Predigen oder plaudern?

17. Mai 2010

Er ist schon ein paar Wochen her – der »Schnupper-Workshop Radioandachten« im Evangelischen Medienhaus. Aber richtig gute Seminare sind ja nachhaltig. Und das gilt auch in diesem Fall.

Radio läuft heutzutage nebenher – nicht selten als Ersatz für »echte« Gespräche. Soll heißen: Niemand will von seinem Radio angepredigt werden – und damit meine ich jetzt allein den Tonfall. Erwartet wird ein freundlicher (und dann trotz der Distanz persönlicher, wenn nicht gar vertrauter) Plauderton. »Stellen Sie sich vor, Sie erzählen das jemandem nebenher beim Abwaschen!«

Gar nicht so einfach, das umzusetzen – wenn man erst mal am Mikrofon steht… Zumal als Prediger. Aber: Würden nicht auch unsere »ganz normalen« Predigten gewinnen…ohne die klassische Predigerstimme? Die klingt nämlich oft so, als müsse sie neben der räumlichen auch eine inhaltliche Distanz überwinden. (Den Eindruck hatte ich auch beim gestrigen Kirchentags-Schlussgottesdienst ein-, zweimal.)

»Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben«, hält Ernst Lange dagegen. »Predigen ist doch noch viel, viel mehr!«, protestiert der Theologe in mir. Stimmt. Aber: Wie viele entscheidende Erkenntnisse sind mir ausgerechnet am Küchentisch gekommen, beim »ganz normalen« Gespräch mit Freunden? Und könnte uns dann was Besseres passieren, als dass die Kanzel ab und zu zum Küchentisch wird? Predigen oder plaudern – vielleicht sollte das gar keine Alternative sein…

 

10 Kommentare zu “Predigen oder plaudern?”

  1. Tobi meint:

    Ich fände wichtig, dass “plaudern” auch auf der Kanzel impliziert, dass man neben der räumlichen und inhaltlichen Distanz auch keine persönliche Distanz aufbaut. Soll heißen: Radioandachten werfen wie mir gesagt wurde wohl besonders Feedback ab (die betreffende Person kennt sich damit aus, ist schon lange in dem “Geschäft” ;-) – und eine andere Möglichkeit, als das Feedback wahrzunehmen, gibt es bei Radioandachten ja nicht, um wenigstens einigermaßen die “Wirkung” in den Blick zu bekommen), wenn sie als subjektive Glaubenszeugnisse bzw. -aussagen wahrgenommen werden, also das gute alte “Ich” in der Predigt. Gerade hier wäre auch die Chance des Plauderns, das ja am Küchentisch und beim Abwasch auch stark subjektiv, manchmal vlt. sogar, da zu plastisch, theologisch gar nicht mal soo korrekt. Aber das Bemühen, ja in kein theologisches Fettnäpfchen zu treten führt auch gerne dazu, überhaupt nichts mehr zu sagen zu haben …
    Bei einer Sache muss ich dich leider ausnahmsweise kritisieren: Du kannst es dir wahrscheinlich schon denken, denn leider trittst du mit deiner Langekritik in dasselbe Fettnäpfchen wie Rudolf Bohren: Zum einen ist das Langezitat verkürzt, zum anderen nicht in seinem Gesamtkonzept wahrgenommen worden. Das Leben ist das Lange das Leben “vor Gott”. Zudem sind Langes homiletischen Überlegungen das Ergebnis seiner “liturgischen” Überlegungen, die nichts anderes sind, als das Starkmachen des “Gottesdienstes im Alltag”, also enorm auf eine “Alltagsfrömmigkeit” zielen. Die Transzendentalität ist also auf jeden Fall gewahrt. Das wollte aber, wie erwähnt, auch Bohren schon nicht wahrhaben ;-) Und zugleich frage ich mich: Was gibt es mehr, als von dem alltäglichen Wirken Gottes im Leben des Menschen zu reden?

  2. Daniel meint:

    Du darfst mich nicht nur »ausnahmsweise« kritisieren! :-)

    Die Reaktion auf’s Lange-Zitat war allerdings eher ironisch gemeint…und wird ja anschließend relativiert. Also doch nix mit kritisieren…in diesem Punkt. ;-)

    Liebe Grüße – frohes Lernen!

