Freigesprochen!

10. Januar 2016

Gottes Wort für diesen Altjahrsabend hören wir aus dem Römerbrief, aus Kapitel 8. Da landen wir in einem Gerichtssaal. Und wir platzen mitten hinein in eine Gerichtsverhandlung. Der Verteidiger hält gerade sein Plädoyer:

[…] Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben — wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht [Psalm 44,23]: ‚Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.‘ Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,31b-39)

… irgendwie ist das eine merkwürdige Gerichtsverhandlung.

Das Thema ist ernst. Es steht ganz viel auf dem Spiel. Um Verdammnis geht es. Um Scheidung. Das alles droht.

… und zugleich scheint schon längst festzustehen: Die Sache geht gut aus. Die Grundstimmung ist zuversichtlich, fast triumphal.

… aber der Reihe nach. Schauen wir uns erst mal um in diesem Gerichtssaal. Wer ist da eigentlich beteiligt?

Da ist zunächst die Anklagebank. Auf ihr — die Angeklagten. An einer Stelle werden sie näher beschrieben: »die Auserwählten Gottes«. Und damit ist den neutestamentlichen Briefen niemand anderes gemeint als … die Christen. Die Christen damals in Jerusalem oder Rom — und die Christen heute in Stuttgart oder Murr.

Wir also, liebe Mitchristen, sitzen heute, am Altjahrsabend 2015, auf der Anklagebank. Und wir hören: Es gibt Ankläger, die uns beschuldigen. Die uns verdammen. Die uns scheiden wollen von der Liebe Christi.

Wer sind diese Ankläger? Sie treten ganz unvermittelt auf, einer dicht nach dem anderen: »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?«

Da ist die Trübsal. Also eine Lebenshaltung, die in allem nur mit Schwierigkeiten rechnet: »Das bringt ja eh nix …« — »Was kann man da schon machen?« Wenn uns die Trübsal packt, dann packen wir nichts mehr an. Dann versäumen wir es, mit Mut und Gottvertrauen unser Leben zu gestalten. So will sich die Trübsal zwischen uns und Gottes Liebe schieben.

Aber auch die Angst klagt uns an. Die Angst kann übergroß und mächtig werden. Und dann dreht sich das Leben nur noch um das, was Angst macht. Um die Krankheit, die schlechten Noten, den Abschied von lieben Menschen, den streitsüchtigen Arbeitskollegen oder Geldsorgen. Auch die Angst will Gott zur Seite drängen, uns von ihm trennen.

Dann kommen Verfolgung oder Hunger oder Blöße. Drei Begriffe für menschenunwürdige Armut. Global gesehen sind das vielleicht die schlimmsten Ankläger der Menschheit. Wir können Welten bewegen, aber die Güter der Erde können wir nicht gerecht verteilen. Und wenn Menschen zu uns fliehen vor Verfolgung oder Hunger oder Blöße, dann haben wir Angst um den Wert unserer Grundstücke. »Handelst du nach Gottes Liebe?«, lautet hier die Anklage. »Oder weißt du nicht, was Gottes Liebe ist?«

… und dann die letzten beiden Mächte auf der Anklagebank: Gefahr oder Schwert. Also die Gewalt in all ihren Facetten. Auch davon hatten wir 2015 genug auf unserer Welt. Beginn und Ende lagen in Paris, mit den grässlichen Anschlägen dort. Dazwischen der Todesflug in die französischen Alpen. Die immerwährenden Bürgerkriege. Aber auch die Gewalt in unserem »ganz normalen« Alltag. Gefahr und Schwert klagen an, indem sie fragen: »Kann es einen liebenden Gott geben, wenn all das passiert?«

Wenn wir unser persönliches Jahr 2015 vorbeiziehen lassen, dann fallen uns noch andere Dinge ein, die gegen uns gesprochen haben, die uns anklagen, von Gottes Liebe trennen möchten.

Auch wir als Kirchengemeinde sind angeklagt. 19 Bestattungen hatten wir dieses Jahr. 19mal hat uns also der Tod gefragt: »Wo ist jetzt euer Gott mit seiner Liebe?« Und 26 Gemeindeglieder haben wir durch Austritt verloren. Viele haben das kombiniert mit ihrem Herzug — aber es waren auch langjährige Gemeindeglieder mit dabei. Hätten wir es ändern können? Hätten wir ihnen Gottes Liebe besser zeigen können? Könnten wir einladender sein hier in Murr? Auch das sind Fragen von der Anklagebank.

Die Bank der Ankläger ist also gut gefüllt. Sie hat Gewicht. Sonst gäbe es ja auch gar keine Gerichtsverhandlung. Und das Thema ist ernst. Es steht ganz viel auf dem Spiel. Wir sollen verdammt werden. Geschieden von der Liebe Gottes.

… aber was ist nun mit diesen mächtigen Anklägern in unserem Predigttext?

… sie kommen gar nicht richtig zu Wort. Sie kommen nur vor in der Rede des Verteidigers.

Der Verteidiger, das ist im Römerbrief der Apostel Paulus. Paulus, der sitzt zusammen mit uns Christen auf der Anklagebank. »Wir«, sagt er immer wieder. Wir sind gemeinsam angeklagt. Aber Paulus steht auf. Und ist zugleich unser Verteidiger.

… und was für einer! Im Brustton der Überzeugung hält Paulus sein Plädoyer. Eine rhetorische Frage nach der anderen schleudert er in den Gerichtssaal. »[W]er kann wider uns sein?« — »Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?« — »Wer will verdammen?« — »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?« — »Wer, bitteschön? Will jemand was sagen?« Dann ruft er die Ankläger auf, von denen wir es hatten. Aber er serviert sie sofort wieder ab. Er führt sie höhnisch vor. Und gibt dann endlich die triumphale Antwort auf seine große Frage. Nämlich: »[Niemand kann] uns scheiden […] von der Liebe Gottes«!

