Mauern – und »mein Gott«

26. Juli 2011

[M]it meinem Gott [kann ich] über Mauern springen.

…betet David gegen Ende seines Lebens, in 2. Samuel 22,30b bzw. Psalm 18,30b. »Mauern« gab es in der Tat auch bei Israels Vorzeigekönig genügend. Mal in Gestalt politischer Feinde, mal durch eigene Eskapaden (wie Davids Umgang mit Batseba bzw. deren Mann Uria in 2. Samuel 11 demonstriert). Aber: Auf »meinen Gott« ist Verlass. Das gesamte Alte Testament erzählt, dass Gott nicht irgendein Gott ist, sondern Menschen persönlich begleitet und unterstützt. Dieser Gott ist tatsächlich »mein Gott«.

Im Neuen Testament und in Jesus bekommt dieser Gott ein greifbares Gesicht. Gott begegnet Menschen als Mensch, auf Augenhöhe. Persönlich. Als »mein Gott«. Und der oben zitierte Satz gewinnt neue Bedeutung: Jesus hat Mauern überwunden. Die Mauern zwischen Gott und Mensch – und zugleich die Mauern zwischen den Menschen. Diesen Zusammenhang veranschaulicht bis heute das Abendmahl: Jesus lädt uns ein an seinen Tisch, – und prompt entdecken wir neben uns andere Menschen, die genauso eingeladen sind (ob uns das schmeckt oder nicht). »Mein Gott«, – das können Christinnen und Christen also immer nur gemeinsam sagen. Und in diesem Moment springen sie über die alten Mauern.

An und für sich war das auch in Korinth gelungen, in der ersten christlichen Gemeinde dort. Millionäre und Müllmänner, – in der antiken Multi-Kulti-Stadt saßen sie an einem Tisch. Alte Mauern waren übersprungen worden. Oder doch nicht? Der erste Korintherbrief berichtet gleich im ersten Kapitel von einer fatalen Schieflage. Vier verschiedene Parteien erwähnt Paulus (vgl. 1. Korinther 1,11f.), – bei einer Gemeindegliederzahl von maximal 80 ist allein das schon bemerkenswert (und ebenso bitter wie tröstlich). Die Charakterisierung der vier Grüppchen (vgl. 1. Korinther 1,12) verrät aber noch mehr: Die einen Korinther halten zu Paulus, die anderen zu Apollos, die dritten zu Kephas bzw. Petrus (also zu verschiedenen Führungspersönlichkeiten), – und die vierte Partei bekennt sich demgegenüber öffentlich zu Christus.

Aus dem gemeinsamen Bekenntnis aller Christinnen und Christen ist also unter der Hand das Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer christlichen Sub-Gruppe geworden. Die »Jesus-Karte« ist gespielt. Und »mein Gott« ist nicht mehr »mein Gott«. Denn: »Mein Gott«, das ist jetzt plötzlich possessiv gemeint, zeigt einen offensiv proklamierten Besitz an (vgl. Gollums Bonmot »Mein Schaaattttzzzzzz«…): »Wir gehören zu Christus – und ihr nicht.« »Mein Gott ist nicht dein Gott.« Dann aber werden Mauern nicht übersprungen, sondern neu hochgezogen. Anders ausgedrückt (mit einer Formulierung von Tobias): »Mit meinem Gott kann ich hinter Mauern springen…«

 

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