Missbrauchtes Gebet

27. Juni 2013

Der weltweite Hype rund um Nik Wallendas Grand-Canyon-Weltrekord-Balance-Akt – im Fernsehen live übertragen, aber mit zehn Sekunden Verzögerung, für den tragischen Fall des Falles – war vorhersehbar. Dass man den Hochseilartisten wegen seiner innigen Stoßgebete mancherorts nun auch zum christlichen Helden hochstilisiert, ist peinlich.

Die Spekulationen um Wallendas innerste Motive sind dabei völlig müßig. Entweder ging es ihm um verkrampft-»fromme« Publicity, – was der »Guten Nachricht« noch nie sonderlich gut getan hat. Oder, was wahrscheinlicher, aber kaum besser ist: Er hat aus tiefstem Herzen gebetet. Dann aber hätte sich der mehrfache Familienvater (dessen Verantwortung sich nicht in der gesicherten Finanzierung des Studiums seiner Kinder erschöpft …) lieber nicht in den Psalmen bedienen sollen – wo Menschen in überwiegend unverschuldeten Notlagen zu Gott flehen –, sondern vielleicht besser beim Zöllner aus dem Lukasevangelium

 

9 Kommentare zu “Missbrauchtes Gebet”

  1. Sibylle Luise meint:

    Eben! Ich habe mit solchen Stunts immer ausgesprochen Probleme. Ich verstehe nicht, wieso man sich “nur zum Spaß” (oder was ist das sonst?) in Lebensgefahr begeben muss und ich verstehe auch nicht, welchen “Kick” es ergeben soll, dabei zuzugucken. Ich will nicht Augenzeuge werden, wie ein Mensch “unnötig” stirbt und zu meiner Unterhaltung muss niemand mit seinem Leben spielen. Ich könnte eine solche Leistung bewundern, wenn sie gesichert vollbracht werden würde. Und dann wäre es auch okay, dabei zu beten. So kommt es mir mir fast zynisch vor. Gott hat uns unser Leben bestimmt nicht gegeben, dass wir es leichtfertig in Gefahr bringen. Und dann noch zu erwarten, dass er da die “Versicherung” spielt, ist für mich eine seltsame Einstellung.

  2. Michael Molthagen meint:

    Mir fällt da nur Jesu Antwort auf die Versuchung durch den Teufel ein: “Es steht aber auch geschrieben: ‘Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen’”.

  3. Christoph meint:

    Hi Daniel,

    m. E. ist so ein “Stunt” widerlich und hat nichts mit Verantwortung oder Religion zu tun. Es ist einfach sinnlos. Eine solche Aktion dient lediglich der Befriedigung eines irrwitzigen Egos (vergleiche den Stratosphärensprung von Felix Baumgartner). Der Gedanke ist zynisch und ich wünsche das schon allein der Angehörigen wegen niemandem, aber es wäre interessant, zu erfahren, wie die Öffentlichkeit damit umgeht, wenn so etwas schiefgeht.

    Grüße,
    Christoph

  4. Daniel meint:

    … mit Sicherungsseil hätte ich die Aktion übrigens toll gefunden. Glaube hat ja auch was »Verrücktes«. Und dann hätten auch die Gebete ihren Sinn gehabt, finde ich. Aber das war ihm ja nicht genug Kitzel …

  5. Steffen meint:

    Ebenso “widerlich” sind all die Menschen, die mal das Fliegen angefangen haben und dabei beteten und ihre Nachfolger, die betenden Flugpassagiere (da gibt`s sogar Räume dafür) oder die ersten Autofahrer und die heute in den Autobahnkirchen (noch schlimmer: Motorradfahrer – das Letzte)?
    Auch meine Kirche macht das Spiel mit und lebt sogar noch davon.
    Der Kern ist doch wohl der: “Menschen ist Menschen” (Zitat aus:”Die Muppets in NY”;-)
    Mehrheitlich ist es doch auch eine Form von (menschlichem) Egoismus, wie Menschen beten.
    Nicht jeder ist ja ein Religionsgelehrter (Gott sei Dank). Viele sind eben nur “geistlich arm”, unvernünftige Menschen eben.
    Übrigens: Auch die, die 50 Jahre lang Berge von Fleisch in sich hineingestopft haben und nun einen Herzinfarkt bekommen, beten.
    Dafür hat auch meine Kirche wieder Räume geschaffen.
    Muss ich da jetzt austreten, weil die für unverantwortlich handelnde Menschen da sind?
    Aber ich traue Gott zu, dass er auch die liebt, die wenig Verantwortung zeigen. Drogensüchtige z.B. oder junge, unverheiratete Frauen, die Kinder in die Welt setzen. Die scheint er ja besonders zu mögen. Ich bleib also dabei bei dieser unvernünftigen Kirche.