  3. Tobi meint:

    Die Kritik bezieht sich im Grunde ja auch eher auf Bohren, der das Lange-Zitat im Grunde ebenso verkürzt hat wie du, weswegen die Kürzung schon kritisiert werden kann ;-)

    Was ich noch schreiben wollte: Nichts gegen unsere katholischen Geistlichen, aber bin ich die einzige Person, der bisher aufgefallen ist, dass diese gerne auch im alltäglichen Leben (bzw. eben das, was man sie in den Medien sprechen hört) in dem abgedrehten Singsang sprechen, den sie sich wohl auf der Kanzel oder im Priesterseminar angeeignet haben? Da stellen sich mir immer die Nackenhaare auf.

  4. Carsten meint:

    Lange Bohren führt in der Regel zu Kopfweh. (Ich glaube solch tiefe wie treffende Sätze werden in der heutigen Predigtkunst übermäßig positv zensiert, auch wenn sie zur Debatte mal wieder nichts beitragen, wie das so oft bei mir der Fall ist.)
    Viel mehr verdanke ich Daniels Beitrag eine interessante Idee für die “Gottesdienstwerkstatt”: Warum nicht die Kaffeetischatmosphere im Kirchenraum schaffen, den Altar durch einen Küchentisch ersetzen, einen Happen Brot dazu, ein Glas Wein, Salzstreuer und Licht… und sich beim Essen über Gott, die Nachrichten, die Nachbarn und über sich selbst reden? Mehr als 5 Leute kommen bei mir zu Hause eh nicht zum Gottesdienst.
    Ich denke darüber nach, und zwar ironiefrei. Ich meine das so.

  5. Tobi meint:

    @Carsten: Dann würde ich dir empfehlen, Lange zu lesen. Der hat so Zeug schon vor 50 Jahren angepeilt (Stichworte wären runder Tisch, Teestunde usw.). Natürlich nicht im Wohnzimmer, sondern schon im landeskirchlichen Gewand, jedoch in der sogenannten Ladenkirche.

  6. Carsten meint:

    Jaja, die Stichworte kenne ich. Ich habe es aber noch nie erlebt, dass solche Teestunden wirklich Stammtischatmosphere gehabt hätten, wo Tacheles geredet wird. Kaum steht man im Kirchenraum werden echte Lebensfragen ausgeklammert und Gemeindetauglichkeit geheuchelt. Es klappt einfach nicht in der Kirche.
    Warum nicht? Ich will ja nur Daniel herausfordern, in Untertürkheim mal ein BBQ im Kirchenraum zu wagen. Dann kann er nebenbei den Opferkult erläutern und die Gemeinde fragen, was es bedeutet, dass Jesu Leben ein Wohlgeruch für den Herrn war, etc.

  7. Daniel meint:

    Hmm…beim Emmaus-Glaubenskurs ist uns das stellenweise gelungen glaube ich: Ich meine, über echte Lebensfragen zu sprechen… Vielleicht deswgen, weil wir explizit auch unsere Zweifel thematisiert haben? Und dabei gab’s zum Imbiss gar nix Gegrilltes…

  8. birgit meint:

    Ich hab neulich so etwas Ähnliches erlebt: die 7 üblichen alten Damen und der 1 übliche alte Herr wollten so gern eine Predigt zu dem Kreuz in ihrem Gottesdienst-Gemeindesaal haben. Darauf sitzen und stehen viele an Tischen – in der Mitte der Auferstandene (vgl. Lk 13). Ich habe nur eine winzige, meditative Betrachtung gemacht: Wo bist du? Stehst du? Sitzt du? Etc. Und dann die Lieben befragt – es war atemberaubend, kann ich euch sagen!

  9. birgit meint:

    @Carsten: ich glaube, es klappt dann, wenn wir nicht schon meinen, eh alles zu wissen.

  10. Tobi meint:

    Sich selbst zurückzunehmen (oder erst gar nicht zu wichtig nehmen) ist ein feiner Punkt [der Erkenntnis]. Die Frage ist nur: Kann man den selbst herbeiführen?

    Ich glaube, ich werde meine Arbeit zum 2. Examen unter folgendem Titel schreiben: “Bier, Fußball, Grill – Elemente kirchlicher Männerarbeit” …

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