Das Ergebnis dieser Gerichtsverhandlung steht für Paulus schon längst fest. »[Niemand kann] uns scheiden […] von der Liebe Gottes«!

Warum weiß das Paulus das?

… er weiß es, weil er den Kopf hebt. Und dem Richter in die Augen blickt. Paulus kennt Gott, der die Fäden in der Hand hat. Und Paulus kennt das höchstrichterliche Grundsatzurteil: Freispruch in Jesus Christus. Wir sind freigesprochen.

Paulus weiß: Gott, der Richter, ist nicht neutral. Denn in Jesus hat er sich schon längst auf unsere Seite gestellt. »Der auch seinen eigenen Sohn […] für uns alle dahingegeben [hat] — wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« Unser Gott legt sich in eine Futterkrippe. Er stirbt an einem Kreuz. Er verlässt das Grab. An dieser Liebe rüttelt nichts und niemand.

… oder nochmal anders formuliert: »Gott ist hier, der gerecht macht.« 1.500 Jahre wird Martin Luther in Sätzen wie diesen und überhaupt im Römerbrief das Evangelium entdecken: Gott fordert keine Gerechtigkeit von uns. Er schenkt sie uns. Mit ihm sind wir schon gerecht.

Wir sollen und wir müssen unsere Ankläger ernstnehmen. Sie haben uns dieses Jahr das Leben schwer gemacht. Aber von Gott und seiner Liebe trennen können sie uns nichts.

… und noch mehr: Sogar aus Trübsal, aus Angst, aus Verfolgung oder Hunger oder Blöße, aus Gefahr oder Schwert — sogar aus all dem kann Gott noch etwas Gutes machen. Weil er mitten hineingeht. Jesus hat ja all das selbst durchlebt. Er sitzt mit uns auf der Anklagebank. An unserer Seite. An unserer Stelle. Genau da ist er uns nah.

Mit diesem Zuspruch gehen wir jetzt, am Altjahrsabend, in das neue Jahr. Freigesprochen. Fangen wir neu an. Trauen wir Gott zu, dass seine Liebe uns hält. Und sichtbar wird in uns.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Donnerstag, 31. Dezember 2015 – Altjahrsabend – um 17.00 Uhr in der Peterskirche Murr.

… mit einem großen Dankeschön an meinen ehemaligen Ausbildungspfarrer Reinhard Mayr für seinen genialen Entwurf von 2009!

Ganz oder gar nicht

5. Januar 2016

Das vergangene Jahr brachte auch den Abschied von der »ZEIT« mit sich, habe ich geschrieben. Und hatte dabei die leise Hoffnung, im neuen Jahr einfach das ebenso umfangreiche wie kostenlose Online-Angebot zu nutzen …

Heute stieß ich beim Aufräumen auf eine »ZEITmagazin«-Seite, einst ausgerissen für später … Die Vorstellung des neuen täglichen Internet-Auftritts »ZEITmagazin ONLINE«. »Schau’ ich mir demnächst mal an«, dachte ich damals.

Datum des Beitrags: 8. Mai 2014.

Lassen wir es einfach.

Weihnachten – nach Hause finden

26. Dezember 2015

»Da hinten leuchtet das Ortsschild. Es strahlt durch den Nieselregen. Ich gehe vom Gas. Gleich ist es geschafft. Die Baustelle da, die gab es letztes Mal noch nicht. Wieder manches anders geworden hier. Aber die dritte rechts, die ist es immer noch. Und da ist das Haus mit dem imposanten Lichterschmuck. Wie hießen die nochmal? Das Radio ist inzwischen aus. Der Wagen schleicht die letzten Meter. Da, die Querstraße. Der große Baum, so viel älter als ich. Der Gartenzaun. Und vor der Garage ein Platz. Freigehalten für mich. Ich rolle aus, drehe den Motor ab. Einen Moment lang genieße ich die Stille. Dann taste ich nach dem Schlüssel. Den habe ich bis heute. Ich betrete heiligen Boden. Gleich geht sie auf, die vertraute Tür. Und ich bin zu Hause.«

»Zeit heimzukommen.« »Driving home for Christmas.« An Weihnachten nach Hause kommen — eine ganz tiefe Sehnsucht ist das. Sie setzt Menschen in Bewegung. Treibt sie auf die Straßen. Und heute Abend in die Häuser und Wohnzimmer. Es gibt kein anderes Fest, das unsere Emotionen so fest umklammert. Weihnachten — »Zeit heimzukommen.«

Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie nach Hause gekommen über Weihnachten? Oder haben Sie es noch vor die nächsten Tage?

… und wie ist das in der Weihnachtsgeschichte? Mit dem Nach-Hause-Kommen? Was erzählt dieser alte Bericht aus dem Lukasevangelium?

Er erzählt zuerst von Josef. »Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth«. In Nazareth, da ist Josef zu Hause. Im Norden von Israel. Nicht weit vom See Genezareth. Da gehört er hin, da lebt auch seine Familie.

… aber Josef muss los. Nach Bethlehem. Beim Toten Meer. 170 Kilometer südlich. In Bethlehem, da war Josefs Familie mal zu Hause. Aber das ist Jahrhunderte her. Josef kennt keinen mehr in Bethlehem. Ort und Leute sind ihm völlig unvertraut. Nur auf dem Papier gibt’s diese Verbindung noch. Aber was in den Papieren steht, gilt vor dem Gesetz. Und Josef muss los. Weg von zu Hause.

Mit dabei: Maria. Auch Maria kommt aus Nazareth. Auch ihre Familie lebt dort. Aber Maria übt schon ihren neuen Nachnamen. Sie ist gerade dabei, ein neues Zuhause zu finden in Nazareth. Sie ist verlobt mit Josef. Gemeinsam richten die beiden die Wohnung ein. Da wollen sie gemeinsam zu Hause sein. Gemeinsam die Zukunft bestehen. Eine Familie gründen.

