problem: Wie schaffen wir es mit explizit theologischen Aussagen in die Medien …?!

  4. Steffen meint:

    Die Frage geht nach meiner Meinung noch viel tiefer : “Wie kann es gelingen, plausibel zu erklären was das heißt : “christlich” und warum das nie GEGEN andere Menschen gerichtet sein kann?
    Damit hatten ja bekanntlich schon die ersten Jünger im Garten Gethsemane so ihre Probleme.
    Mich macht diese Dummheit und die dahinter aufkeimende Herzenshärte sehr traurig und ich hoffe, die EKD findet mehr klare und auch fürs Volk verständliche Worte.

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