Nachzeitzeugenzeit

3. Februar 2013

Was wird aus dem Holocaust-Gedenken, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Fragen Johanna Herzing und Melanie Longerich in einem Deutschlandfunk-»Hintergrund«-Bericht. Treten der naheliegenden Angst vor einer drohenden Geschichtsvergessenheit mit pointierten Argumenten entgegen. Und zitieren am Schluss den Sozialpsychologen Harald Welzer:

… glaube ich, dass der historische Raum ohne die sogenannten Zeitzeugen offener ist als mit den Zeitzeugen. Und damit für historische und politische Bildung eigentlich gut.

 

3 Kommentare zu “Nachzeitzeugenzeit”

  1. Steffen meint:

    Schon in den “Wohlgesinnten” (Jonathan Littell) stellt sich der SS Offizier Maximilian Aue diese Frage ähnlich: “Wer trauert um all die Menschen, wenn wir sie alle töten?” (frei zitiert)

    Gut, dass es dafür dann Organisationen gibt wie: http://www1.yadvashem.org/yv/de/index.asp

    Und die jetzt sogar in deutscher Sprache im www.
    Und: Ja, Zeitzeugen können unter Umständen sicher auch manches Bild verzerren, denn sie sind ja Zeugen ihres eigenen Erlebens. Wichtig finde ich aber gerade das, das eigene Erleben und darum denke ich, dass wir unsere jungen Menschen eben u.a. auf yad vashem aufmerksam machen MÜSSEN.
    Wir sind jetzt stellvertretend die Zeugen der Opfer, denke ich.

  2. Daniel meint:

    … aber wenn die Erinnerung auch ohne Zeitzeugen gelingt – und dann natürlich auch Emotionen weckt! –, ist das nicht unbedingt schlechter, oder?

  3. steffen meint:

    Nö, “schlechter” wird allein dadurch, dass diese Menschen aussterben nichts.
    Wichtig ist, dass es die Erinnerung daran und das Bewusstsein dafür gibt, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten sind und beides nur Möglich wird, wenn vor allem die Freiheit des jeweils anders denkenden, glaubenden, lebenden etc. verteidigt wird.
    Ich befürchte manchmal, dass Menschen immer noch nicht deutlich genug erkennen, dass eine ablehnende Haltung gegenüber dem jeweils anderen, schon der Grundstein von Unfreiheit und Unfriede sein kann.
    Sich mehr Raum geben gegenseitig, das wäre mein Wunsch. Raum in Synagogen und Moscheen, in Kirchen und anderswo.
    Wir streiten darum, ob von einer Moschee in Deutschland ein Muezzin rufen darf.
    Ich denke, das ist z.T. auch das alte sture Festhalten an dem, was wir als “verbindliche” Werte für uns definiert haben. Religions oder eben Nichtreligions-freiheit und somit Freiheit an sich, schließt eben auch das mit ein. Ebenso wie die Beschneidung eines jüdischen Kindes (auch wenn man es nat. Medizinisch einwandfrei machen muss) oder die Taufe oder, oder oder…All das gehört in ein freies Land.
    Sich Raum geben für- und miteinander. Das geht gut ohne Zeitzeugen, doch es braucht eine Kultur der Offenheit auch gegenüber dem, was damals geschah, als jeder Raum für den jeweils anderen abgeschlossen wurde. Und diese Offenheit spüre ich nicht wirklich im Alltag in Deutschland 2013.
    Wenn in Schulen und Betriebskantinen immer noch vom “Mulla” (der türkische Mitschüler/ Kollege) oder vom “Judenspitz” (der etwas gewitzte und auch eigenartige Mitschüler/ Kollege) gesprochen wird.
    Darum sage ich: Zeitzeugen sind jetzt wir, die wir darum wissen und darum wissen wollen. Wir stehen in diesem Erbe, denn der, dem wir angehören, der wird in dem Moment geleugnet, in dem wir dieses Erbe als “Zeitzeugen” nicht antreten. Ich denke so meinst du es auch, wenn du schreibst, es geht auch ohne Zeitzeugen (im engeren Sinne). Es wäre schlimm. wenn es nicht ginge. Es geht immer auch, wenn jemand nicht mehr da ist, doch nur dann, wenn jemand das Erbe auch antritt.

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