… aber Maria muss mit. Wird herausgerissen aus allen Ideen und Planungen. Die erste tiefe Erfahrung, die sie teilt mit ihrem zukünftigen Mann, ist das Weg-Müssen von zu Hause. Diesen Preis zahlt sie für die Verbindung, die sie da eingegangen ist. Mitgefangen, mitgegangen. Und wie es ihr geht als schwangere Frau, als werdende Mutter, interessiert keinen. Auch Maria muss funktionieren, weg von zu Hause.

Wen gibt es noch? Die Hirten. Und da wird’s nun noch frustrierender. Die Hirten, die haben ihr Zuhause nämlich schon längst verloren. An ihren Job. Hirte sein, das heißt: Zelte abbrechen, weiterziehen, arbeiten, wo es gerade was gibt. Draußen auf dem Feld bleiben. Nirgends richtig ankommen. Auch bei den Leuten nicht. Hirten — was sind das schon für Typen? Die haben’s doch nicht anders verdient! »Wer nichts wird, wird Hirt.«

… auch die Hirten sind also nicht so recht zu Hause in Bethlehem.

Das ist ja schon ein Ding mit der Weihnachtsgeschichte. Das allererste Weihnachten. Alle sind in Bewegung. Unterwegs auf den Straßen. Aber niemand kommt nach Hause. Im Gegenteil! Alle sind weg von zu Hause! Heimatliche Feststimmung — Fehlanzeige.

… und dann schiebt sich noch jemand hinein in diese Weihnachtsgeschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Kind. Und wenn jemand ein Zuhause bitter nötig hat, dann doch ein neugeborenes Kind! Bis in unsere Rechtsprechung hinein wird das akribisch sichergestellt — mit Sorgerecht, Mutterschutz, Elterngeld, … Wenn sich ein Kind seinen Weg auf die Welt bahnt, dann muss es doch gleich ein Zuhause finden dort! Einen Platz haben. Gewollt sein. Geliebt.

… und dann läuft es auch bei diesem Kind ganz anders: Es findet eben nicht nach Hause.

Von Anfang an hat es keinen Platz. Schon im Text der Weihnachtsgeschichte hat dieses Kind nicht so recht Platz: »die war schwanger«, heißt es in Vers 5, ganz knapp und nachgeklappt. Da ist irgendwie auch noch ein Kind dabei … Aber das zählt ja noch nicht. Bei der großen Schätzung. Da sind nur die Volljährigen gefragt.

Das Kind kommt in Bethlehem zur Welt. In Brothausen, wörtlich übersetzt. Wo es nicht zu Hause ist und nie zu Hause sein wird. Eine Unterwegs-Geburt im Stall. Behelfsmäßige Erstaufnahmeeinrichtung.

… und das Kind landet in einer Krippe. In einem hölzernen Futtertrog für Tiere. Wo eben noch Ochs und Esel ihre Zungen durchgezogen haben.

Als ob die Erfahrungen von Josef, Maria, den Hirten in diesem einen Kind zusammenfließen. Das Zuhause verlassen, das neue Zuhause verpassen, das Zuhause längst verloren haben … Als ob an diesem einen Kind für alle Zeiten ausgemalt wird, wie ist es ist, eben kein Zuhause zu haben. Nicht nach Hause zu kommen.

Ob in diesem Kind auch Platz ist für deine Geschichte? Und meine Geschichte?

… und wer nun meint, damit sei die Weihnachtsgeschichte auf die Spitze getrieben, muss sich nochmal anschnallen: Die Spannung wird nämlich noch unerträglicher. Dieses eine Kind, so heißt es, ausgerechnet dieses eine heimatlose Kind, … ist Gott. Das Größte, von dem wir reden können. Gott verlässt seine himmlische Heimat. Er kommt zur Welt. Und in seiner eigenen Welt findet er keinen Platz. Dem Schöpfer des Universums schlägt man die Tür zur Herberge zu. Völlig verrückt. Unfassbar.

Unser Gott liegt in einer Futterkrippe. Er wird bewacht von Josef, der sein Zuhause verlassen musste. Er wird gestillt von Maria, die ihr neues Zuhause verpasst. Er wird besucht von Hirten, die ihr Zuhause längst verloren haben.

»[E]uch ist heute der Heiland geboren«, sagt der Engel. Er sagt es den Hirten, Maria, Josef, er sagt es dir und mir.

»Wenn ihr dieses Kind in der Krippe seht, dann merkt ihr: Gott teilt euer Schicksal. Er hat sich verbunden mit euch. Er kennt eure Sehnsucht, nach Hause zu finden. Verstanden zu werden. Vertraut zu sein. Geliebt. Wenn ihr dieses eine Kind an der Seite habt, dann seid ihr schon auf dem Weg nach Hause. Dorthin, wo ihr hingehört.«

»Dieses Zuhause für euch kennt keinen festen Ort auf dieser Erde. Es kann mal hier sein, mal dort. Sogar unterwegs könnt ihr nach Hause finden. Wo immer euch unser Gott an der Hand nimmt.«

»Und: Ihr werdet andere mitnehmen auf diesen Weg. Menschen, die sich auch nach zu Hause sehnen. Das Zuhause verlassen mussten, verpasst haben oder längst verloren. Das wird euch nicht mehr kalt lassen. An der Krippe blickt ihr euch gegenseitig in die Augen. Und ihr geht den Weg nach Hause gemeinsam. Ihr nehmt euch gegenseitig mit. Ihr schafft das. Und in all den anderen Menschen werdet ihr Gott selbst finden.«

»Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird«!

Die Hirten sind äußerlich wie verwandelt. Sie »kehrten wieder um, priesen und lobten Gott«. Deshalb singen wir heute Abend so viel — und diese Lieder werden weiterklingen. In Murr, und wo Sie alle auch hingehen nachher. Auf den Straßen, in den Häusern und in anderen Gottesdiensten.

