Offene Weihnachtstür

9. Dezember 2013

Bei meinen Eltern, bei meiner Familie zu Hause, da gab’s schon immer eine Weihnachts-Tür. Also eine Tür zum Weihnachts-Zimmer. Die meisten Tage im Jahr war diese Tür eine ganz normale Wohnzimmertür — weiß lackiert, mit vielen Macken und noch mehr Fingerabdrücken. Nichts Besonderes also. Aber einmal im Jahr, da ging von dieser Tür ein Zauber aus. Da wurde aus dieser ganz normalen Tür die Weihnachts-Tür. Und hinter der Weihnachts-Tür lag das Weihnachts-Zimmer, ein Stück vom Himmel.

Ich habe hingelebt auf den Moment, in dem die Weihnachts-Tür aufging und den Blick freigab aufs Weihnachts-Zimmer. Es gab nichts Größeres für mich. »Wie wird der Baum diesmal aussehen?« – »Hängt auch Schokolade dran?« — »Wann darf man die essen?« – »Nach was riecht es im Zimmer?« – »Welche Musik ist da zu hören?« – »Was bekomme ich geschenkt?« – »Was kriegen meine Geschwister?« – »Freuen sich die Eltern über mein Bild?« Lauter schöne Erwartungen … Der Schritt durch die Weihnachts-Tür war ein Schritt in eine andere, bessere Welt. Die Welt war an Weihnachten anders und besser. Es war der Himmel auf Erden. Ich habe damals gespürt, was Weihnachten ausmacht: Gott ist auf die Welt gekommen. Gott ist Mensch geworden. Gott hat uns seine Liebe gezeigt.

Deshalb kam mir auch die Zeit, bis die Weihnachts-Tür endlich offen war, so ewig vor. 24 endlos lange Adventstage … Da war es ein schwacher Trost, dass man wenigstens jeden Tag ein kleines Türchen öffnen durfte, am Adventskalender. Das Warten war ätzend. Und unvergessen ist das Jahr, in dem es mir gelang, das Schlüssel-Versteck meiner Eltern zu knacken, so dass ich schon ein paar Stunden vorher heimlich rein konnte ins Weihnachts-Zimmer …

Auch die gemeinsame Zeit im Weihnachts-Zimmer kam mir unglaublich lang vor: Heiligabend (niemand hat uns ins Bett geschickt), Erster Weihnachtsfeiertag, Zweiter Weihnachtsfeiertag, Weihnachtsferien, Silvester, Neujahr, immer noch Ferien, … Und manchmal stand unser Weihnachtsbaum noch im Februar.

… so war das bei mir zu Hause mit der offenen Weihnachts-Tür.

Ich bin älter geworden. Und mit den Jahren wurde manches anders.

Irgendwann durfte ich mithelfen, das Weihnachts-Zimmer vorzubereiten. Das habe ich gerne gemacht. Aber dadurch habe ich eben schon vorher gewusst, was im Weihnachts-Zimmer auf uns wartete. Und insgeheim habe ich geahnt: Es wird nur so gut, wie wir’s machen … Der Zauber der offenen Weihnachts-Tür war irgendwann weg. Den Moment, in dem die Weihnachts-Tür geöffnet wurde, habe ich Jahr für Jahr nüchterner erlebt. Ich wusste: Das ist eigentlich eine normale Wohnzimmertür, und dahinter kommt ein normales Wohnzimmer.

Es kam die Zeit, in der ich nüchtern nachgerechnet und verglichen habe: Wer hat mehr geschenkt bekommen? Was kostet wie viel?

Irgendwann ging ich aus dem Haus, zum Zivildienst und zum Studium. Meine jüngeren Geschwister dann auch.

Meine Familie hat das Ritual der offenen Weihnachts-Tür beibehalten. Aber wir haben gemerkt: Das ist gar nicht so einfach. Es kamen Jahre, da waren wir gar nicht alle da an Heiligabend. Und ich mit meinem speziellen Beruf bin jetzt nie mehr da an Heiligabend. Ich muss ein, zwei Tage später durch die Weihnachts-Tür gehen, alleine.

Inzwischen weiß ich auch: Die Welt ist nicht besser an Weihnachten. Auch an Weihnachten gibt es Streit, auch an Weihnachten laufen Fernsehnachrichten. Sieht so der Himmel auf Erden aus? Kann man Gott an Weihnachten besser spüren als sonst?

Auch Angst schwingt manchmal mit: Was ist diesmal anders? Dieses Jahr ist der Hund meiner Familie gestorben, der wird nicht mehr mit dabei sein. Manchmal stand auch der Abschied von geliebten Menschen im Raum. Oder ich habe an begrabene Träume gedacht. An Weihnachten tut das besonders weh.

Die Adventszeit, die mir als Kind so endlos lang vorkam, verfliegt wie im Flug. Heute ist schon ein Drittel rum. Und auch Weihnachten geht im Nu vorüber. Oft fährt man schon am 26. wieder auseinander. Und was waren nochmal Weihnachtsferien?