  6. Daniel meint:

    Hmm, ich verstehe den Zusammenhang zum ursprünglichen Beitrag noch nicht so richtig …

  7. Steffen meint:

    Entweder ging es ihm um verkrampft-»fromme« Publicity, – was der »Guten Nachricht« noch nie sonderlich gut getan hat. Oder, was wahrscheinlicher, aber kaum besser ist: Er hat aus tiefstem Herzen gebetet. Dann aber hätte sich der mehrfache Familienvater (dessen Verantwortung sich nicht in der gesicherten Finanzierung des Studiums seiner Kinder erschöpft …) lieber nicht in den Psalmen bedienen sollen …

    DAS kann ein Schlag ins Gesicht eines Menschen sein, denn es implementiert, dass es ein richtiges und ein falsches Beten gibt.
    Jesus lehrt uns zwar das Beten, doch er sagt damit nicht: Bete vorschriftsmäßig.
    Was unterscheidet diesen Mann denn von den Millionen Familienvätern die sich tgl. dem Herzinfarkt entgegenarbeiten und entgegenleben und denken, sie tun es für ihre Fam.??? Hört Gott die nicht, weil sie vielleicht “selbst Schuld” sind?
    Ich glaube, Gott hört jedes Gebet aus dem Herzen und ich glaube, Gott mag es nicht, wenn Menschen die Frömmigkeit anderer Menschen zu beurteilen versuchen nach dem Motto: “Entweder ging es ihm …
    oder (noch schlimmer) “Dann aber hätte sich der mehrfache Familienvater …
    “Chrislich” kann es doch vor allem sein, für diesen Mann zu beten, oder?
    Und das tun wir ja jeden Sonntag (mind.) DA sind wir bei allen, aber vor allem bei denen die “wenig Vernunft, Verantwortung etc.” zeigen.
    Das bürgerliche “Sicherungsseil” kann uns da nicht vor allem interessieren.

  8. Daniel meint:

    OK, jetzt!

    Dass Gott jedes noch so falsche Gebet hört (und womöglich erhört) – keine Frage! Und ich mache Menschen Mut zum Beten, wo immer ich kann. Das spricht aber doch nicht gegen die Möglichkeit (und vielleicht sogar die Pflicht), fragwürdiges Beten als solches anzusprechen. Da habe ich nicht nur das Extrembeispiel aus dem Blog-Beitrag im Sinn, sondern auch so manche in Gebetsgemeinschaften nachgeplapperte Floskel, als Fürbittengebet getarnte Moralappelle an die Gemeinde (“Lass’ uns erkennen, dass wir die Schöpfung bewahren müssen” etc.). Auch Jesus hat vorm Plappern abgeraten. Und hat die Plappermäuler trotzdem erhört. Beides steht beieinander.

  9. Steffen meint:

    Okay, so wird also die Überschrift: “Missbrauchtes Gebet” ja noch fragwürdiger, denn wer kann das be(ver)-urteilen, außer Gott?
    Das klingt mir so ei bisschen nach (sorry) entartet…etc. und da bin ich sensibel.
    Darum geht`s mir.
    Lassen wir doch jeden beten wie er will. Seine Motive dafür können wir ohnehin nicht erkennen. Gott aber kann es.
    Ich habe sehr oft gedacht: Was betet der (die) da für`n Mist!
    Da habe ich gesündigt, weil mich erhoben.
    Darum rät Gott ja auch dazu, die Tür zu schließen beim Beten.
    Wenn`s aber so ist, dann muss es eben auch mal laut und vor aller Welt sein;-)
    Ist ja auch Teil unseres Dienstes, manchmal.
    Ich jedenfalls freue mich, dass dieser Mann sich getragen wusste und glaube, Gott war bei ihm, auch wenn er vielleicht “unverantwortlich” gehandelt hat.
    Ein “Held” -worin auch immer – ist er für mich dadurch natürlich nicht und auch ich finde das blöd was er da tut.
    Aber von irgendwas muss ja auch ein gläubiger Hochseilartist leben;-)

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