Maria, die geht den Weg nach Hause innerlich. Sie »behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Maria braucht Zeit. Man darf sich also Zeit nehmen für die Weihnachtsgeschichte. Man darf sich auch offen wundern, was da erzählt wird. Das wird ja auch erzählt in der Weihnachtsgeschichte: Menschen wundern sich über die Berichte der Hirten. Auch so kann der Weg nach Hause beginnen.

»Zeit heimzukommen.« »Driving home for Christmas.« Sind Sie nach Hause gekommen über Weihnachten? Oder haben Sie es noch vor die nächsten Tage?

»Wieder manches anders geworden hier. Aber da vorne, ein Platz. Freigehalten für mich. Ein Platz an der Krippe. Bei diesem Kind. Das meine Sehnsucht kennt. Das mich selbst kennt. Das mir noch näher kommt, als ich mir selbst nahe sein kann. Einen Moment lang genieße ich die Stille. Dann taste ich nach dem Schlüssel. Den habe ich bis heute. Ich betrete heiligen Boden. Gleich geht sie auf, die vertraute Tür. Und ich bin zu Hause.«

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Donnerstag, 24. Dezember 2015 – Heiligabend – um 17.30 Uhr in der Peterskirche Murr.

Keine ZEit mehr

17. Dezember 2015

Irgendwann zu Schulzeiten habe ich sie kennengelernt. Wie und wo? Ich weiß es nicht mehr. Aber bald hatte ich meinen Vater von einem Abo überzeugt. Seitdem bekamen wir wöchentlich die »ZEIT«. Und ich lernte sie schätzen. Inhaltlich. Und im Blick auf die Themenvielfalt – genau das richtige für Allrounder. Nur mitgeträumt habe ich nie

Als ich auszog, durfte das Abo mit in die Zivi-WG. Wo sonst nur Umsonst-Probe-Abos eine Chance hatten. Die »ZEIT« hatte aber stets ihren Preis – was nichts kostet, hat keinen Wert …

Auch zu Studienzeiten blieb mir die treue Begleiterin erhalten. Ab und zu schrieb ich einen Leserbrief. Zu Uwe Seelers unzureichendem Versuch, das Wembley-Tor physikalisch zu widerlegen. Oder zum phänomenalen Ressort »Glauben und Zweifeln«. Nach dem Examen dann auch mal einen Beitrag für die 2010 neu eingeführte letzte Seite »ZEIT der Leser«.

Vielleicht habe ich deshalb so lange gebraucht für das Eingeständnis: Ich habe keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr für die »ZEIT«. Zumindest derzeit nicht. Monatelang hatte ich im Urlaub und auf Fortbildungen dicke Papierstapel mit dabei – die jeweils letzten Ausgaben. In der Hoffnung, sie nachträglich noch zu studieren. Der größte Schwung landete dann doch ungelesen im Papierkorb.

Als ich neulich erst mit zig Wochen Abstand von der Umgestaltung der Rubrik »ZEIT der Leser« erfuhr, folgte der lichte Moment. Und wir kündigten unser Abo. Seit Mitte November kommt keine »ZEIT« mehr ins Haus.

Und – horribile dictu – ich habe sie noch keinen Augenblick lang vermisst. Oder: Ich hatte schlicht nicht die Zeit dazu.

Beschenkt

6. Dezember 2015

Weihnachtsmann: Ho-ho-hooo! Wer bist denn du?

Nikolaus: Grüß’ Gott. Ich bin Nikolaus.

Weihnachtsmann: Nikolaus? Du meinst: Der Nikolaus.

Nikolaus: Eigentlich nicht. Nikolaus, das ist mein ganz normaler Name. So, wie heute noch manche Menschen Nikolaus heißen.

Weihnachtsmann: Du hast einen ganz normalen Namen? Das heißt: Es gibt dich wirklich?

Nikolaus: So ist es. Im vierten Jahrhundert nach Christus habe ich gelebt. In Myra. Das liegt am Mittelmeer, in der heutigen Türkei. Antalya ist gar nicht so weit weg. Das kennen manche vom Urlaub.

Weihnachtsmann: Hochinteressant! Was macht man denn so im wirklichen Leben?

Nikolaus: Ich zumindest war Bischof. Deshalb habe ich bis heute eine Bischofsmütze auf, mit Kreuz drauf. Und meistens eine Bibel in der Hand.

Weihnachtsmann: Tatsächlich. Das sieht echt aus. Ganz anders als mein Outfit. Ich sag’ nur: Rote Mütze mit weißem Bommel … Weißt du — ich, der Weihnachtsmann, bin frei erfunden. Vor noch nicht mal 200 Jahren hat man mich Stück für Stück erdacht …

Nikolaus: Wusste ich’s doch! Du siehst deutlich jünger aus als ich.

Weihnachtsmann: Oh, danke, danke.

Nikolaus: Aber auch deutlich gestresster, wenn ich ehrlich sein darf.

Weihnachtsmann: Wie soll es auch anders sein, kurz vor Weihnachten? Ich bin ja für die Geschenke gemacht. Die müssen an den Mann kommen und an die Frau, so einfach ist das. Wusstest du schon, dass ich erst durch die Werbung so richtig berühmt geworden bin? Braune Zuckerbrause sollten die Menschen mit mir kaufen …

Nikolaus: Kaufen? Sagtest du nicht eben, du machst Geschenke?

Weihnachtsmann: Nein, ich bin für die Geschenke gemacht. Und wer hat schon wirklich was zu verschenken? Letztlich geht’s natürlich ums Geld. Das weißt du doch!

Nikolaus: Ja, das weiß ich. Weißt du, ich hatte selber viel Geld. Schon als junger Mann habe ich ein Vermögen geerbt von meinen reichen Eltern. Aber ich habe es verschenkt.

Weihnachtsmann: Verschenkt? Dann kommt die Idee mit den Geschenken also von dir?

