Mehr als Wirklichkeit

9. Juli 2008

Adolf Jülicher gilt als Vater der »modernen« Gleichnisauslegung. Vor rund 100 Jahren erschienen seine »Gleichnisreden Jesu«. Ihre wirkungsgeschichtlich wichtigste These: Jesus hat für seine Gleichnisse die Grundform des Vergleichs gewählt…und der zeichnet sich vor allem durch seine Klarheit aus: »Achill ist wie ein Löwe« – das ist eindeutig. Es gibt also nix zu interpretieren. Dem Hörer werden allgemeine, moralische Satzwahrheiten vermittelt – und Jesus war zuerst und vor allem Lehrer.

Erst die böse Urgemeinde, so Jülicher, hat die jesuanischen Gleichnisse allegorisierend verstanden und aufgeschrieben. Dabei hat sie auf die Grundform der Metapher zurückgegriffen. Auf diese Weise sind die Gleichnisse schwammig und unverständlich geworden: »Achill ist ein Löwe« – was genau soll das denn heißen? Aus den Gleichnissen Jesu ist somit nachträglich »uneigentliche« Rätselrede geworden, wofür u.a. die »Parabeltheorie« in Markus 4,10-12 steht. Die Metapher ist unnötiger »Redeschmuck«, den man besser weggelassen hätte. Ziel der Exegese muss es sein, die ursprünglichen Texte zu rekonstruieren – nur die haben Qualität.

»Halt!«, sagt einige Jahrzehnte später Eberhard Jüngel (der immer dann auf Hochtouren zu kommen scheint, wenn er anderen widersprechen kann…aber das nur nebenbei). »Ist es nicht eher so, dass wir ohne die Metapher gar nicht auskommen, weder im normalen Leben noch in der Theologie? Dass Metaphern der Wirklichkeit zu widersprechen scheinen und gleichzeitig über die Wirklichkeit hinausgehen – “Achill ist ein Löwe”, “Jesus ist Gottes Sohn” –, ist das nicht entscheidend? Wie soll es ohne das mit den Metaphern verbundene Risiko überhaupt zu Erkenntnisgewinn und zu Entdeckungen kommen? Bleibt nichtmetaphorische Rede – so eindeutig sie ist – nicht immer auch etwas reizlos und steril? Und: Wer sagt eigentlich, dass “eigentliche” Rede nicht anreden darf, so wie es Metaphern tun? Ist nicht gerade “Gott” ein durch und durch ansprechendes Wort? Die Paradoxie, dass Gott und Welt radikal voneinander unterschieden sind, dass Gott aber trotzdem zur Welt gekommen ist und kommt, lässt sich das nichtmetaphorisch überhaupt ausdrücken? Und wie sonst soll man vom Glauben reden, wenn nicht in der Form der Erzählung? Ist es nicht so, dass allein die Metapher in der Lage ist, das vollkommen fremde Wort vom Kreuz mit Sinn zu füllen? Und schafft nicht gerade “[d]ie theologische Metapher … mit der Welt in der Welt Raum für Gott”?!«

Und siehe da – in der Prüfung vorhin (erstes Thema: »Markinische Gleichnisse«) durfte ich sogar ein bisschen was davon erzählen… :-)

 

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