Naiv

21. September 2012

Wäre das Thema nicht so ernst, müsste sie als Comedy gelten – Manfred Krieners »kleine Geschichte der Entsorgungspolitik«. Wie man noch vor wenigen Jahrzehnten über Atommüll dachte, ist schlicht atemberaubend:

1957

bläst Atomminister Siegfried Balke (CSU) nach einem USA-Besuch Entwarnung. In den Staaten würden »die Abfallprodukte zunächst zehn oder zwölf Jahre in unterirdischen Tankanlagen gesammelt, sodass nichts an die Außenwelt kommt«, erklärte er. Nach fünf weiteren Jahren müsse man erst mal nachprüfen: »Ist dann überhaupt noch Aktivität da?« Dass der Müll nicht 10 oder 15, sondern 50 000 Jahre und länger strahlt, war dem Minister für Atomfragen offenbar fremd.

Etwa zeitgleich

beginnt eine bizarr anmutende Diskussion über das »Einschmelzen« der Atomabfälle in Polargebieten. Vater dieser Idee ist der Münchner Physiker Bernhard Philberth. Sein patentierter Plan: Flugzeuge werfen die Abfälle wie Bomben über dem Südpol ab. Durch die frei werdende Wärme schmilzt das Eis, und der Atommüll gräbt sich von allein immer tiefer ein, bis er irgendwann mit abklingender Strahlung für die nächsten 30.000 Jahre gefahrlos stecken bleibt. Ein ranghoher Mitarbeiter im Atomministerium teilt dem Physiker am 26. November 1956 mit: »Ihre Arbeit ist so interessant, daß ich sie einem größeren Kreis […] vorlegen möchte.«

… und schließlich:

Der Großphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt 1969 frohgemut, die Entsorgung sei »überhaupt kein Problem. Ich habe mir in Karlsruhe sagen lassen, daß der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hineinginge, der ein Kubus von 20 Metern Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, daß man das Problem gelöst hat.«

 

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