Nikolaus: Na ja, nicht nur von mir …

Weihnachtsmann: Wer war denn dein Auftraggeber?

Nikolaus: Auftraggeber würde ich ihn nicht nennen. Das klingt so … geschäftsmäßig. Ich nenne ihn Menschenfreund. Oder Heiland. Oder eben Jesus Christus. Den habe ich gefunden in meinem Leben. Oder besser: Er hat mich gefunden. Und das hat mich freigiebig gemacht.

Weihnachtsmann: Jetzt musst du mehr erzählen.

Nikolaus: Na, da war diese bettelarme Familie. Ein Vater mit drei Töchtern. Er wollte sie auf die Straße schicken. Oder gar als Sklavinnen verkaufen, auf dem Strich. Weil das Geld nicht reichte. In drei Nächten habe ich ihnen drei Säckchen mit Gold durchs Fenster geworfen. Die drei Schwestern konnten heiraten und ein gutes Leben führen.

Weihnachtsmann: Auch das Geschenk-Säckchen hattest du also schon vor mir …

Nikolaus: Manchmal heißt es aber auch, ich hätte der Familie mit drei goldenen Äpfeln geholfen. Diese drei Äpfel finden sich schon auf ganz alten Darstellungen von mir. Und bis heute lege ich sie Kindern in die Stiefel.

Weihnachtsmann: Du meinst, die Eltern der Kinder machen das.

Nikolaus: Vielleicht machen wir es beide gemeinsam. Denn bis heute geht es ja darum, Freude zu machen. Und etwas von der Freundlichkeit Gottes zu zeigen.

Weihnachtsmann: Aber sind Äpfel da nicht ein bisschen billig?

Nikolaus: Nur wenn man Geschäfte machen will mit dem Schenken … Aber ich habe auch größere Sachen zu bieten. Damals, während der großen Hungersnot in Myra, legte im Hafen ein Schiff an. Es war voll mit Getreide. Aber es gehörte dem Kaiser in Konstantinopel. Und war peinlich genau abgewogen. Die Seeleute konnten keinen einzigen Sack rausrücken. Sie fürchteten um ihr Leben.

Weihnachtsmann: Alles genau abgezählt und eingeteilt. Das kenne ich aus meinem Job …

Nikolaus: Aber ich konnte den Kapitän umstimmen. Mitten in seiner misslichen Lage lernte er das Schenken. Zwei Jahre lang reichten die Vorräte für uns in Myra. Und als das Schiff ankam beim Kaiser, fehlte nichts. Wie bei der Brotvermehrung damals, wenn du die kennst … Vielleicht bin ich seitdem der Schutzpatron der Seefahrer.

Weihnachtsmann: Schutzpatron der Seefahrer? Das bist du auch noch?

Nikolaus: Nebenbei, ja. Wobei da auch die Geschichte von der Rettung aus Seenot eine Rolle spielt. Da war ein Schiff, das ging fast unter im Sturm. Doch plötzlich half den Matrosen ein geheimnisvoller Mann. Mit seiner Hilfe kamen sie in den Hafen von Myra. In der Kirche dort wollten sie Gott für seine Rettung danken. Und als sie mich sahen, vorne am Altar, da erkannten den Mann vom Schiff …

Weihnachtsmann: Also, das klingt nun wirklich etwas wunderbar. Findest du nicht?

Nikolaus: Wunderbar, ja, das ist ein gutes Wort. Wunderbar. Nicht wunderlich. So wie deine Rentiere.

Weihnachtsmann: Ach, hör’ mir mit denen auf! Ich kann sie schon selbst nicht mehr sehen! Andauernd fliegen wir gemeinsam durch die Lüfte, und durch jeden einzelnen Kamin. Wer sich so was ausdenkt … Und dann übersommern wir am Nordpol. Aber sag’ mal — ist an dir wirklich gar nichts erfunden?

Nikolaus: Doch, da gibt’s was. Leider. Siehst du meinen Bischofsstab?

Weihnachtsmann: Ja. Aber der ist doch echt.

Nikolaus: Stimmt. Aber manchmal hat man aus dem eine Rute gemacht. Eine harte Rute, mit der man schlagen kann.

Weihnachtsmann: Wer macht denn so was?

Nikolaus: Ich jedenfalls nicht! Mir war es immer wichtig, Gottes Liebe allen Menschen zu zeigen. Auch für jugendliche Straftäter habe ich mich eingesetzt. Aber irgendwann kamen Leute auf die Idee, ich dürfe nur die „braven“ und „artigen“ Kinder beschenken. Die mussten dann alberne Gedichtlein für mich aufsagen, mit zittriger Stimme. Aus Angst vor meiner Rute.

Weihnachtsmann: Da hat man also auch dich vor einen Karren gespannt …

Nikolaus: So ist es. Ausgerechnet mich! Dabei war ich ja selbst nicht „brav“ und „artig“ …

Weihnachtsmann: Was meinst du?

Nikolaus: Na, da war diese eine Synode. 325 in Nicäa. Als Kirchenparlament berieten wir über den Glauben. Und da stand doch dieser Arius auf — und behauptete, Jesus habe mit Gott gar nicht so viel zu tun … Eigentlich sei er ein normaler Mensch. Ich hab’ ich ihm eine runtergehauen.

Weihnachtsmann: In der Tat etwas … rüde.

Nikolaus: Mag sein. Für die Ohrfeige hab’ ich auch bezahlt. Eine Zeitlang durfte ich nicht mehr Bischof sein. Aber mein Widerstand war trotzdem richtig. Und bis heute glaube ich: Die Kirche braucht keine „braven“ und „artigen“ Menschen. Keine angepassten Christen, die zu allem „Ja“ sagen. Sie braucht Leute mit Mut und Rückgrat. Gerade dann, wenn es eng wird.

Weihnachtsmann: »[W]enn es eng wird« … Jetzt mach’ doch die schöne Weihnachtsstimmung nicht kaputt.