Manchmal denke ich: Die Weihnachts-Tür, die ist zugefallen. Und sie bleibt verschlossen.

Predigttext ist heute ein Brief aus der Offenbarung des Johannes. Dieser Brief ging an eine christliche Gemeinde voll mit Menschen, denen ging es mit ihrem Glauben ganz ähnlich: Die Faszination von früher war verflogen. Man hatte das Gefühl: Die Welt ist doch immer noch dieselbe. Und Jesus, der wirkte so weit weg.

… und diese Gemeinde bekommt nun Folgendes zu hören:

[…] Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde schicken einige aus der […] [Versammlung] des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalems, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,7-13)

Auszüge aus einer Predigt, gehalten am 8. Dezember 2013 (Zweiter Sonntag im Advent) in der Johanneskirche Stuttgart-Zuffenhausen und in der Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen.

 

15 Kommentare zu “Offene Weihnachtstür”

  1. Stefan meint:

    Das Bild der Tür zum Weihnachtszimmer war auch das Hauptmotiv meiner Predigten am 2. und (mit etwas anderem Fokus) auch schon am 1. Advent. Cool, wenn sich ein Bild so durch die Adventszeit 2013 zieht … und durch die Lieder. Bis zum Weihnachtstag, dem Eintreten in diesen geheimen Raum und die Zeit, die sich wie Ewigkeit anfühlt. “Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis…”
    Wünsch dir und uns noch gesegnete Advents- und Weihnachtsimpulse.

  2. Daniel meint:

    EG 27,6 war unsere Segensstrophe gestern … :-) Danke, Stefan! Dir auch gute, gesegnete Tage!

  3. Steffen meint:

    Es ist auch meine Erfahrung, dass die Menschen vor allem Bilder mitnehmen aus einer Predigt.
    Mein Bild für den 3. Advent ist der Liebesbrief.
    Mit Bildern zu arbeiten schließt unseren Gehirnen nämlich Türen auf;-)

    Auch von hier eine gute und spannende Adventszeit noch.

  4. Mathilda meint:

    Ich würde gerne mehr von der Predigt lesen :-)

  5. Katja meint:

    Ach, schön – so eine Weihnachtstüre! Ich hab vorgestern auch über die Tür gepredigt – allerdings mit der Geschichte, wie ich mich mal so richtig blöd ausgesperrt habe…. ;-)

  6. Daniel meint:

    @ Mathilda: Bei Gelegenheit vielleicht. Das Problem: Ich hatte nur Stichwörter (bewusst) – was heißt, dass man im Nachhinein ausformulieren muss, um ein Manuskript zu kriegen …

  7. Mathilda meint:

    @Daniel: Falls du mal dazu kommst, würd ich mich freuen! Liebe Grüße!

  8. Daniel meint:

    Mach’ ich. Auf welche Verse ich mich konzentriert habe, dürfte ja klar sein. ;-) Und die Aufforderung war mir wichtig: “Halte, was du hast”! Vielleicht: “Behalte deine Erinnerungen! Behalte deine Sehnsucht! Behalte deinen Glauben!” So mickrig deine Kraft (im Urtext: “Mikro-Kraft”) manchmal sein mag … Es reicht, wenn Gott die Tür aufhält.

  9. Daniel meint:

    … und, ganz wichtig: Am Schluss die Ermutigung, Kindern über die Schulter zu schauen, wenn sie sich auf die offene Weihnachts-Tür freuen. Wer keine zu Hause hat, findet vielleicht welche in der Nachbarschaft, auf dem Weihnachtsmarkt oder notfalls im Fernsehen …

  10. Steffen meint:

    … oder bei den Weihnachtsfeiern für Arme und Obdachlose in den verschiedenen Städten im reichen Württemberg.

  11. Mathilda meint:

    Ach Steffen. Von den Armen und Obdachlosen wollten wird doch jetzt nichts wissen. Das macht ja die ganze Weihnachtsstimmung kaputt.

  12. Steffen meint:

    …sehr lustig!
    Aber: MEIN Weihnachten ist nur ein gutes Fest wenn ich es in HN mit eben jenen Menschen feiern kann.
    Nirgends finde ich eine so gute Stimmung!
    Die (zahlreichen) Kinder freuen sich wirklich und es wird viel getauscht untereinander…
    Wieso verdirbt das was?

  13. Daniel meint:

    Hmm. Ich habe eher an Ironie gedacht …

  14. Mathilda meint:

    Danke, Daniel. Natürlich war das Ironie.

  15. Steffen meint:

    “…sehr lustig!”
    War ein wohl zu dezenter Hinweis darauf, dass ich es auch ironisch verstehe.
    Sorry.
    (genug davon)

    Allerdings sehe ich durchaus die Gefahr, dass wir (Kirche) dazu beitragen, dass Weihnachten irrtümlich als angenehm und (schlimmer noch) gut bürgerlich erkannt wird.
    Ein obdachloses Flüchtlingskind in einem stinkenden Stall zur Welt zu bringen sagt uns aber etwas anderes. Können wir das vermitteln?
    Das Evangelium ist radikal und nicht Sing-sang…und warme Stube etc.

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