Nikolaus: Also, noch haben wir Advent. Und nicht alles ist gut. Wer das wirkliche Leben kennt, weiß das. »O Heiland, reiß die Himmel auf — Gott, hilf uns!« Zu allen Zeiten haben Menschen das gesungen. Ich selbst habe unter der großen Christenverfolgung gelitten. Eine Zeitlang war ich sogar im Kerker. Wurde gefoltert. Da war ich dankbar, dass Gottes Liebe auch durch die Dunkelheit geht. Sogar da kann man Gott spüren. Weißt du — das wünsche ich auch unseren beiden Täuflingen heute. Dass sie Gott erleben, in guten und in schlechten Zeiten. Übrigens: Auch bei der Taufe wird ja nicht vorher geprüft, ob jemand es wirklich verdient hat … „Unschuldig“ sind ja auch kleine Kinder nicht — das wissen die Eltern nur zu gut … Aber Gottes Liebe kann man sich sowieso nie verdienen. Auch als großer Mensch nicht.

Weihnachtsmann: Dann passt das ja wirklich gut zusammen — Taufe und der 6. Dezember heute … Ich wünsche euch allen frohes Feiern. Ich hab’ jetzt leider keine Zeit mehr. Muss weiter. Meinen Job erledigen. Aber eine Frage noch: Der 6. Dezember, ist das dein Geburtstag?

Nikolaus: Nein, mein Todestag.

Weihnachtsmann: Oh. Tut mir leid.

Nikolaus: Braucht es nicht. Mach’ dir keine Sorgen um mich. Überhaupt würde dir etwas Gelassenheit gut tun, glaube ich. Ich bin gut aufgehoben. So wie alle, die beschenkt werden von Gott.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Sonntag, 6. Dezember 2015 – Zweiter Sonntag im Advent und Nikolaustag – in der Peterskirche Murr.

Glücklich?!

10. November 2015

Vor gut einem halben Jahr sind meine Familie und ich hierher gezogen — nach Murr, ins Bottwartal, in den Landkreis Ludwigsburg. Vorher hatten wir in Stuttgart gewohnt.

Was denken Sie – was war die größte Umstellung für uns? Was war besonders ungewohnt?

… es waren nicht die Einkaufsmöglichkeiten. Da muss Murr sich ja nicht verstecken.

… es war nicht der öffentliche Nahverkehr. Zwei Busse die Stunde sind ja gar nicht so schlecht.

… es war auch nicht der Garten ums Haus herum. An den hatten wir uns rasch gewöhnt.

… die größte Umstellung hatte zwei Namen: »Flach« und »Rund«. Diese beiden Kategorien haben uns völlig durcheinandergebracht. Dass man Müll plötzlich nicht mehr nach dem Material sortiert, sondern nach der Form, das war ganz und gar neu für uns. Wochenlang haben wir noch den Altglascontainer gesucht im Ort. Bis wir erfahren haben, dass auch die leeren Gurkengläser im »Rund« landen …

Plötzlich gilt etwas ganz und gar Neues. Die gewohnten Kategorien werden auf den Kopf gestellt. Das erwartet uns auch im Predigttext für den Reformationstag heute. Wenn wir gedanklich umziehen in die Bergpredigt Jesu. Aus dem Matthäusevangelium, aus Kapitel 5, hören wir die Verse 1 bis 10:

Als […] [Jesus] aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.

Plötzlich gilt etwas ganz und gar Neues. Die gewohnten Kategorien werden auf den Kopf gestellt.

Wir alle haben unsere Vorstellungen vom Glück. Was ein glücklicher Mensch ist und hat und kann, das haben wir alle mehr oder weniger vor Augen.

… auch Jesus erzählt da in seiner Bergpredigt, wer glücklich ist. Oder: »selig«. Aber wen zählt Jesus da alles auf?

… »die da Leid tragen«.

… »die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit«.

… »die […] verfolgt werden«.

… solche Menschen lässt er vorbeiziehen vor unseren inneren Augen. Die Frau, die ihren Mann verloren hat, viel zu früh. Die syrische Familie, der man das Haus genommen hat und die Heimat. Der Christ in Nordkorea, den man gefangen nimmt und foltert.

… Menschen, die auf der Strecke bleiben. Die am Boden sind, abgehängt.

… und Jesus nennt sie glücklich, »selig«. Wie bitte? Soll das ein Witz sein? Oder ist das zynisch gemeint? Das ist doch verrückt!

… und noch nicht genug. Zwischen diese Zeilen malt Jesus noch eine zweite Gruppe von Menschen:

… »die Sanftmütigen«.

… »die Barmherzigen«.

… »die reinen Herzens sind«.

… »die Friedfertigen«.

… der Hausbewohner, der die Streitigkeiten in der Nachbarschaft geduldig erträgt und nicht weiter Öl ins Feuer gießt. Die Tochter, die ihren Eltern die Erziehungs-Fehler nicht nachträgt. Der Schüler, der ein Gespür dafür hat, wenn Jugendliche auf dem Schulhof fertiggemacht werden.

… auch damit kann man schnell auf der Strecke bleiben. Unter die Räder kommen. »[U]m der Gerechtigkeit willen« kann man »verfolgt werden«! Meistens gilt ja das Recht des Stärkeren. »Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.«

… aber auch diese Menschen nennt Jesus glücklich, »selig«.

Die gewohnten Kategorien — Jesus stellt sie auf den Kopf. Die Bergpredigt hebelt unsere Logik aus. Sie vollzieht die „»Umwertung« aller Wertvorstellungen.

Friedrich Nietzsche hat das so formuliert. Und Nietzsche hat gleich noch hinzugefügt, was er von dieser »Umwertung« persönlich hält. Er schreibt:

Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt. Was ist Glück? — Das Gefühl davon, dass die Macht wächst […] Die Schwachen und Missratenen sollten zugrunde gehen […] Was ist schändlicher als irgendein Laster? — Das Mitleiden […] mit allen Missratenen und Schwachen. — Das Christentum“ [Der Antichrist, Nr. 2].

… für Nietzsche ist es geradezu abstoßend, wie Jesus seine Bergpredigt beginnt. Und auch seine Zuhörer damals vor Ort hatten wohl ihre Schwierigkeiten: Am Schluss der Bergpredigt heißt es, »dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre« [Matthäus 7,28].

Die, die auf der Strecke bleiben, die Schwachen sind glücklich. Sie werden nicht erst glücklich — sie sind es schon! Ausgerechnet die!

Wie kann das sein? Wie geht das?

Es geht nur über den Bergprediger. Es geht nur über Jesus selbst. Ohne den Bergprediger wäre die Bergpredigt nichts als Nonsens. Oder noch Schlimmeres.

… aber in der Bergpredigt redet eben Jesus. Und Jesus, der blieb ja selbst auf der Strecke.

Jesus war selbst »[s]anftmütig[]«, »[b]armherzig[]«, »reinen Herzens«, »[f]riedfertig[]«. Er hat seine göttliche Macht nicht festgehalten. Er hat seine Liebe losgelassen für die Menschen.

… und deshalb hat er »Leid [ge]tragen«, hat »[ge]hungert und [ge]dürstet«, ist »um der Gerechtigkeit willen verfolgt« worden. Seine Konsequenz hat den Leuten nicht gepasst.

… bis zum Schluss geht Jesus diesen Weg weiter: »Steck’ dein Schwert weg!«, sagt er dem Jünger, der ihn verteidigen will [vgl. Matthäus 26,51f.] … Je enger es um ihn wird, desto bereitwilliger lässt er los.

Das heißt doch: Die, die auf der Strecke bleiben, … die gehen also denselben Weg, den Jesus auch geht. Die sind ganz nah dran an diesem Jesus. Jesus verbindet sich mit allen, die auf der Strecke bleiben. Er geht denselben Weg wie sie.

… und weil das derselbe Weg ist, deswegen werden die Schwachen »Gott schauen« auf diesem Weg. «[S]ie sollen getröstet werden« auf dieser Strecke.

Noch mehr: »[I]hrer ist das Himmelreich.« Ihnen gehört das Reich Gottes, in dem eben nicht das Recht des Stärkeren gilt. In dem man weiterkommt, indem man alle Machtansprüche loslässt.

… sogar »Gottes Kinder heißen« werden die Schwachen. Und das ist eine politische Provokation in der Bergpredigt. Als »Gottes Kinder« galten damals die Obersten der Oberen. Also ägyptische Könige, ein Alexander, ein Augustus. Die wurden verehrt als »Gottes Kinder«. Aber bei Jesus werden eben ganz andere zu Gottes Kindern. Die, die bei uns nicht mal ins Palast-Vorzimmer kommen, gehören nun ganz eng zu Gott.

Am 31. Oktober, heute am Reformationstag, feiern wir die große Entdeckung Martin Luthers. Martin Luther hat lange Zeit gedacht, Gottes Welt funktioniere nach derselben Logik wie unsere Welt. Und er hat versucht, sich das Himmelreich zu verdienen. Mit immer neuen frommen Höchstleistungen. Mit dem Eintritt ins Kloster. Mit beflissenem Bibelstudium. Aber was er auch getan hat — es war nie genug. Er hatte nie das Gefühl: Jetzt reicht es Gott …

… bis er entdeckt hat in der Bibel: Wenn ich »geistlich arm« bin, wenn ich mein Unvermögen gegenüber Gott eingestehe, … dann ist das keine Panne. Im Gegenteil: Es ist der Sinn der Sache! Wenn ich »geistlich arm« bin, wenn ich nichts mehr in der Hand habe, dann bin ich ganz nah dran an diesem Jesus. Dann wird mir das Himmelreich geschenkt. Dann ist das Himmelreich schon angebrochen. »Da fühlte ich«, schreibt Luther, »dass ich ganz und gar neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war.«

»Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.«

Weltweit sind derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, vor allem vor Krieg, Terror und Not. […] Als Christen können wir gar nicht anders, als uns der Hilfesuchenden anzunehmen.

So schreiben es die Vorsitzenden der Evangelischen Kirchenbezirke und der Katholischen Kirche im Landkreis Ludwigsburg in einer aktuellen Resolution. Für diese klare Haltung werden die Kirchen ja oft als »naiv« und »dumm« hingestellt. Als Versammlung von Traumtänzern, [Zitat] »die sich mit ihrem "Gutmenschengerede" ihr eigenes Grab schaufeln« — so eine Leserbrief-Schreiberin dramatisch heute in der Marbacher Zeitung. Und zunächst mal kann ich diese Sorge nachvollziehen. Die Logik im Himmelreich, die leuchtet eben nicht sofort ein. Die ist schwer zu begreifen! Unser Gott kommt zum Ziel mit seiner Liebe, wenn wir unsere Macht loslassen! Auch unsere kulturelle Macht. Und wenn das heißt, dass die christlichen Kirchen zahlenmäßig an Bedeutung verlieren! Das „christliche Abendland“ (wenn es das so überhaupt gibt [Klammer zu]) erweist sich nur dann als wahr, wenn wir es nicht krampfhaft als Besitz verteidigen! Wir gewinnen nur, was wir verlieren! Diese Logik des Himmelreichs, die ist völlig verrückt! Wie die Bergpredigt eben! Die ist schwer zu begreifen, gar keine Frage.

… so wie ich ja bis heute manchmal ratlos in der Küche stehe. Und mich frage, wo das leere Gurkenglas jetzt nochmal hingehört. Wenn’s doch keinen Altglascontainer gibt …

Es kostet Zeit und Übung, sich die neuen Kategorien einzuprägen. Die neue Logik im Himmelreich zu verstehen. Dass ausgerechnet glücklich ist, wer auf der Strecke bleibt … Bleiben wir also ganz nah beim Bergprediger, Tag für Tag. Und folgen wir ihm auf seinem Weg.

Amen.

Predigt, gehalten im Gottesdienst am Samstag, 31. Oktober 2015 – Reformationstag – in der Peterskirche Murr.

Bringt nichts

24. Oktober 2015

Drei Fragen, die ich nicht habe

Du fragst, ob sich die Blumen denn lohnen.
Du musst doch morgen verreisen.
Und nur für einen Tag Blühen ist es doch wohl nicht wert.
Ob sich Blumen lohnen?
Ich versteh’ die Frage nicht.
Blumen wurden doch fürs Lohnen überhaupt nicht gemacht.

Du fragst, ob es Sinn macht, Gedichte zu schreiben.
Ob es Sinn macht, und mit welchem Ergebnis ich rechne, wenn andere sie lesen.
Ob es Sinn macht, zu dichten?
Ich versteh’ die Frage nicht.
Es gibt etwas, das ist richtig, ganz unabhängig vom Ergebnis.
Ob es Sinn macht? Sinn macht man nicht.
Gedichte macht man auch nicht.
Es klingt ja wie »Kaltmachen«.
Oder sagt man im Englischen sogar: »Liebe machen«? »Making love«.
»Making friends«. »Freunde machen«.
Feinde kann man sich machen. Aber Freunde sind ein Geschenk.
Und Gedichte sind eine Aufmerksamkeit.
Und Sinn wird nicht gemacht, sondern gestiftet.

Du fragst, was ich vom Glauben habe.
Und was mir das eigentlich bringt.
Was ich vom Glauben habe?
Diese Frage versteh’ ich überhaupt nicht.
Weil Glaube fürs Haben gar nicht gemacht wurde.
Sondern fürs Teilen.
Und fürs Weiterschenken.
Wie die Blume.
Und wie die Gedichte.

Was mir das bringt?
Ich bring’ es dir.
Und du lernst von der Blume, auch wenn du morgen verreist.
Und du wohnst im Sinn der Worte. Aber Sinn machen tut das nicht.
Und du hast keinen Glauben, aber der Glaube hat dich. Und das gibst du dann weiter.

… ein Gedicht von Christina Brudereck. Wiederentdeckt in einem ihrer Heidelberger Hochschul-Vorträge von 2005. Und inhaltlich aufgegriffen in meiner Predigt morgen. Thema: »Was bringt der Gottesdienst?«

Verdient?

25. September 2015

Es gibt unzählige Stimmen in der aktuellen politischen Debatte. Schwierig, da Rote Fäden zu finden. Und zu Gesamt-Urteilen. Aber eins frage ich mich dann doch regelmäßig: Wie können so viele Menschen so unbedarft-unhinterfragt behaupten, sie hätten ihren Besitz verdient? Oder gar »wohlverdient«? (Was dann in der Regel als Begründung dafür dient, dass es Flüchtlingsunterkünfte zwar geben darf, aber »doch nicht ausgerechnet hier« …)

Ich kann natürlich nur von mir sprechen. Und glaube doch, dass meine Situation relativ repräsentativ ist fürs Milieu der hiesigen Eigenheim-Besitzer(innen) jenseits der Jahrgänge bis ca. 1930 (wer älter ist, hatte aktiv den Wiederaufbau nach dem Krieg zu stemmen – das ist vielleicht tatsächlich nochmal was anderes).

Ich hatte schon immer zu essen, ein Dach über dem Kopf, ein eigenes Bett samt Zimmer drumherum – und weit mehr. Von Anfang an haben mich Menschen geliebt und mir vertraut. Ich konnte meine Begabungen entdecken und fördern. Ich konnte zur Schule gehen, hatte trotzdem noch massig Zeit für anderes. Meinen Beruf durfte ich frei wählen. Studieren, an vier verschiedenen Orten.

Nein, was ich jetzt besitze, habe ich nicht verdient. Dann ist es nur recht und billig, wenn dieser Wohlstand auch anderen Menschen zu Gute kommt. Oder?

Keine kleine Sache

10. September 2015

… unsere Tochter (im Hintergrund) hätte sich durchaus anfreunden können mit dieser Variante …

Klüger als erlaubt

6. September 2015

In der »ZEIT« hat Ijoma Mangold den Schriftsteller Navid Kermani – der dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält – als »Religionsflüsterer« gewürdigt. Und mit ihr springen meine Gedanken zurück ins Jahr 2009. Damals ging der Hessische Kurpreis an den Moslem Kermani. Und an den Juden Salomon Korn. Und an die Christen Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sowie Karl Kardinal Lehmann. Doch die beiden verweigerten zunächst eine Ehrung gemeinsam mit Kermani. Der ihren Glauben verletzt habe.

Vielleicht hatten sie nur den Anfang seines kurz zuvor veröffentlichten persönlichen Essays in der Neuen Zürcher Zeitung verstanden, …

Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. Sie tun es ja höflich, viel zu höflich, wie mir manchmal erscheint, wenn ich Christen die Trinität erklären höre und die Wiederauferstehung und dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei. Der Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.

… nicht aber das darin eingewebte, faszinierend offene (weil auf jeden religiösen Machtanspruch verzichtende!) Bekenntnis:

Und nun sass ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend [sic!], so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.

Oder Ijoma Mangold liegt richtig mit ihrer drastischen Gesamt-Einschätzung:

Für die Herren der Amtskirche und ihre Lesefähigkeit war das zu viel an geistlichem Ringen. Sie hatten sich offensichtlich wohlig eingerichtet in einem Dialog der Religionen, in dem man nur noch höflich-gleichgültige Floskeln hin- und herschiebt. Dass Glaubenswahrheiten etwas Skandalöses sind (»den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis«), das nicht so einfach zu assimilieren ist wie Werte, zu deren Wesen es gehört, dass ihnen alle zustimmen, ging über ihre Duldungsbereitschaft.